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Lesezirkel: Bewegte Geschichte : Der Ellerbeker Familienbetrieb feiert 115. Geburtstag

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Während der Geburtstagsfeier blickten die Gäste auf die bewegte Geschichte der Firma zurück.

Ellerbek | Als Detlef Krumbeck und sein Freund Karl Klems in der Hamburger Isebekstraße am 1. April 1901 gemeinsam einen Lesezirkel gegründet haben, hätten sie sich wohl nicht träumen lassen, dass vier Generationen später die Urenkelin Krumbecks mit den Angestellten und Gästen dieses Betriebs dessen 115. Geburtstag feiern würde. „Fast alle Kollegen und die Familie waren zu Gast“, berichtete Regine Hildebrand, die vor 45 Jahren  beim Lesezirkel einstieg. Neun Jahre später folgte ihr Mann Günther. 1997 übernahmen die beiden den Betrieb und führen ihn seitdem gemeinsam.

Während der Geburtstagsfeier blickten die Gäste auf die bewegte Geschichte der Firma zurück. Nicht nur in den Gründerjahren war Flexibilität gefragt: Immer dann, wenn das Einkommen nicht ausreichte, um die Familie zu ernähren, wurden Zusatzgeschäfte getätigt – etwa mit Eiern oder Kaffee. Grund dafür war, dass um die Jahrhundertwende sehr viele derartige Firmen gegründet wurden und die Konkurrenz entsprechend groß war.

„Nach dem ersten Weltkrieg weitete Detlef Krumbeck sein Liefergebiet auf ganz Schleswig-Holstein aus“, erklärte Ur-Enkelin Regine Hildebrand. Flugs wurden alle vier Töchter und deren Ehemänner in den Betrieb mit eingebunden. Einer davon, Willi Wullenweber – Großvater von Regine Hildebrand, kaufte 1920 den ersten Lieferwagen, einen importierter Ford, um schneller im Verbreitungsgebiet unterwegs sein zu können.

„Das hatte seine Tücken: Einmal musste er, nachdem er in Altona losgefahren war, in Bönningstedt zum dritten Mal den Reifen wechseln – ein Hufnagel war die Ursache“, berichtete Hildebrand. Auch die Route musste sorgfältig geplant werden, denn es gab nur wenige Tankstellen in der Provinz. „Es kam schon öfters vor, dass ein Pferdegespann den Wagen zur nächsten Tankstelle abgeschleppen  musste“, erinnerte sie an die Anfänge.

Schwierig war die Lage in der Nachkriegszeit: Bis 1944 konnte der Betrieb aufrecht erhalten werden, doch dann gab es aufgrund der Papierknappheit keine Zeitschriften mehr. Um den Lebensunterhalt zu sichern, überbrückte die Familie mit Kleintransporten und Kurierfahrten die schwere Zeit.

Regine und Günther Hildebrand sind die geschäftsführenden Gesellschafter des Unternehmens.

Regine und Günther Hildebrand sind die geschäftsführenden Gesellschafter des Unternehmens.

Foto: Springer
 

Immerhin: Alle hatten den Krieg überlebt. 1946 beauftragte die inzwischen verwitwete Gattin des Gründers den Enkel Jürgen Wullenweber – Regine Hildebrands Vater – mit der Geschäftsführung. Doch dann entschieden die vier Töchter des Gründers mit ihren Ehemännern, den Betrieb in vier selbstständige Firmen nach den damals bestehenden Liefergebieten aufzuteilen. Hella Wullenweber erhielt dabei als einzige das Recht, den Firmennamen weiterzuführen. Seit 1956 ist der Firmensitz nicht mehr in Hamburg, sondern in Ellerbek. Zweigstellen gibt es heute in Itzehoe, Heide, Husum und Marne.

Und die Zukunft? „Der Lesezirkel-Verband hat eine App entwickelt, bei der sich Menschen im Wartebereich, etwa beim Arzt oder Frisör einloggen und vor Ort die Zeitschriften lesen kann, die der Ladenbesitzer abonniert hat“, berichtete Günther Hildebrand. Mit einer geringen Reichweite könne verhindert werden, dass weitere Personen den Service nutzen. Die Resonanz sei in der ersten Testphase allerdings geringer gewesen als erwartet. „Offenbar wollen die Menschen doch das gedruckte Produkt in der Hand halten“, sagte er.

Die Idee, Zeitschriften auszuleihen, statt sie zu kaufen sei nie aus der Mode gekommen. Beliefert würden sowohl Betriebe als auch Privatpersonen. „Und die Verlage haben den Vorteil, dass wir für sie eine feste und planbare Größe darstellen“, erläuterte der Geschäftsführer. Mit den beiden Söhnen stehen übrigens auch schon die Vertreter der fünften Generation bereit.

Die Ursprünge, gedruckte Informationen nicht zu verkaufen, sondern zu verleihen, reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück. Damals wurden handgeschriebene Nachrichten-Rollen von Haus zu Haus weitergereicht. Später begannen Buchhandlungen und Bibliotheken als Zusatzgeschäft Zeitungen mehrmals zu verleihen. Der erste urkundlich belegte Lesezirkel wurde 1610 in Kitzingen (Baden-Württemberg) gegründet. Als Postmeister hatte Pankraz Müller das Monopol für den Bezug der sogenannten Journale. Der Inhalt dieser bestand aus handschriftlichen Nachrichten verschiedener Zeitungen aus Deutschland, Österreich, den Niederlanden und Italien. Die Mitglieder des Zirkels durften sich die Mappe nur für jeweils ein paar Stunden ausleihen.
Heute beliefert der Lesezirkel Krumbeck etwa 3500 Kunden mit 15 Fahrzeugen auf 46 Touren unter anderem  in den Kreisen Pinneberg, Steinburg, Dithmarschen und Nordfriesland. Bundesweit blättern jede Woche mehr als zwölf Millionen Menschen in einem Lesezirkel-Produkt – das entspricht 17,4 Prozent der Erwachsenen.
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erstellt am 06.Apr.2016 | 17:15 Uhr

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