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Fluchtlingshilfe in Quickborn : Die Organisatoren schlagen Alarm

vom
Aus der Redaktion des Quickborner Tageblatts

Caritasverband und Diakonisches Werk stellen Konzept vor und appellieren an die Politik. Helfer seien überfordert. Der Sozialausschuss vertagt weitere Beratung auf eine Sondersitzung.

shz.de von
erstellt am 15.Jan.2016 | 13:02 Uhr

Quickborn | Fast drei Stunden dauerte sie insgesamt – und ließ am Ende einige Ratlosigkeit bei Politikern, Vertretern der Verwaltung sowie von Diakonischem Werk, Caritas und ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern gleichermaßen zurück. Denn die jüngste Sitzung des Quickborner Ausschusses für Kinder, Jugend und Soziales (AKJS) brachte kein Ergebnis in der Frage, wie die Flüchtlingsbetreuung in der Eulenstadt künftig finanziell und personell adäquat aufgestellt werden kann.

Stattdessen vertagten sich die Ausschussmitglieder auf eine Sondersitzung, die im Vorfeld der kommenden Versammlung des Finanzausschusses am Dienstag, 26. Januar, stattfinden soll. Vom Caritasverband Schleswig-Holstein war Sozialreferent Norbert Schmitz ins Johanniter-Kinderhaus Quickelbü gekommen. „Betreuung und Beratung von Flüchtlingen – Grundgedanken des Konzepts von Caritas und Diakonischem Werk in Quickborn“ hieß der Vortrag, mit dem er dem Gremium das von den beiden Wohlfahrtsverbänden gemeinsam erstellte Papier näherbringen wollte.

Bereits in der Einleitung dieses Tagesordnungspunkts hatte Christian Rohde vom Diakonischen Werk Hamburg-West/Südholstein die Notwendigkeit betont: „Die ehrenamtlichen Helfer sind keine Fachkräfte, keine Sozialpädagogen. Wir plädieren dringend für eine Professionalisierung.“ Schmitz unterstrich diese Aussage: „Es braucht hauptamtliche Unterstützung, sonst bröckelt das ehrenamtliche Engagement ab.“

Das Konzept umfasst vier Kernpunkte: erstens ein Willkommenspaket mit allgemeinen Informationen zum Wohnort, zweitens regelmäßige Besuche bei Asylsuchenden sowie den Einsatz von Sprachmittlern, drittens Krisenintervention und Begleitung zu Behörden sowie viertens Netzwerkarbeit und Förderung ehrenamtlicher Unterstützung.

Erforderlich sind dem Konzept zufolge zwei Fachkräfte für Betreuung, vier Sprachmittler auf Basis geringfügiger Beschäftigung, Unterstützung für administrative Tätigkeiten, ein Ausbau der Koordination Ehrenamtlicher sowie Mittel für Sachkosten und Ausstattung. Wie Schmitz ausführte, beliefen sich die Kosten, die der Stadt entstünden, auf etwa 180.000 Euro.

m Februar 2015 lautete das Verhältnis 18 zu 90 – bis Dezember wuchsen die Zahlen auf 130 zu 300. Die Rede ist von den Relationen zwischen Flüchtlingshelfern und denjenigen, die in der Eulenstadt Zuflucht suchen vor Krieg und Zerstörung, etwa in Syrien, Irak, Eritrea oder einem der zahlreichen anderen Krisengebiete der Welt. Zwei, die bestens über diese Zahlen und die damit verbundenden Herausforderungen Bescheid wissen, sind Christian Rohde und Mathias Wittig vom Diakonischen Werk Hamburg-West/Südholstein. Gemeinsam mit der Stadtverwaltung und dem Caritas-Migrationsdienst um Andja Zdravac-Vojnovic waren sie maßgeblich beteiligt  am Aufbau des Runden Tischs, an dem sich seit Frühjahr vergangenen Jahres im Zwei-Wochen-Rhythmus alle ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer treffen, um über die Bedürfnisse der Geflüchteten zu sprechen und Angebote für sie zu organisieren.
Ein Ergebnis sei die Eins-zu-eins-Betreuung von Neuankömmlingen, sagt Wittig, der seit Mai eine halbe Stelle als Ehrenamtskoordinator bekleidet. „Das heißt, dass wir die Menschen bei der Erstorientierung betreuen“, ergänzt Wittig. So soll gewährleistet werden, dass Geflüchtete nach der Ankunft in Quickborn bei den ersten Behördengängen nicht auf sich gestellt sind, sondern von Personen aus dem Kreis der Ehrenamtlichen begleitet werden. „Bisher schaffen wir das flächendeckend, aber es wird eng“, sagt Wittig. Zumal der Betreuungsbedarf an dieser Stelle noch lang nicht endet: Geld abheben, Begleitung bei Einkäufen, Vermittlung ärztlicher Hilfe, Anmeldung in Kindertagesstätten – die Anforderungen sind vielfältig. 
Die Menschen, die diese Art der Begleitung übernehmen, stammen ebenfalls aus dem Kreis der Ehrenamtler. „Zurzeit werden 150 von den etwa 300 Personen betreut“, berichtet Wittig. Denn: „Nicht jeder braucht oder will Hilfe. Im Falle von Familiennachzügen beispielsweise erübrigt sich das.“ 2015 seien in drei Fällen auch  Familien von Geflüchteten in Quickborn aufgenommen worden, ergänzt  Rohde.
Die Alltagshilfe ist eine Sache, Teilhabe eine andere. Auch hierfür hat der Runde Tisch zahlreiche Angebote etabliert: In mittlerweile zehn Sprachkursen vermitteln Ehrenamtliche vor allem Syrern, Irakern, Iranern und Eritreern die ersten Deutschkenntnisse. Zudem seien zwei Alphabetisierungskursen sowie einer für Frauen mit jungen Kindern eingerichtet worden, so Wittig.
Aufgrund großer Spendenbereitschaft konnte die Werkstatt im Haus Roseneck laut Rohde bisher fast allen Neuankömmlingen Fahrräder zur Verfügung stellen. In der Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuzes, die zeitweise aus allen Nähten platzte, werden Geflüchtete – gerade jetzt im Winter – mit wärmenden Textilien versorgt. Sportvereine bieten kostenloses Mittrainieren an, der Quickborner Tisch in der Werkstatt am Mittwoch und das  von Caritas und katholischer Kirche organisierte Flüchtlingscafé am Dienstag sind zu Orten der Begegnung und des Austauschs geworden. Getragen vom Ehrenamt, wohlgemerkt.
All dies wertschätzen Wittig und Rohde, wenn sie erklären: „Wir haben in Quickborn sehr viele Menschen, die uns unterstützen.“ Aber es würden Grenzen erreicht. Die Forderungen seien klar. Rohde: „Das Ehrenamt muss professionell begleitet und die Migrationsberatung ausgebaut werden. Außerdem brauchen wir Kultur- und Sprachmittler, vor allem für Arabisch, Tygrinisch und Dari.“

Im Zuge der Diskussion stellte Astrid Huemke (SPD) die Frage nach der zu erwartenden Integrations- und Aufnahmepauschale. Volker Dentzin, Leiter des Fachbereichs Fachbereichsleiter Einwohnerangelegenheiten, verwies darauf, dass davon 400.000 Euro für Personalkosten aufgewendet würden, die durch die Unterbringung von Geflüchteten entstünden, insgesamt aber 440.000 Euro aus der Pauschale im Haushalt eingeplant seien. „Die Pauschale soll wohl für alles herhalten“, quittierte Huemke dies.

Eine inhaltliche Diskussion des Konzepts fand nicht statt, konkrete Vorschläge, wie die finanzielle Umsetzung erfolgen könnte, blieben aus. Daraufhin brachte Ehrenamtskoordinator Mathias Wittig, ausgestattet mit einer Stelle über 19,5 Wochenstunden, seine Überlastung zum Ausdruck: „Ich bin mit meiner Organisation am Ende. Ich beantworte kaum noch E-Mails, auch wenn mich Herr Rohde unterstützt, wo er kann.“

Ausschussvorsitzende Annabell Krämer (FDP) unterbrach die Sitzung für zehn Minuten. „Wir sind nahezu handlungsunfähig, weil wir keinen verabschiedeten Haushalt haben“, hielt sie danach fest und präsentierte den in der Pause erarbeiteten Kompromissvorschlag: 5000 Euro monatlich Soforthilfe, „damit Honorarkräfte beschäftigt werden können, um Herrn Wittig zu unterstützen“. Doch darauf konnten sich die Politiker in der folgenden Diskussion doch nicht verständigen und vertagten diese Entscheidung ebenso auf die Sondersitzung wie die erneute Beratung über das Konzept.

Da nützte es auch nichts nichts, dass Rohde den akuten Handlungsbedarf in puncto Professionalisierung der Flüchtlingshilfe zuvor so beschrieben hatte: „Es gibt Frustration. Wir haben Ehrenamtliche, die sagen, sie machen nicht weiter. Und dann haben wir ein noch viel größeres Problem, als wir uns vorstellen können.“

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