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Quickborner Tageblatt

17. August 2017 | 05:55 Uhr

Lesung : Das Tagebuch menschlichen Leidens

vom
Aus der Redaktion des Quickborner Tageblatts

Jugendbuchautor Dirk Reinhardt ist mit dem 2012 Roman „Edelweißpiraten“ ein besonderes Buch gelungen.

Quickborn | Er kann witzig, aber er kann auch nachdenklich: Dem Jugendbuchautor Dirk Reinhardt ist mit dem 2012 Roman „Edelweißpiraten“ ein besonderes Buch gelungen. Darin widmet er sich dem immer noch wenig bekannten und historisch kaumm aufgearbeiteten Widerstand Jugendlicher gegen den Nazi-Terror. Gestern stellte der 52-Jährige die Geschichte bereits zum dritten Mal den Schülern der neunten und zehnten Klassen an der Comenius-Schule in Quickborn vor.

Der Roman „Edelweißpiraten“ beruht weitgehend auf Tatsachen und erzählt in Tagebuchform die Geschichte derer, die sich 1933 weigerten, in die Hitlerjugend einzutreten und sich dem Drill dort zu unterwerfen. Sie wollten ihre Freiheit genießen, einfach jung sein dürfen und schlossen sich zu Gruppen zusammen, in denen sie den Widerstand probten: lange Haare statt Bürstenschnitt, bunte Klamotten statt dunkler Einheitskleidung. Ein paar tausend Jungs und Mädchen im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren waren es im Rhein-Ruhr-Gebiet. das Zentrum der Bewegung war Köln.

Sie stammten überwiegend aus der Arbeiterschaft, „also etwas ärmeren Schichten“, so Reinhardt, der die Figuren nach eigenen Angaben erfunden, sich bei der Schilderung der Erlebnisse aber an die Schilderung von den wenigen Zeitzeugen gehalten hat. „Sie verließen nach acht Jahren die Volksschule, um fast alle in die Schwer- und Rüstungsindustrie zu gehen und hier als Lehrlinge zehn bis zwölf Stunden am Tag und sechs Tage die Woche zu schuften. „Die besonders schweren Arbeiten verrichteten damals immer die Lehrlinge“, klärte Reinhardt die vor ihm sitzenden und ruhig zuhörenden Jugendlichen auf. Mit 18 Jahren wurden sie der Wehrmacht zugeteilt und in den Krieg geschickt.

„Und das wollten diese Jugens eben nicht. Sie hatten keine Lust, im Krieg zu sterben. Bei den Edelweißpiraten ging es um den Erhalt der persönlichen Freiheit. Es gab zu Anfang noch keine politischen Motive.“ Von Ausbildern und Lehrern wurden sie dafür verhöhnt, gedemütigt und verprügelt.

Als es bei Zusammentreffen mit der Hitlerjugend zu Straßenschlachten kam, wurde die Gestapo auf die „Edelweißpiraten“ aufmerksam. „Erst durch diese Nachstellungen haben die Jugendlichen ein politisches Bewusstsein entwickelt.“ Die Comenius-Schüler ließen sich in die Gedankenwelt der Widerstandgruppe ziehen, hörten, wie sie ihre zumeist nächtlichen Aktionen planten, von dem gefahrvollen Leben im Untergrund ohne Familie und Geborgenheit.

Und sie erfuhren, dass kaum ein Mitglied der Gruppe das Ende des zweiten Weltkriegs erlebt hat. Die meisten von ihnen wurden öffentlich hingerichtet, gefoltert und in das Jugend-Konzentrationslager Moringen in Niedersachsen transportiert, wo sie völlig entrechtet dem Terror der SS ausgesetzt waren. Dirk Reinhardt kann wunderbar und eindringlich erzählen, auch wenn sein Roman nicht der ganz große literarische Wurf ist. Aber er beschreibt darin akribisch den Weg der Jugendlichen von zunächst eher harmlosen Raufereien und Streichen in den aktiven Widerstand. Dabei verschweigt er auch nicht die aus heutiger Sicht verstörende Tatsache, dass schon die jüngsten Edelweißpiraten jederzeit damit rechneten, den nächsten Tag nicht zu erleben.

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erstellt am 28.Apr.2017 | 16:00 Uhr

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