Die Statue der Aussöhnung

Die Holzfigur hat inzwischen einen Arm eingebüßt. Ansonsten ist sie im Top-Zustand und wird zukünftig nicht mehr von Uwe Langeloh (rechts), sondern von Matthias Fischer-Willwater verwahrt.
1 von 2
Die Holzfigur hat inzwischen einen Arm eingebüßt. Ansonsten ist sie im Top-Zustand und wird zukünftig nicht mehr von Uwe Langeloh (rechts), sondern von Matthias Fischer-Willwater verwahrt.

Uwe Langeloh hat lange eine Holzfigur mit Fußballgeschichte gehütet, jetzt reichte er sie an Matthias Fischer-Willwater weiter

shz.de von
02. Juni 2018, 15:59 Uhr

Die kleine Figur zeigt einen Fußballspieler, der auf einem Sockel steht und ausholt, um einen Ball zu kicken. Die filigrane Schnitzarbeit ist über 70 Jahre alt, über ihre Herkunft und den Künstler ist nichts bekannt. Aber sie steht für eine besondere Geschichte, die eng mit der von Quickborns „Mister Fußball“ Uwe Langeloh verbunden ist. In seinem Besitz war die Figur, ein Geschenk, viele Jahre. Nun reichte er sie weiter an den studierten Historiker und Heimatforscher Matthias Fischer-Willwater, der sie zukünftig verwahren wird. Damit ist er jetzt der Hüter einer berührenden Geschichte über die versöhnliche Kraft des Sports im Allgemeinen und des Fußballs im Besonderen.

Sie erzählt von dem englischen Offizier Frank Bushby (Foto), der als Mitglied der nach dem Zweiten Weltkrieg installierten englischen Militärregierung nach Quickborn kam. Zeitzeugen bezeichneten ihn später als „Glücksfall“ für Quickborn, denn Bushby setzte von Beginn an auf Versöhnung, wollte Vorurteile überwinden und einstige Gegner zu Freunden machen. Sein Ziel erreichte er mit Hilfe des Sports, der seine Leidenschaft war: Fußball. Bushby, so erinnert sich Langeloh, bat zum friedlichen Kampf um das runde Leder, kaum dass die Waffen schwiegen. Auf dem Sportplatz an der Feldbehnstraße gegenüber der Schokoladenfabrik brachte er Deutsche und Engländer zusammen.

Der FC Holstein, einer der Vorgänger des heutigen TuS, gegen Militärbedienstete aus dem Mutterland des Fußballs – dieses Freundschaftsspiel war eine Sensation und ist möglicherweise auch dem damals gerade mal zehn Jahre alten Langeloh zu verdanken. Allen Sprachbarrieren zum Trotz plauderten der Junge und der Offizier bei ihren Treffen im damals noch überschaubaren Quickborn über ihr Lieblingsthema – Fußballmannschaften, Spiele, Aufstellungen. „Im Laufe der Jahre wurde er für mich wie ein Vater“, sagt Langeloh, der heute keine Erinnerung mehr daran hat, wie das Spiel ausgegangen ist. Geblieben ist bei ihm aber das Gefühl, das am Ende alle als Sieger aus der Partei hervorgingen.

Für den Engländer markierte das Match offenbar den Beginn seiner sportlichen Aufbauarbeit in Quickborn. Den Spielern des FC Holstein half er, wo er konnte, organisierte für sie in seiner Heimat sogar einen Satz Trikots. Durch sein Engagement, so sieht es Langeloh, wurden aus einstigen Feinden Freunde fürs Leben.

Langeloh erinnert sich noch gut an seine Treffen mit dem englischen Offizier. „Es war mir eigentlich verboten, Kontakt zu Frankie, wie ihn alle nannten, zu haben. Meine Mutter wollte das nicht“, sagt er. Bushby suchte sie auf und machte offenbar Eindruck mit seiner Freundlichkeit. Von da an durfte Sohn Uwe seinen väterlichen Freund auch weiter besuchen. Ein Glücksfall für den Jungen, dessen eigener Vater zu der Zeit in Kriegsgefangenschaft war.

1947 kehrte Bushby nach England zurück. Spielerausschuss und FC-Präsidium verabschiedeten den „dear sporting comrade“, also den lieben Sportskameraden, wie es in einem Brief heißt, mit einer hölzernen Fußballerstatue als Erinnerung an seine Zeit in Quickborn und Dank für alles, was er für die Stadt und ihre Menschen getan hat. Es sollte eine Trennung auf Zeit sein. Mitte der 1950er Jahre kehrte er nach Deutschland zurück, um in Hamburg im englischen Konsulat zu arbeiten. Seine neue Heimat wurde natürlich Quickborn, wo er später mit Annaliese Reimers die Liebe seines Lebens fand.

Als sie 1986 starb, lebte er allein im Haus an der Pinneberger Straße, tauchte aber nach wie vor regelmäßig auf dem Fußballplatz auf, um Freunde zu treffen und zu fachsimpeln, erinnert sich Langeloh. Fotos von ihm oder Hinweise in Dokumenten gibt es nur wenige – trotz seiner Verdienste um Quickborn. Kurz vor seinem Tod 1991 – Bushby wurde 79 Jahre alt – schenkte er die kleine Fußballtrophäe seinem vielleicht ersten Freund in Quickborn, der sie all die Jahre wie einen Schatz hütete. Dass er sich nun von ihr getrennt hat, begründet er ganz pragmatisch mit seinem Alter. „Wenn mir mal was passiert, geht sie möglicherweise verloren und mit ihr die geschichte.“ Das wollte ich unbedingt verhindern.“ Fischer-Willwater wird sich nun um den kleinen Kicker kümmern und vor allem die Geschichte dahinter erforschen. Die notwendigen Unterlagen lieferte Langeloh gleich mit.

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen