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Stutthof-Prozess in Itzehoe Nach Urteil gegen Irmgard F.: Die Chronologie des Verfahrens

Von Florian Kleist | 05.12.2022, 08:00 Uhr | Update am 27.12.2022

In Itzehoe steht die heute 97-jährige Irmgard F. vor Gericht. Von 1943 bis 1945 war sie Sekretärin in der Kommandantur des KZ Stutthof. Am 20. Dezember ist das Urteil fallen. Wir fassen den Prozessverlauf zusammen.

Es ist wohl einer der aufwändigsten und bedeutendsten Prozesse in der Geschichte des Landgerichts Itzehoe: Angeklagt ist Irmgard F., eine ehemalige Sekretärin des Konzentrationslagers Stutthof, wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 11.000 Fällen. Die heute 96-Jährige arbeitete von Juni 1943 bis April 1945 in der Kommandantur des deutschen KZs bei Danzig und lebt inzwischen in einem Altersheim in Quickborn.

31 ehemalige Insassen des Lagers sind als Nebenkläger zugelassen und werden vor Ort von ihren Anwälten vertreten. Und das öffentliche Interesse ist groß: Internationale Pressevertreter auch aus Großbritannien und Israel haben sich akkreditiert und regelmäßig sind Schulklassen aus der Region vor Ort. Sie nutzen die Termine für eine Geschichtsstunde – bei einem der letzten Prozesse wegen Taten der NS-Zeit.

Selbst der größte Saal des Gerichtsgebäudes in Itzehoe wäre zu klein für diesen Prozess gewesen: Daher wurde eine komplette Etage eines Logistik-Zentrums am Stadtrand von Itzehoe umgebaut. An den ersten zehn Prozesstagen kamen hier Zeitzeugen, Historiker und Anwälte zu Wort. Manches mal ging es vor allem um die Finessen der deutschen Strafprozessordnung.

Tag 1, 30. September

Der Prozessauftakt beginnt mit einem Paukenschlag: Richter, Schöffen, Journalisten, interessierte Zuschauer, Sicherheitskräfte und die Verteidiger sind vor Ort. Nur eine fehlt: Die Angeklagte Irmgard F. Bevor sie an diesem Morgen in ihrem Altersheim in Quickborn abgeholt werden sollte, ist sie in ein Taxi gestiegen und geflohen. Das Gericht erlässt einen Haftbefehl. Als sie gegen Mittag in Hamburg gefasst wird, ist der Prozessauftakt bereits offiziell verschoben worden. Es kursieren Gerüchte, dass sie in einem Brief an das Landgericht bereits zuvor angekündigt hatte, sich diesem Prozess nicht stellen zu wollen.

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Tag 2, 19. Oktober

Nach Flucht und Festnahme landet Irmgard F. zunächst in U-Haft, wird aus dieser aber wieder entlassen. Die Auflage: Sie muss eine Sicherung – ähnlich einer elektronischen Fußfessel – am Arm tragen. 19 Tage nach ihrem Fluchtversuch erscheint die 96-Jährige im Gerichtssaal. Eine Mitarbeiterin des gerichtsmedizinischen Dienstes schiebt sie in einem Rollstuhl in den Saal und sie nimmt neben ihren Anwälten Wolf Molkentin und Niklas Weber platz.

Der Vorsitzende Richter Dominik Groß eröffnet die Verhandlung, die Staatsanwältin Maxi Wantzen verliest die Anklageschrift. Und Irmgard F. erklärt über ihren Anwalt, dass sie sich nicht zu den Vorwürfen äußern will. Damit hat einer der letzten Prozesse wegen Verbrechen der NS-Zeit offiziell begonnen – und 77 Jahre nach Kriegsende muss sich Irmgard F. erstmals für ihre Arbeit im KZ vor einem deutschen Gericht verantworten.

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Tag 3, 26. Oktober

Auf der Tagesordnung des dritten Prozesstages steht der Göttinger Historiker Stefan Hördler. Er soll als Sachverständiger die Organisation und Struktur des Lagers Stutthof darstellen. Bevor er aber mit seinem Vortrag beginnt, der mehrere Verhandlungstage in Anspruch nehmen wird, kommt es zu einem Streit zwischen Nebenklage-Vertretern und der Strafkammer.

Rechtsanwalt Onur Özata, der drei Überlebende des KZ Stutthof vertritt, will eine Eröffnungserklärung abgeben, was das Gericht ablehnt. Dieses Recht habe laut Gesetz nun einmal nur die Verteidigung. „Sie wollen uns mundtot machen! Sie degradieren uns zu Statisten“, wirft Özata dem Vorsitzenden Richter vor. Nebenklage-Vertreter Christoph Rückel appelliert daraufhin an das Gericht, auf Kooperation statt Konfrontation zu setzen. Das Gericht dürfe den Opfern nicht das Wort abschneiden.

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Tag 4, 9. November

Der Historiker Hördler referiert über die Struktur der weiblichen Bediensteten im KZ-System. Zivilangestellte Stenotypistinnen wie die Angeklagte hätten zwar keine Uniform getragen, aber der Disziplinar- und Beschwerdeordnung sowie der Gerichtsbarkeit der SS unterstanden. Selbst vor einer Heirat musste sie eine Genehmigung beantragen, wobei der Ehepartner den Vorstellungen der SS zu entsprechen hatte. Auch am vierten Verhandlungstag stehen formelle Fragen auf der Tagesordnung. Im Kern geht es diesmal darum, ob Aussagen, die Irmgard F. in vorangegangenen Prozessen als Zeugin getätigt hatte in diesem Prozess, in dem sie auf der Anklagebank sitzt, verwendet werden dürfen. Da die Angeklagte beziehungsweise ihre Anwälte der Verwendung nicht zustimmen, müssen sie in den Akten bleiben.

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Tag 5, 16. November

Wer soll wann in dem Verfahren gegen die ehemalige KZ-Sekretärin angehört werden beziehungsweise zu Wort kommen? Diese Frage nach dem Zeitplan wird am fünften Verhandlungstag von dem Vorsitzenden Richter zumindest für das Jahr 2021 geklärt. Er gibt bekannt, dass nach dem nächsten Verhandlungstag der Vortrag des Historikers zunächst pausiert und Anfang Dezember zwei Überlebende des Konzentrationslagers Stutthof als Zeugen befragt werden. Sowohl vor Ort am Zeugentisch im Gerichtssaal. Als auch per Video-Schalte. Anschließend setzt der Historiker seinen Vortrag fort. Diesmal schildert er, wie die SS nach Mitarbeitern für die Lager suchte und wie sich junge Frauen um diese Stellen beworben haben.

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Tag 6, 23. November

Am sechsten Verhandlungstag bringt der Historiker Stefan Hördler den ersten Teil seines Vortrags zum Abschluss. Er schildert, wie sich das aus damaliger Sicht zentral gelegene KZ Stutthof bei Danzig im Jahr 1944 zu einer Drehscheibe von Massentransporten entwickelt. Und eine die damals mithilft, diese Drehscheibe der Todesmaschinerie in Gang zu halten, ist nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft Itzehoe Irmgard F.

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Tag 7, 7. Dezember

Der KZ-Überlebende Josef Salomonovic nimmt mit seiner Frau in der Mitte des Gerichtssaals platz und sagt aus. Der heute 83-Jährige berichtet in bewegenden Worten von der Deportation in verschiedene Konzentrationslager, darunter Auschwitz und Stutthof, die er als kleiner Junge durchleben musste. Und vom Schicksal seiner Familie. Zusammen mit seinem älteren Bruder Michael und seiner Mutter Dora überstand er Hunger, Kälte und Entbehrungen. Sein Vater Erich wurde im September 1944 in Stutthof mit einer Phenolinjektion ins Herz ermordet.

„Ich mache das hier für meinen Vater, meine Mutter und meinen Bruder“, sagt er nach seiner Aussage vor Gericht, die ihn sichtlich mitgenommen hat. Während der Verhandlung hatte er ein Bild seines Vaters hochgehalten und in Richtung der Angeklagten gehalten. Ob er Irmgard F. damit etwas habe fragen wollen, will anschließend ein Journalist wissen. „Vielleicht...“, sagt Josef Salomonovic: „Vielleicht, ob sie genauso schläft wie ich. Schlecht.“

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Tag 8, 14. Dezember

Es braucht ein bisschen, bis die Video-Schalte nach New Jersey steht. Aber dank technischer Unterstützung ihres Sohnes und ihrer Enkeltochter ist die 1928 in Litauen geborene Asia Shindelman deutlich zu sehen und zu hören. Sie war 1941 nach der deutschen Besetzung des baltischen Landes zunächst mit ihren Eltern in ein Ghetto und drei Jahre später in das KZ bei Danzig gebracht worden. Die Familie wurde getrennt: Ihre Großmutter sah sie an diesem Tag zum letzten Mal. Sie wurde vermutlich bei der Selektion als nicht-arbeitsfähig eingestuft und getötet. Der Vater kam ins Männerlager, sie wurde zusammen mit ihrer Mutter im Frauenlager untergebracht.

„Dann hieß es: Ran an die Sklavenarbeit“, berichtet sie vor Gericht. Auf einem Feld an der Weichsel bekamen die Frauen Spaten und Spitzhacken und mussten in dem gefrorenen Boden Schützengräben ausheben. Den SS-Männern sei alles erlaubt gewesen, sagt die Russisch sprechende 93-Jährige übersetzt von einer Dolmetscherin. „Die Deutschen konnten uns auch totschlagen.“ Nach knapp zwei Stunden ist der Prozesstag beendet. Ihre Zeugenaussage soll beim nächsten Termin fortgesetzt werden.

Mehr zu diesem Prozesstag: „Schneller, verfluchte Judenbande!“: Überlebende schildert Ankunft im KZ

Tag 9, 18. Januar

Die Feiertagspause in dem Prozess dauert etwas länger als geplant. Zwei angesetzte Termine werden abgesagt. Das Landgerichts verweist auf die aktuelle pandemische Corona-Lage. Nach Informationen von shz.de ist der Gesundheitszustand einer am Prozess beteiligten Person aktuell so schlecht, dass man sie nicht dem Risiko einer Corona-Infektion aussetzen wolle. Ob es sich dabei um die 96-jährige Angeklagte handelt? Diese Frage bleibt offen.

Am ersten Prozesstag 2022 ist Irmgard F. dann vor Ort und ihre Aufmerksamkeit ist nicht lang gefordert. Das Landgericht entscheidet lediglich über Anträge der Verteidigung, die bei vorherigen Prozesstagen gestellt worden waren. Unter anderem wird bekanntgegeben, dass eine Aussage von Irmgard F. aus dem Jahr 2017, die sie bei einer Vernehmung getätigt hatte, in diesem Prozess verwendet werden kann. Sie war damals ordnungsgemäß über ihre Rechte belehrt worden.

Eine Übersicht unserer Berichterstattung zum Prozess finden Sie hier.

Tag 10, 25. Januar

Normalerweise beginnen die Prozesstage um 10 Uhr deutscher Zeit und sollen gegen Mittag enden, mit Rücksicht auf die Gesundheit und das fortgeschrittene Alter der Angeklagten. Wie schon der Termin am 14. Dezember startet die Verhandlung diesmal um 15 Uhr. Denn auf den Monitoren im Gerichtssaal ist erneut Asia Shindelman in New Jersey zugeschaltet, bei ihr ist es 9 Uhr morgens. Sie berichtet von der Zwangsarbeit auf den Feldern, von Kälter, Hunger und Geschwüren, die ihre Mutter mit dem rausgerissenen Innenfutter ihrer Jacke notdürftig verband.

Als sich die Front und damit die russische Armee näherte, sei der Arbeits-Trupp auf einen Todesmarsch getrieben worden. Mehrere Nächte schliefen sie in einer Scheune. Eines morgens öffnete niemand wie sonst die Tür, um die in der Nacht Verstorbenen nach draußen zu bringen. Als sie aus der Scheune blickten, sahen sie die übereinandergelegten Leichen der toten Frauen. Und die Leichen von ihren deutschen Bewachern. Und russische Soldaten. Der Krieg war zu Ende.

Für mögliche Nachfragen von Anwälten soll noch ein weiterer Termin mit Asia Shindelman angesetzt werden. Für den 1. Februar ist aber zunächst wieder der Historiker Stefan Hördler geladen.

Mehr zu diesem Prozesstag: Holocaust-Überlebende: Das erzwungene Schweigen der Asia Shindelman

Tag 11, 1. Februar

Immer näher kommt Stefan Hördler, der bereits zum fünften Mal als Sachverständiger im Zeugenstand Platz nimmt, dem Arbeitsort von Irmgard F. in der Zeit von 1943 bis 1945. Und immer näher kommt er damit der konkreten Arbeit der Angeklagten selbst. Der Historiker schilderte, dass sich die Führungsmannschaft des KZ Stutthof vor allem aus Männern zusammensetzte, die zuvor zum Wachsturmbann Eimann gehörten. Einer Einheit, die nach dem Überfall auf Polen im Jahr 1939 „die ersten Massenverbrechen des SS-Regimes verübte“. In einem Dokument des Wachsturmbann Eimann ist beispielsweise von der „Beseitigung unheilbar Geisteskranker“ die Rede: 10.000 Leben löschte diese Einheit allein im Jahr 1939 aus, wie Hördler erläuterte.

Der Historiker fasste mit Blick auf die Kommandantur-Sekretärin Irmgard F. zusammen: „Sie arbeitete täglich mit altgedienten und erfahrenen SS-Männern zusammen. Männer, die sich im SS-System bewehrt hatten.“ Und der Kontakt blieb auch nach Kriegsende bestehen: Mehrere Besuche in den 1950er Jahren von Mitgliedern der Führungsmannschaft – unter anderem dem Kommandanten Paul-Werner Hoppe selbst – bei Irmgard F. in Schleswig sind dokumentiert. Worum es dabei ging? Das weiß wohl nur noch Irmgard F. selbst. Und die schweigt weiter.

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Tag 12, 8. Februar

Eine Bestellung von Gartenmaterial: Das ist das einzige Schriftstück aus ihrer Zeit als Sekretärin in der Kommandantur des KZ Stutthof, an das sich Irmgard F. erinnern kann. Zumindest so habe sie es bei der Hausdurchsuchung am 2. Februar 2017 angegeben, als ihr ein Staatsanwalt und zwei Kripo-Beamten deutlich machten, dass ihre Arbeit damals aus Sicht der Staatsanwaltschaft heute Beihilfe zum Mord in mehr als 11.000 Fällen ist. Der damals zuständige Staatsanwalt und einer der Polizisten sagen am zwölften Verhandlungstag als Zeugen aus.

Die weitere Reaktion von Irmgard F. an diesem Tag? Die Vorwürfe seien „lächerlich“. Sie habe ein reines Gewissen. Sie habe niemals einen Menschen getötet. Und zu dem damals knapp 40 Jahre alte Staatsanwalt habe die Frau Anfang 90 gesagt: „Junger Mann, nun machen Sie mal hin, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“

Mehr zu diesem Prozesstag: KZ-Sekretärin Irmgard F.: „Junger Mann, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit“

Tag 13, 15. Februar

Ein weiterer Überlebender des KZ Stutthof sagt aus und schildert die sadistischen Grausamkeiten, unter denen die Lager-Insassen tagtäglich zu Leiden hatte – und an denen viele von ihnen starben. Abraham Koryski (94), ist per Video aus Israel zugeschaltet und sagt, er sei als Jugendlicher von September 1944 bis Ende Januar 1945 in dem Lager bei Danzig inhaftiert gewesen. Gleich bei der Ankunft habe er einen Geruch nach verbranntem Fleisch wahrgenommen. „Ihr werdet zu diesem Geruch werden“, habe das Wachpersonal gesagt. Es habe von Anfang an Prügel gegeben. Mehrfach sah er Hinrichtungen oder wie Gefangene von Hunden der Lager-Aufseher gebissen und anschließend von Wachmännern erschossen wurden.

Mehr zu diesem Prozesstag: KZ-Überlebender: Im Lager roch es nach verbranntem Fleisch

Tag 14, 22. Februar

Am 14. Prozesstag sagt Magda Rosenbaum aus, eine heute 97 Jahre alte Überlebende des Lagers Stutthof. Per Video aus Israel zugeschaltet berichtet sie von ständigen Schlägen und Hunger. Beim Herausgehen aus ihrer Baracke sei sie täglich geschlagen worden. „Ohne Schlag kam man nicht heraus.“ Der ganze Körper habe stundenlang von dem Peitschenschlag einer Blockaufseherin gebrannt. „Die Angst kann man nicht vergessen. Die Angst ist das ganze Leben geblieben, bis zum heutigen Tage“, sagt sie. Und auch das Sterben habe zum Alltag dazugehört. Sie sei immer wieder neben Frauen aufgewacht, die in der Nacht gestorben waren: „Nicht durch Gas, sondern durch Hunger und Arbeit.“

Mehr zu diesem Prozesstag: Zeitzeugin Magda Rosenbaum: „Es ging nur noch um Leben und Tod“

Tag 15, 1. März

Der Historiker Stefan Hördler setzt seinen Vortrag fort. Im Mittelpunkt stehen Zeugenaussagen von Männern und Frauen, die in den Stutthof-Prozessen der 1940er, 1950er und 1970er Jahre aussagten. Sowohl von der Opfer-, als auch der Täter-Seite. Einer von ihnen ist Heinz F.: Er war als SS-Mann Mitglied der Kommandantur des Lager und lernte dort seine spätere Frau kennen, die heute 96-jährige Angeklagte Irmgard F. Im Verfahren gegen Lagerkommandant Paul-Werner Hoppe sagte er unter anderem aus: „Im Lager Stutthof sind Personen vergast worden. Darüber sprach man im Kommandanturstab.“

Gutachter Hördler zitiert auch aus Aussagen einer anderen Sekretärin im KZ Stutthof. Diese war Hoppes Geliebte. Sie sagte demnach 1954 aus, dass im Jahr 1944 die Vergasung von Juden in Stutthof über Fernschreiben erörtert wurde. Es sei dabei um die „technische Seite“ gegangen – also das „wie und wo“.

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: Massenmorde waren im KZ laut Historiker kein Geheimnis

Fast zwei Monate Verhandlungspause

Nach dem 15. Verhandlungstag folgt eine fast zweimonatige Verhandlungspause. Wegen der Hamburger Frühjahrsferien gibt es zunächst eine eingeplante Unterbrechung. Danach fallen die Termine aber immer wieder aus, weil die 96-jährige Angeklagte krank ist. Das Problem: Grundsätzlich darf laut Gesetz zwischen zwei Prozessterminen nicht mehr als ein Monat Zeit liegen. Im Fall einer Erkrankung eines Prozessbeteiligten wird diese Frist aber um zwei Monate verlängert. Wenn folglich in Summe drei Monate Pause ist, müsste der Prozess von vorn beginnen.

Tag 16, 26. April

Der historische Sachverständige Stefan Hördler präsentiert Aussagen, die SS-Männer und Zivilbeschäftigte nach dem Krieg gemacht hatten. Die Botschaft: Das Wissen über die Verbrechen im Lager bei den Bediensteten war weit verbreitet. Verteidiger Wolf Molkentin wirft daraufhin dem Sachverständigen Parteilichkeit vor. Eines seiner Argumente: Die Exekutionen und Erhängungen in Stutthof bekämen in Hördlers Vortrag eine unangemessene Prominenz, obwohl diese nicht Teil der Anklage gegen Irmgard F. seien.

Damit bezieht sich der Verteidiger auf den Beihilfevorwurf. Auch kritisiert er die Schilderung einer Massenerschießung, die sich nach seiner Einschätzung außerhalb der Arbeitszeit von Irmgard F. abgespielt haben soll. Molkentin betont aber auch: „Die Haupttaten sind furchtbar, und da gibt es kein bisschen davon abzustreiten.“

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: Aussagen früherer KZ-Wachmänner: Ein Gestank, den jeder mitbekam

Tag 17, 16. Mai

Auch an diesem Verhandlungstag wird der historische Gutachter Stephan Hördler die Ergebnisses seiner Studien präsentieren. Aber zunächst muss er warten. Denn der Prozesstag beginnt mit zahlreichen Formalitäten. So liest der Vorsitzende Richter Dominik Groß zunächst eine lange Liste mit Namen vor: Personen, die in vorangegangenen Stutthof-Prozessen beispielsweise gegen den Lagerkommandanten ausgesagt hatten. Nach der Verlesung gibt der Richter bekannt, dass diese nun nicht erneut als Zeugen in Frage kommen. „Sie sind entweder nachweislich verstorben“, sagte Groß. Oder es sei davon auszugehen, dass sie nicht mehr leben.

Dann folgt ein Antrag der Verteidigung, den Prozesstag auszusetzen, weil nötige Unterlagen zu spät eingegangen sind. Und als dieser nach langer Debatte abgelehnt wird, setzt Hördler noch kurz seinen Vortrag fort. Eine Erkenntnis des Tages: Irmgard F. erhielt 135,30 Reichsmark Monatslohn als Mitglied der Vergütungsgruppe VIII.

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: Verfahren gegen Irmgard F.: Formalitäten und Anträge im Schatten der NS-Zeit

Tag 18, 17. Mai

Der 18. Verhandlungstag befasst sich mit Irmgard F. und dem kleinen Dort Kalthof, in dem sie geboren wurde und aufgewachsen ist. Es liegt etwa 60 Kilometer südöstlich von Danzig, hat kaum mehr als ein paar Straßen. Damals noch unter ihrem Mädchennamen Irmgard Dirksen lebt die Angeklagte hier ihrer Familie. Und besucht bis 1939 die dortige Volksschule und dann die Kaufmännische Privathandelsschule im benachbarten Marienburg.

Mit 15 Jahre beginnt sie in der dortigen Filiale der Dresdner Bank am 22. April 1941 einen Job als Stenotypistin. Und kurz nach ihrem 18. Geburtstag wechselt sie an die Arbeitsstelle, für die sie sich heute vor Gericht verantworten muss: Sie wird Sekretärin in der Kommandantur des deutschen Konzentrationslagers Stutthof.

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: Handelsschule, Dresdner Bank, KZ Stutthof: Der berufliche Weg von Irmgard F.

Tag 19, 31. Mai

Was wusste Irmgard F. über die Taten im KZ Stutthof und wie groß war ihr Anteil daran? Da diese zwar essenziell in dem Verfahren ist, aber 77 Jahre nach Kriegsende auch mit einer beharrlich schweigenden Angeklagte schwer zu erhellen ist, versucht das Gericht Irmgard F. mit Zeugen quasi einzukreisen.

An diesem Tag sagt ein inzwischen pensionierter Beamter des Landeskriminalamts Baden-Württemberg aus. Er hatte 2016 und 2017 eine Frau befragt, die zur gleichen Zeit wie Irmgard F. als Zivilangestellte in der Kommandantur des KZ Stutthof tätig war. Nach der zweiten Vernehmung habe er bei der Staatsanwaltschaft angeregt, dass Verfahren wegen Beihilfe zum Mord gegen die damals über 90 Jahre alte Frau einzustellen: „Sie hat sicherlich gewusst, was dort im Konzentrationslager passierte, aber wir hatten keine Beweise.“

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: Verteidiger von Irmgard F.: Aus dem KZ fehlen entscheidende Unterlagen

Tag 20, 7. Juni

Historiker, Vernehmungsbeamte und Überlebende des Lagers haben schon ausgesagt. An diesem Dienstag wird ein Mitglied der SS-Wachmannschaft in den Zeugenstand gerufen: Bruno D., der im 2020 vom Landgericht Hamburg nach einem Jahr Prozess – ebenfalls wegen Beihilfe zum Mord – schuldig gesprochen worden war. Zwei Jahre Jugendstrafe auf Bewährung lautete am 23. Juli 2020 das Urteil gegen den damals 93-jährigen Angeklagten.

Die Befragung bringt zwar keine großen neuen Erkenntnisse für das laufende Verfahren gegen Irmgard F. Aber die Antworten von Bruno D. zeigen viel über den Umgang eines Menschen mit den dunklen Kapiteln der eigenen Vergangenheit „Ich weiß es nicht mehr“ oder „Daran kann ich mich nicht erinnern“ sind seine häufigsten Antworten. Und er habe „keine besonderen Vorkommnisse“ mitbekommen.

Aber auf Nachfrage berichtet er dann von Leichen, die morgens aus den Baracken getragen und auf Ackerwagen gelegt wurden. Von einem Scheiterhaufen außerhalb des Lagergeländes weil das Krematorium an die Kapazitätsgrenze kam. Und wie er sah, das Insassen in Gebäude gebracht wurden, aus denen sie nicht wieder herauskamen. 

Mehr über diesen Prozesstag lesen Sie hier: Ex-Wachmann erzählt von Gebäuden, aus denen niemand wieder hinauskam

Tag 21, 14. Juni

Die Schilderungen von Halina Strnad sind vielfach nur schwer zu ertragen. „Ich wurde geschlagen, ich wurde getreten, ich wurde bespuckt“, sagt die heute 95-Jährige per Videoschalte aus dem australischen Melbourne. Ihr sei als junges Mädchen die Nase gebrochen worden. Für den Wurf eines Zettels mit einer Nachricht ins Männerlager von Stutthof sei sie blutig gepeitscht worden.

Und sie erzählte von einer Mitgefangenen, die eine Totgeburt hatte. Andere gefangene Frauen hätten mit einer Scherbe die Nabelschnur durchgeschnitten. Die Frau sei verblutet. Sie habe die Aufgabe bekommen, das tote Kind mit einer Holzlatte in der Latrine zu versenken. Einige Tage später habe der Körper wieder auf den Exkrementen geschwommen. Noch viele Jahre seien diese Bilder in ihren Alpträumen aufgetaucht.

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: KZ-Überlebende: Gefangene Jüdinnen waren in Stutthof „Untermenschen“

Tag 22, 28. Juni

„Meine Worte müssen eine Warnung sein, damit sich die Geschichte nicht wiederholt.“ Der KZ-Überlebende Marek Dunin-Wasowicz bezieht diesen Satz in seiner Aussage vor dem Landgericht Itzehoe auf die aktuelle Lage in Europa. Und besonders auf den seit Ende Februar laufenden Krieg Russlands gegen die Ukraine.

Wie damals habe jetzt ein starker Aggressor seinen Nachbarn überfallen. Wenn er sehe, wie wieder Bomben auf Wohnhäuser, Schulen und Krankenhäuser fallen, „erinnert mich das sehr stark an die ersten Tage des Zweiten Weltkriegs“. Mehr denn je sei es daher heute seine Pflicht, seine Geschichte zu erzählen. Und vor den Gefahren von Nationalismus und Faschismus zu warnen.

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: Warnung vor Faschismus und Nationalismus: Die mahnenden Worte eines KZ-Überlenden

Tag 23, 22. Juli

Der Historiker Stephan Hördler berichtet am letzten Termin vor einer kurzen Sommer unter anderem von den Massentransporten, die das Lager Stutthof im Sommer 1944 erreichten und wie sich das KZ in dieser Zeit zu einem regelrechten Drehkreuz der Mord- und Zwangsarbeitsmaschinerie der Nazis entwickelte. Die Auflösung der Lager in Riga und Kauen, die Massentransporte aus Warschau. Zahlen und Transportlisten, hinter denen sich unermessliches Leid verbirgt.

Tag 24, 19. August

Auch an diesem Verhandlungstag präsentiert der historische Gutachter Stephan Hördler zahlreiche Original-Kommandanturbefehle aus dem KZ Stutthof. Auf Seite 1 des Kommandanturbefehls Nr. 4 vom 8. Januar 1944 finden zwei Anordnungen Platz. Zum einen die Mitteilung darüber, dass ein SS-Angehöriger im Rang eines SS-Schützen vom Wachkommando des Lagers in Riga zum KZ Stutthof versetzt wird.

Zum anderen die Mitteilung, dass 117 Männer und 138 Frauen – insgesamt 255 jüdischen Insassen des Lagers – am 10. Januar ab 14.30 Uhr „transportbereit zu halten sind“. Als die Züge am nächsten Tag von Stutthof in Richtung Auschwitz losfahren, sind noch mehrere hundert Menschen dazugekommen, die zuvor noch nicht im Lager Stutthof als Gefangene registriert worden war. Sogenannte „Transportjuden“. Sie werden fast ausnahmslos direkt nach der Ankunft in den Gaskammer umgebracht.

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: Prozess gegen Irmgard F.: Dokumente des tausendfachen Mordes

Tag 25, 23. August

Bruno D. sagt an diesem Dienstag zum zweiten Mal als Zeuge im Prozess gegen die frühere Sekretärin im KZ Stutthof aus. Mehrere Nebenklägervertreter fragen den 95-Jährigen, was er damals von den Verbrechen in dem Lager bei Danzig mitbekommen habe. „Es geschah Unrecht, sicher“, sagt Bruno D. Ob er gewusst habe, dass Menschen getötet und vergast wurden, wollte der Zeuge nicht klar sagen. „Wir haben ganz selten oder gar nicht darüber gesprochen“, sagte er über die Unterhaltungen unter Wachleuten.

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: Aussagen eines KZ-Wachmanns: Lückenhafte Erinnerungen an allgegenwärtigen Tod

Tag 26, 25. August

Der Historiker Stephan Hördler schildert an diesem Prozesstag vor allem, wie sehr die SS – aus deren Mitgliedern bestand auch in Stutthof die Führungsmannschaft des Lagers – nach Wegen suchte, den Massenmord zu optimieren. Und das hieß in der menschenverachtenden Logik des NS-Regimes: In möglichst kurzer Zeit, mit möglichst wenig Aufwand möglichst viele Leben zu beenden. Und anschließend die Leichen zu verbrennen. So gab es in Stutthof den Block 30. Den „Sterbeblock“, so Hördler. In diesem wurden komplett geschwächte und erkrankte Insassen – Ende 1944 brach unter anderem eine Fleckfieber-Epidemie aus – sich selbst überlassen.

Pro Tag seien dort mehr als 200 Menschen gestorben. Auch das für die SS nur eine weitere Art, ohne großen Aufwand Leben auszulöschen, wie aus einer Aussage des SS-Verbrechers Karl Knott deutlich wird. Denn aus seiner Sicht sei in dieser Zeit des Massensterbens „eine kontinuierliche Vergasungsaktion gar nicht erforderlich“ gewesen. Es sind Worte, bei denen sich die Zuhörer im Gerichtssaal immer wieder die Schilderungen der Holocaust-Überlebenden aus vorangegangenen Gerichtstagen in Erinnerung rufen sollten. Damit klar wird: Hinter jedem Toten steht ein Leben, ein Schicksal und eine zerstörte Familie.

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: Die Suche der SS nach der Optimierung des Massenmords

Tag 27, 30. August

Per Videoverbindung aus ihrem heutigen Wohnort in Australien ist am 27. Prozesstag Risa Silbert zugeschaltet. Sie hat als Kind das Lager Stutthof überlebt. „Stutthof war die Hölle“, sagt die heute 93-Jährige. Sie schildert Kannibalismus im Lager, weil die Menschen hungrig gewesen seien, sagt die Zeugin und Nebenklägerin nach den Worten einer Dolmetscherin. „Das war jeden Tag“, fügt Silbert hinzu und schildert auch, wie sie sich 1944 als 15-Jährige zusammen mit ihrer älteren Schwester unter Leichen vor den SS-Aufseherinnen versteckt hatte. Wegen einer Typhus-Epidemie hätten überall Tote herumgelegen. Die russischen Kriegsgefangenen, die die Leichen einsammeln mussten, ließen sie und ihre Schwester liegen.

Auf die Frage ihres Anwalts Christoph Rückel, ob sie der Angeklagten etwas sagen wolle, erklärt Silbert, dass diese sich schuldig bekennen sollte. „Wenn sie als Sekretärin des Kommandanten gearbeitet hat, dann wusste sie ganz genau, was passiert ist.“

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: Überlebende beim Prozess in Itzehoe: Im KZ Stutthof gab es Kannibalismus – jeden Tag

Tag 28, 6. September

Schläge, Demütigungen, Peitschenhiebe, Hunger, Kälte, scheinbar nutzlose Appelle mehrmals am Tag: All das taucht in den Schilderungen des Lageralltags immer wieder auf. Gleich bei der Aufnahme im Lager sei er mit eiskaltem Wasser abgeduscht worden, ebenso als Strafe nach einem misslungenen Fluchtversuch. „Schweine“ und „verfluchte Juden“ hätten die SS-Männer sie immer wieder genannt. Und die Schläge seien so stark gewesen, dass viele der von der Zwangsarbeit geschwächten Insassen starben.

Chaim Golani wohnt inzwischen in Binjamina in Israel. 1943 war er aus der estischen Stadt Tallin deportiert worden. Zusammen mit seinem Vater kam er nach Danzig und dann in das unweit entfernt liegende KZ. Bei der Ankunft habe er gegenüber den SS-Männern sein Geburtsdatum so angegeben, dass er schon als erwachsen galt: „Ich konnte nicht sagen, welches Alter ich wirklich hatte. Die Kinder wurden ja sofort umgebracht.“

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: Holocaust-Überlebender Chaim Golani: „Meine Kindheit bestand nur aus KZs und Prügel“

Tag 29, 13. September

Es ist der vorletzte Tag, an dem der historische Gutachter Stephan Hördler in den Zeugenstand gerufen wird und seinen Vortrag als Sachverständiger fortsetzt. Und an diesem Tag besteht dieser vor allem aus Zahlen. Die Kernfrage: Wieviele Menschen sind in der Zeit vom 1. Juni 1943 bis zum April 1945 im KZ Stutthof gestorben? Also während den knapp zwei Jahren, in denen Irmgard F. Sekretärin des Lagerkommandaten war.

Akribisch genau dokumentiert die SS diese Zahlen in Sterbebüchern und Todesmeldungen, in Zu- und Abgangsmeldungen und Bestandslisten. Hördler hat diese analysiert und kommt auf 19.278 als „Mindestzahl der eindeutig nachweisbaren Toten“. Und nicht mit eingerechnet sind diejenigen, die in die Gaskammer vom Auschwitz deportiert wurden oder auch die geschätzt 16.500 bis 18.000 Menschen, die bei den Todesmärschen und den Transporten bei der Räumung des Lagers ums Leben kamen.

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: Gutachter: In der Dienstzeit von Irmgard F. starben mehr als 19.000 Menschen

Tag 30, 14. September

An diesem Verhandlungstag schließt nicht nur der historische Gutachter Stephan Hördler seinen Ausführungen ab. Der Richter gibt auch seinen Plan zu einem Antrag bekannt, der bereits kurz nach dem Start des Prozesses vor nunmehr fast einem Jahr gestellt worden war: einen Besuch des Gerichts in dem ehemaligen KZ Stutthof und dort vor allem in dem Kommandanturgebäude. Von Juni 1943 bis April 1945 Arbeitsplatz der Angeklagten Irmgard F.

Da ein offizieller Gerichtstermin an der mangelnden Reisefähigkeit gescheitert wäre, wählt der Vorsitzende Richter einen juristischen Kniff an: Er will sich selber und eine der Richterinnen zu einer Inaugenscheinnahme in das Lager bei Danzig schicken.

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: Gutachter über zivile KZ-Angestelle: „Sie konnten jederzeit dieses Arbeitsverhältnis beenden“ 
und hier: Plan des Landgerichts: Delegation reist zum ehemaligen KZ

Tag 31, 20. September

Die Idee eines Ortstermins des Gerichts im KZ Stutthof steht im Raum. Aber wie soll das Ganze laufen? Darüber wird an diesem Tag im Gerichtssaal vor allem geredet. Verteidiger Wolf Molkentin hat rechtliche Bedenken gegen die gewählte Variante, dass sich der Richter selber quasi als externen Gutachter für eine Inaugenscheinnahme nach Stutthof bestellt.

Aus Molkentins Sicht zum einen bedenklich, da beim Urteil der Richter sein eigenes Gutachten zur Urteilsfindung heranzieht. Zum anderen, weil die Verteidigung für Ergänzungen zum Gutachten-Text den Richter selbst als Zeugen befragen müsste. Beides aus Molkentins Sicht Punkte, die ein mögliches Urteil im Nachhinein anfechtbar machen. Sein Resümee: „Egal wie man es dreht und wendet: Es führt zu Problemen, die den Abschluss dieses Verfahrens verhindern können.“

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: Ein Ortstermin mit juristischen Hürden: Reist das Gericht ins ehemalige KZ?

Tag 32, 27. September

Der Vorsitzende Richter Dominik Groß gibt bei dem inzwischen 32. Verhandlungstag bekannt, dass er selbst sowie die eine zweite Richterin der Kammer für eine sogenannte Inaugenscheinnahme in das Lager unweit von Danzig reisen werden. Angestrebt dafür ist der 4. November. Und im Mittelpunkt steht dann der Blick aus den Fenstern des einstigen Arbeitsplatzes der Angeklagten.

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: Plan des Gerichts: Delegation reist am 4. November ins ehemalige KZ bei Danzig

Tag 33, 11. Oktober

An diesem Termin gibt der Richter bekannt, dass der Vor-Ort-Termin in Stutthof wie geplant stattfinden kann. Und er liest Stellungnahmen von zwei Holocaustüberlebenden vor. Von Itzak Osherowitz und Elka Ekstein, die beide unter anderem die grausamen Lebensbedingungen im KZ Stutthof schildern.

Tag 34, 8. November

Am 4. November – dem Freitag vor dem 34. Prozesstag – hatte der Ortstermin im ehemaligen Konzentrationslager stattgefunden. Das Protokoll wird am 8. November dann verlesen. Aus dem Fenster des Geschäftszimmers in der Kommandantur konnte die Angeklagte damals nach Feststellung der Richter und des Sachverständigen auf das sogenannte Neue Lager blicken, zu dem auch das „Judenlager“ mit den schlimmsten Haftbedingungen gehörte.

Sie hatte Blick auf eine Weggabelung im Neuen Lager, an der es nach Angaben des Sachverständigen häufig zu Fluchtversuchen von Gefangenen und Schüssen von SS-Männern gekommen sei. Und aus einem weiteren Raum waren die Holzbaracken des Alten Lagers zu sehen können – und die dahinter liegende Gaskammer und das Krematorium sowie zwei Wachtürme.

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: So lief der Richter-Besuch im ehemaligen KZ: Protokoll eines historischen Ortstermins

Tag 35, 15. November

Der mögliche Zeitplan, den der Vorsitzende Richter Dominik Groß an diesem Verhandlungstag vorstellt, lässt wenig Luft. In der kommenden Woche könnte die Beweisaufnahme geschlossen werden, dann folgen die Plädoyers der Staatsanwaltschaft und an weiteren Terminen die der insgesamt 15 Nebenklagevertreter.

Dann sind die Verteidiger an der Reihe und zuletzt hat – wie immer vor Gericht – die Angeklagte das Recht auf ein letztes Wort. Und wenn nichts Unvorhersehbares passiert, könnte am Dienstag, 20. Dezember, nach mehr als einem Jahr das Urteil gegen die ehemalige KZ-Sekretärin fallen.

Außerdem verliest der Richter an diesem Verhandlungstag weitere Stellungnahmen von Nebenklägern. Und der Vertreter der Jugendgerichtshilfe gibt seine Empfehlung ab, dass Irmgard F., die zur Tatzeit 18 beziehungsweise 19 Jahre alt war, nach Jugendstrafrecht verurteilt werden sollte.

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: Verfahren gegen Irmgard F.: Urteil noch vor Weihnachten?

Tag 36, 21. November

Der Verteidiger Wolf Molkentin stellt einen Befangenheitsantrag gegen den historischen Sachverständigen Stefan Hördler. Er begründet den Antrag unter anderem damit, dass Hördler in einer Doppelfunktion als Gutachter und Ermittler tätig gewesen sei. Außerdem habe er belastende Aspekte zu sehr betont und Entlastendes aus Molkentins Sicht sogar zurückgehalten.

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: Befangenheitsantrag: Verteidiger von Irmgard F. lehnt Gutachter ab

Tag 37, 22. November

Den Befangenheitsantrag vom Vortag lehnt die Kammer ab und Richter Dominik Groß schließt anschließend offiziell die Beweisaufnahme ab. Es folgt das Plädoyer der Staatsanwältin. Maxi Wantzen fordert dabei eine Strafe von zwei Jahren auf Bewährung. Sie sei überzeugt, dass die Angeklagte sich der Beihilfe zum heimtückischen und grausamen Mord in mehr als 10.000 Fällen schuldig gemacht hat.

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: Staatsanwältin über Stutthof-Prozess: „Verfahren von herausragender historischer Bedeutung“

Tag 38, 29. November

Am mittlerweile 38. Verhandlungstag (Dienstag, 29. November) ging das seit mehr als einem Jahr laufende Verfahren vor dem Landgericht Itzehoe mit den Statements der insgesamt 15 Nebenklagevertreter weiter. Anwalt Markus Horstmann schildert, wie er Irmgard F. in dem Prozess bisher wahrgenommen hat.

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: Appell der Nebenkläger an Ex-KZ-Sekretärin: Frau F., bitte reden Sie!

Tag 39, 5. Dezember

Im Prozess gegen die frühere Sekretärin des Lagerkommandanten im KZ Stutthof hat sich einer der 15 Nebenklagevertreter gegen eine Bewährungsstrafe für die 97-jährige Irmgard F. ausgesprochen. „Eine Bewährungsstrafe ist das falsche Signal“, sagte Anwalt Christoph Rückel in seinem Plädoyer vor dem Landgericht Itzehoe. Der Strafzweck der Generalprävention müsse beachtet werden, auch mit Blick auf aktuelle Folter, Morde und Entführungen von Kindern in der Ukraine.

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie hier: Anwalt von KZ-Überlebenden spricht sich gegen Strafe zur Bewährung für Irmgard F. aus

Tag 40, 6. Dezember

Im Prozess gegen die frühere Sekretärin im KZ Stutthof hat die Verteidigung am 6. Dezember Freispruch für die Angeklagte gefordert. Die Beweisaufnahme in dem seit über 14 Monaten andauernden Verfahren vor dem Landgericht Itzehoe habe wenig Konkretes erbracht, erklärte Verteidiger Wolf Molkentin. „Es bleiben unüberwindliche Zweifel.“ Die Angeklagte sei darum freizusprechen.

Mehr zu diesem Prozesstag lesen Sie auch hier: Irmgard F. bricht ihr Schweigen: „Es tut mir leid, was alles geschehen ist“

Urteil am 20. Dezember

Am 20. Dezember 2022 ist das Urteil gegen Irmgard F. verkündet worden. Die heute 97-Jährige wurde wegen Beihilfe zu 10.505 Morden und fünf versuchten Morden zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

Revision am 27. Dezember

Ein Nebenklagevertreter Revision legt Revision gegen das Urteil ein. Auch der Verteidiger Wolf Molkentin gibt bekannt, dass er das Urteil ebenso in dieser Form nicht akzeptiert. Damit wird nun der BGH prüfen, ob ein Verfahrensfehler vorliegt und der Fall dann gegebenenfalls wieder an das Landgericht Itzehoe zurückgeben wird.

Mehr zur Revision lesen Sie hier: Vertreter von KZ-Opfern legt Revision ein: Verfahren gegen Irmgard F. geht zum BGH

TEASER-FOTO: Marcus Brandt