Als der Rohrstock noch regierte

Die Drittklässler brachten eine gehörige Portion Neugier mit und machten sich schnell mit dem Inhalt der Griffelkästchen und dem Umgang mit der Schiefertafel vertraut.
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Die Drittklässler brachten eine gehörige Portion Neugier mit und machten sich schnell mit dem Inhalt der Griffelkästchen und dem Umgang mit der Schiefertafel vertraut.

Der Unterricht um 1900, das Schüler-Experiment

shz.de von
03. März 2018, 16:55 Uhr

Schule vor 100 Jahren – das war eine klare Angelegenheit. „Es wurde viel Wert auf Formalien gelegt“, sagt Hans-Jürgen Büll, ehemaliger Leiter der Ellerauer Grundschule und nun einer der ehrenamtlichen Mitarbeiter im Heimatmuseum der Gemeinde. Im Zweifel waren ein sauberes Taschentuch, geputzte Schuhe und akkurat geflochtene Zöpfe wichtiger als ein harmonisches Miteinander und hohe soziale Kompetenz.

Wie der Unterricht ablief, als unsere Groß- und Urgroßeltern die Schulbank drückten, durften die Drittklässler von Lehrerin Dörte Jährig gestern erleben. Die jungen Ellerauer tauschten ihr helles Klassenzimmer mit den modernen Schreibtischen und bequemen Stühlen gegen die engen Holzbänke im Heimatmuseum, den Schreiblernfüller im trendigen Design gegen Schiefertafel und dünnen Griffel.

Und dann der Umgangston. Büll machte die Kinder zunächst mit den Benimmregeln vertraut. Dazu gehörten das gemeinsame Einmarschieren in die Klasse mit dem Gruß „Lang lebe der deutsche Kaiser“, die kollektive Begrüßung des Lehrers im Stehen. Er zeigte ihnen, wie sich Oma und Opa melden mussten, als sie noch klein waren. „Da wurden der Arm nicht geschwenkt und nicht mit den Fingern geschnipst“, so Büll. Wer etwas sagen wollte, hatte aufzustehen, die Ohren mussten sauber sein, die Fingernägel erst recht. „Schule war autoritär“, sagt Büll, der für seine jungen Besucher in einen alten Gehrock schlüpfte und eine große Brille auf die Nase setzte. Als gestrenger Schuldirektor ließ er die Kinder einen Satz in Sütterlin-Schrift lesen, ein Gebet nachsprechen, das kleine Einmaleins aufsagen. Und wer nicht parierte oder die gegebene Aufgabe nicht zur Zufriedenheit des Paukers löste, machte Bekanntschaft mit dem Rohrstock. Zumindest in der Erzählung.

„Den Mädchen wurde damit auf die Finger geklopft, die Jungs bekamen einen hinten drauf“, sagte er und nannte zum Vergnügen der Kinder noch zwei weitere, aus heutiger Sicht perfide Strafen. „Wer überhaupt nicht gehorchen wollte, musste zehn Minuten auf einem Holzscheit knien – mit dem Gesicht zur Wand - oder musste sich das Bild eines Esels vors Gesicht halten. Dann durften alle anderen Kinder mit dem Finger auf ihn zeigen und ,Esel, Esel’ rufen.“ Die Reaktion der Grundschüler schwankte zwischen Spaß und Irritation. „Damals musste man ganz schön viele Regeln behalten“, sagte Lasse. Jean-Luca pflichtete ihm bei: „Schule war ganz schön kompliziert vor 100 Jahren.“ Für Tom war die Schulstunde einfach nur lustig. Büll, selbst 40 Jahre lang im Schuldienst tätig, sieht die Methoden seiner Kollegen indes kritisch. Sie seien wenig effektiv gewesen. „Erstmal halten die vielen Regeln von dem ab, was in der Schule eigentlich wichtig ist.“ Zudem habe in den Klassenzimmern früher Angst geherrscht, und „wer Angst hat, kann nicht lernen“, so Büll. Dennoch sei heute längst nicht alles besser.

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