zur Navigation springen

Premiere in Quickborn : Abrechnung mit den „Braunen“

vom
Aus der Redaktion des Quickborner Tageblatts

Schauspieler Rolf Becker und Liedermacher Kai Degenhardt geißeln den rechten Aufmarsch.

Quickborn | Am Vorabend des 9. Novembers gab es in Quickborn eine Gedenkveranstaltung der anderen Art: Mit ihrem Programm „Wölfe mitten im Mai“ mobilisierten die Künstler Rolf Becker und Kai Degenhardt etwa 250 Besucher, die im Artur-Grenz-Saal der Comenius-Schule ein zweieinhalbstündiges Programm erlebten. Zum Gedenken an den Tag, als die Mauer in Berlin von mutigen DDR-Bürgern umgestoßen wurde. Und zum Erinnern an den Beginn der November-Progrome vom 9. November, die eine offene und systematische Judenverfolgung einleiteten.

Jens Olaf Nuckel, Vorsitzender des Träger- und Fördervereins Henri-Goldstein-Haus in Quickborn, war beeindruckt von dem starken Besucher-Andrang. Unter den geladenen Gästen konnte er auch Bürgervorsteher Hennig Meyn (CDU), den stellvertretenden Bürgermeister Klaus Hensel (CDU), Gerhard Hoch, Ehrenvorsitzender des Trägervereins der KZ Gedenkstätte Springhirch, und den SPD-Bundestagsabgeordneten Ernst Dieter Rossmann (SPD) begrüßen.

Bevor die Künstler, jeder auf seine unverwechselbare Art, an diesem Abend die Bühne beherrschten, wies Nuckel auf den aktuellen Rechtsruck in Europa hin. „Ich möchte hier nur auf die Gewinne des Front National in Frankreich und hier im Lande auf den Aufmarsch der Hooligans gegen Salafisten hinweisen.“

Es lag zweifellos an der großen Vortragskunst und den geschliffenen Lieder-Texten, dass das Publikum der Abrechnung mit den „Braunen“, damals wie heute, über die lange Veranstaltungsdauer konzentriert folgte. Der Schauspieler Becker erinnerte an seine persönlichen Begegnungen mit dem politischen Liedermacher und Schriftsteller Franz Josef Degenhardt. Er begann mit einem Kapitel aus seinem Roman „Zündschnüre“, das den Alltag und die Abenteuer einiger Arbeiterkinder am Ende des Zweiten Weltkriegs in der Kleinstadt Schwelm bei Wuppertal schildert.

Kai Degenhardt, Sohn des berühmten Liedermachers, hat selbst bereits mehrere Alben veröffentlicht und fragte nach „den alten Liedern“, die nach dem Krieg nicht mehr gesungen wurden. Und fand die Antwort in dem Song seines Vaters: „Lehrer haben sie zerbissen, braune Horden totgeschrien, Stiefel in den Dreck gestampft.“ Da zuckte so mancher Zuschauer im Saal erschrocken zusammen.

Scharf zugespitzte Texte

Becker rezitierte scharf zugespitzte Texte über die Rolle der Mächtigen und der „Braunen“, die sich nach dem Krieg „Persilscheine“ ausstellen ließen und schnell Einfluss im Adenauer-Staat erlangten. Ja, doch – es gab die Anti-Atombewegung und Proteste der APO gegen die Notstandsgesetze, aber auch das Erstarken der Unverbesserlichen. Er und Degenhardt geißelten die Zeit der NPD-Erfolge, die plötzlich einige Landtage eroberten, vor denen schon in dem Song „Wölfe mitten im Mai“ gewarnt wurde. Die Pause nutzten die Besucher für intensive Gespräche. Dabei gab es nicht nur zustimmende Urteile.

Der Bundestagsabgeordnete Rossmann bestätigte dieser Zeitung: „Ich bin nicht mit allem Aussagen von Bertolt Brecht oder Franz Josef Degenhardt einverstanden, aber ich respektiere die Absicht dieser Veranstaltung, vor der Gefahr des Rechtsrucks in Europa zu warnen.“

Nach der Pause stellte Becker eine Verbindung zwischen einem tragischen Gastarbeiter-Schicksal im Lied-Text „Tonio Schiavo“ mit den Lampedusa-Flüchtlingen in Hamburg her und machte dem Senat die hinhaltende Behandlung zum Vorwurf. Im Zusammenhang mit der Finanzkrise schilderte er seine persönlichen Eindrücke von den sozialen Auswirkungen der angeblichen „Sparzwänge“ in Griechenland, unter denen ausschließlich die kleinen Leute leiden würden. Da ist die Bewunderung für den griechischer Komponisten, Schriftsteller und Politiker Mikis Theodorakis verständlich, der im hohen Alter von 89 Jahren für sein Volk vor dem Parlament demonstrierte. Gemeinsam sangen die Künstler das Lied „Kämpfen für jeden Tag, an dem die Sonne tanzt“. Und selbstverständlich hörte das Publikum am Schluss auch den erfolgreichsten Song Franz Josef Degenhardts „Spiel nicht mit den Schmudddelkindern“.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 10.Nov.2014 | 10:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert