Neue Bestattungsformen : Bönningstedter Ruhehain immer nachgefragter: Das steckt hinter dem Trend

Avatar_shz von 06. Dezember 2021, 07:00 Uhr

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Der Ruhehain in Bönningstedt verzeichnet gegenüber 2010 heute etwa drei Mal so viele Bestattungen.
Der Ruhehain in Bönningstedt verzeichnet gegenüber 2010 heute etwa drei Mal so viele Bestattungen.

Der Bönningstedter Ruhehain verzeichnet seit Jahren steigende Zahlen an Bestattungen – anders als sein Nachbar. Friedhöfe ziehen bei der Nachfrage nach der letzten Ruhe unter Bäumen nach.

Bönningtedt | Nach dem Tod in der Natur aufgehen, Grundlage für neues Leben stiften – sterbliche Überreste spielen im natürlichen Kreislauf eine wesentliche Rolle. Davon war der Mensch zuletzt zunehmend weit entfernt. Zu den Errungenschaften der modernen Zivilisation gehörten auch die strikten Bestattungsregeln, die lange eine Beisetzung ausschließlich auf ausgewiesenen Friedhöfen vorsahen.. Konzept schwappt aus der Schweiz nach Deutschland Seit der Jahrtausendwende hat sich das geändert. Damals hat der Schweizer Ueli Sauter in seiner Heimat die rechtliche Möglichkeit erwirkt, die Asche Verstorbener auch in einem extra gewidmeten Wald unter die Erde bringen zu dürfen. Das sollte ihnen die Möglichkeit geben, dem Baum die eigenen Nährstoffe zur Verfügung zu stellen und somit im Tod wieder zum Kreislauf des Lebens beizutragen. Die Rechte an diesem Konstrukt verkaufte der Schweizer auch nach Deutschland. Die FriedWald GmbH und später die Ruhefort GmbH waren die ersten, die das Konzept anboten. Inzwischen gibt es zahlreiche kleinere Bestattungswälder jenseits der zwei großen Marken. Ein kleiner Einzelwald ist der Ruhehain in Bönningstedt. Und der hat gegenüber dem direkt daneben gelegenen Heidefriedhof in den letzten Jahren regelrecht geboomt. Im Jahr 2010 wurden im Ruhehain noch 57 Menschen beerdigt, auf dem Heidefriedhof waren es 49. Seither haben sich die Zahlen im Ruhehain nahezu verdreifacht, während sie auf dem Heidefriedhof gleich geblieben sind. Bis 2020 verdreifacht sich Zahl der Bestattungen im Ruhehain 2018 wurden auf dem Heidefriedhof 69 Menschen beerdigt, im Ruhehain aber 132. Und während auf dem Heidefriedhof in den Folgejahren 71 (2019) und 46 (2020) beerdigt wurden, ist die Zahl im Ruhehain weiter konstant gestiegen: 2019 fanden dort 150 Bestattungen statt, 2020 waren es 152. Diese Zahlen lieferte Marcel Gärtner aus der Stadtverwaltung Quickborn, die auch für die Bönningstedter Grabstätten zuständig ist. „Wir machen keine Reklame“, sagt Emile Jurgens, Geschäftsführer des Bönningstedter Ruhehains im Gespräch mit shz.de. „Das kommt alles durch Mund-zu-Mund-Propaganda.“ Oft würden Menschen, die eine Beerdigung im Ruhehain miterleben, im Anschluss selbst auf die Idee kommen, sich dort einen Baum auszusuchen, unter dem sie einmal bestattet werden möchten. Dementsprechend hat sich das Angebot auch in der gesamten Region stark vergrößert so dass Interessenten eine gute Auswahl an verschiedenen Wäldern haben. „Durch unsere Nähe zu Hamburg ist es tatsächlich so, dass viele unserer Kunden aus der Stadt kommen“, so Jurgens. Demnach kommen etwa 10 Prozent aus Schnelsen und zirka 30 Prozent aus den anderen Stadtteilen. „Rund 20 Prozent kommen aus der Gegend Bönningstedt, Hasloh, Quickborn, Ellerbek, Ellerau, Rellingen und 20 Prozent aus Norderstedt“, erklärt der Geschäftsführer. Ruhehain bietet Nutzungsrecht bis 2105 Die Nutzungsrechte an diesem Baum, also wie lange man dort ungestört liegen darf, erwirbt man im Bönningstedter Ruhehain dann bis zum Jahr 2105 – bis dahin ist der Wald als Bestattungswald gewidmet und der Baum ganz sicher vor einer Fällung geschützt. Das wären noch 84 Jahre. Einen Platz reservieren darf sich jeder, ungeachtet dessen, wie viel Lebenserwartung er noch hat: „Es ist egal, ob wir den Platz erst verkaufen, wenn jemand schon verstorben ist, oder viel früher“, so Jurgens. „Denn durch die langen Nutzungsrechte, kann ohnehin jeder Platz nur einmal vergeben werden.“ Das ist länger als auf den meisten Friedhöfen. Dort beträgt die Ruhezeit in der Regel etwa 20 Jahre, nach Bodenbeschaffenheit und Auslastung schwankend, und müsste dann verlängert werden. Immer ist das aber nicht möglich. Bis zu zwölf Urnen finden im Umkreis von bis zu drei Metern unter jedem Baum des Ruhehains Platz. Auf Wunsch können die Namen der Beerdigten in an den Bäumen befestigte kleine Tafeln eingraviert werden. In Bönningstedt kann auch für den Ruhehain die Friedhofskapelle genutzt werden. Die Urnen müssen aus biologisch abbaubarem Material sein. Allerdings dürfen im Wald aus Gründen des Naturschutzes keine Blumen, Kerzen oder anderer Grabschmuck abgelegt werden. Das fällt vielen Trauernden offenbar nicht leicht, denn spaziert man durch den Ruhehain, findet man hier und da immer wieder ein paar dezente Blütenköpfchen oder doch mal ein Licht. „Das ist eigentlich nicht erlaubt“, sagt Geschäftsführer Jurgens, der übrigens Förster ist und für die Pflege des Waldes zuständig. „Wir räumen das deswegen immer wieder weg.“ Geahndet hat er so einen Verstoß bisher allerdings noch nie. „Ja, es ist formell eine Ordnungswidrigkeit. Aber es sind einfach trauernde Menschen. Wir haben das noch nie verfolgt.“ Bestattungswälder unterscheiden sich stark Der Bönningstedter Ruhehain ist ein Mischwald, hat nur verschlungene Trampelpfade, keine breiten Wegschneisen. Es gibt Buschwerk, reichlich herumliegendes Totholz, Bereiche, in denen ein Weg beinahe fehlt. „Wir haben den Wald so vorgefunden und wollten ihn möglichst so natürlich belassen wie er eben war“, betont Jurgens. „Wenn Sie das mit dem Kummerfelder Ruheforst vergleichen, sehen Sie ein ganz anderes Bild. In dem Laubmischwald stehen überwiegend große Bäume und kein Buschwerk zum Beispiel“, erläutert Jurgens. Die Bestattungswälder hätten alle sehr unterschiedliche Gesichter, seien jeder auf seine Weise schön. Den Trend zur Bestattung im Wald hat auch Andrea Uhlig von dem kirchlich geführten Friedhof in Quickborn bemerkt. „Bäume sind total angesagt“, sagt sie im Gespräch mit shz.de. Auf dem Quickborner Friedhof sind die Beerdigungszahlen weitgehend konstant geblieben, die Nachfrage sei aber da. „Deswegen haben wir seit 2018 Urnen-Staudengräber rund um einen Baum im Angebot“, sagt sie. Man habe davon mittlerweile zehn weitere Grabstätten gebaut, die je zwölf zweistellige Urnengräber beinhalten. 2021 seien nun noch zwei neue entstanden, die auch schon annähernd wieder belegt seien. Zwei bis vier weitere solcher Baumring-Grabstätten möchte sie noch schaffen. „Außerdem habe ich auf unserem Friedhof noch eine Ecke mit tollen Buchen gefunden, da könnte man vielleicht auch noch etwas machen“, sagt Uhlig. Klassischer Friedhof bietet Infrastruktur Für sie habe der klassische Friedhof auch erhebliche Vorteile: „Hier gibt es Toiletten und befestigte Wege“, sagt sie. „Außerdem sind klassische Friedhöfe oft verkehrstechnisch besser zu erreichen.“ Zwei Faktoren, die gerade für ältere Trauernde nicht außer acht zu lassen sind. Sie habe schon von Pastoren gehört, die sich mit ihren Talaren im Geäst verfangen hätte. Der klassische Friedhof ist also auch talarfreundlicher. „Ich finde spannend, dass diese Konzepte der Baumbestattung auf dem klassischen Friedhof auch Einzug halten können.“ Man dürfe nicht vergessen, so Uhlig, dass auch trotz größerer Kultivierung, klassische Friedhöfe einen erheblichen Wert als Naturraum hätten. „Wir haben hier auch einen tollen alten Baumbestand. Der Friedhof wurde 1946 gegründet. So alt sind auch die Bäume hier mindestens.“ Bestattungswälder sind aber dennoch zunehmend auf dem Vormarsch. Allein die Marken FriedWald und Ruheforst haben Bundesweit je um die 70 Standorte. Viele Einzelanbieter kommen hinzu. Für Quickborn und Umgebung gut zu erreichen sind die Bestattungswälder in Bönningstedt und Kummerfeld. Auch Appen verfügt über einen Friedhofswald. Der Begriff ist allerdings nicht geschützt. Deswegen können die Wälder sehr unterschiedlich ausfallen, solange sie sich im gesetzlichen Rahmen bewegen. Kommentar ...

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