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Serie: Unser Glaube : Zwischen Synagoge, Sabbat und St. Pauli

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Gottesdienste auf Deutsch, Russisch und Hebräisch: Die 260 Mitglieder der jüdischen Gemeinde Pinneberg haben sprachliche Herausforderungen zu meistern.

shz.de von
erstellt am 01.Apr.2015 | 17:50 Uhr

Pinneberg | Ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, liberale Einstellungen zu Lebensfragen, Offenheit gegenüber anderen Religionen, der deutsch-russisch-hebräische Sprachmix und hin und wieder der ein oder andere Wodka zum Essen nach dem Gottesdienst: All diese Punkte zeichnen das Leben in der jüdischen Gemeinde Pinneberg mit ihren 260 Mitgliedern aus, die in der Synagoge im Clara-Bartram-Weg eine geistliche Heimat gefunden haben.

Immer wieder schauen Gemeindemitglieder in diesen Tagen in der Synagoge zum besonderen Lebensmitteleinkauf vorbei. Ungesäuertes Brot und koscherer Wein für die anstehenden Pessach-Feiertage ab dem 4. April finden reißenden Absatz. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Wolfgang Seibert (67), hat die Lebensmittel extra für die Mitglieder bestellt.

Immer wieder fallen dabei Worte auf Russisch. Seibert erläutert: „70 Prozent der Gemeindemitglieder sind russischsprachig.“ Viele seien in den 1990er Jahren als sogenannte jüdische Kontingentflüchtlinge mit Daueraufenthaltsrecht nach Deutschland gekommen. Davor habe es nur drei oder vier Juden in Pinneberg gegeben. Aktiv nehmen nun 30 bis 40 Menschen am Gemeindeleben teil. Außerdem gibt es im Kreisgebiet auch in Elmshorn eine jüdische Gemeinde, in deren Kreis sich etwa 75 Menschen bewegen, wie die Vorsitzende Alisa Fuhlbrügge sagt.

Vor zwölf Jahren gründete sich die Gemeinde in Pinneberg, die Synagoge steht seit vier Jahren. Seibert kennt alle Mitglieder beim Namen. „Wir haben ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, weil wir so eine kleine Minderheit sind“, sagt Seibert. „Wir duzen uns alle und sind füreinander da.“ Eine geschlossene Gesellschaft sind sie jedoch nicht. „Zu den Gottesdiensten kommen regelmäßig viele nicht-jüdische Teilnehmer. Es sind regelmäßig einige Pastoren, Schulklassen und Konfirmandengruppen dabei“, so Seibert. „Ich halte nichts davon, dass man zugeriegelt und abgeschlossen irgendwo sitzt. Bei uns sind immer Leute willkommen.“

 Sonnabend, Sabbat, der Ruhetag der Woche

Für die Juden ist der Sonnabend, Sabbat, der Ruhetag der Woche. „Man arbeitet am Sonnabend nicht, kauft nichts ein. Es ist verboten, Geschäfte zu machen. Man verbringt den Tag ruhig. Fernsehen ist auch verboten“, so Seibert. Er selbst macht kleine Ausnahmen. „Ich schaue Fußball. Ich fahre auch am Samstag nach Hamburg, wenn St. Pauli spielt. Man soll ja Dinge machen, die Freude bringen“, sagt er. „Es kommt mit Sicherheit kein Blitzschlag vom Himmel.“ Auch Brot werde zur Not am Sonnabend gekauft, wenn keins mehr im Haus ist. „Ich versuche, pragmatisch damit umzugehen.“

Der jüdische Tag beginne nach Sonnenuntergang und ende mit dem Sonnenuntergang, so Seibert. So starten die Gottesdienste drei bis vier Mal im Monat entweder am Freitagabend je nach Jahreszeit zwischen 18 und 19 Uhr oder am Sonnabend um 11 Uhr. Russisch, Hebräisch und Deutsch wechseln sich als Sprachen in den Gottesdiensten ab. Meist sind Übersetzer dabei. Nicht alle Gemeindemitglieder sprechen deutsch. „Es ist eine Herausforderung, die ganz schwierig zu bewältigen ist“, so der Vorsitzende.

Die meisten Gottesdienste hält Seibert selbst. Immer wieder predigen auch Mitglieder aus der Gemeinde. Sonnabends übernimmt eine Kantorin aus Hamburg. Im Anschluss steht jedes Mal ein gemeinsames Essen an. „Die Atmosphäre ist immer locker und gelöst. Es ist immer sehr lustig. Viele haben Fragen an mich, so dass ich oft gar nicht zum Essen komme“, beschreibt Seibert die Treffen. Ist er die gute Seele der Gemeinde? „Ich bin die eierlegende Wollmilchsau. Ich versuche, gemeinsam mit dem Vorstand, alles zusammenzuhalten“, sagt er lachend.

Ehrenamtlicher Gemeindedienst

Alles in der Gemeinde findet ehrenamtlich statt, so auch der Deutschunterricht für Russen und je nach Bedarf auch Religionsunterricht. Die Mitgliedsbeiträge bestimmt jeder selbst. Wer wenig Geld hat, zahlt zwei Euro pro Monat. „Aus finanziellen Gründen haben wir keinen Rabbiner“, erläutert Seibert.

Seine Gemeinde beschreibt er als liberal. „Das orthodoxe Judentum ist nicht meine Welt“, so Seibert. „Ich kann bei Fragen von heute nicht mit Antworten von gestern kommen“, begründet er seine Einstellung. Die Gleichberechtigung von Männern und Frauen sei ihm wichtig. „Wenn ich versuchen würde, eine Trennung von Männern und Frauen im Gottesdienst einzuführen, würde ich von den Frauen Prügel kriegen. Die sind sehr selbstbewusst und das finde ich auch gut.“ Alkohol, Rauchen, das sei alles nicht verboten, sagt er. Während der gemeinsamen Essen nach den Gottesdiensten werde auch mal Wein getrunken. „Wer Lust hat, bekommt auch einen Wodka.“

An die umfassenden jüdischen Speisevorschriften hält Seibert sich strikt, selbst wenn die Wege zu den Geschäften etwas länger sind. Im Hamburger Grindelviertel gebe es einen koscheren Laden sowie einen Supermarkt mit einer koscheren Abteilung.

Das Verhältnis zu Kirchen und Moscheen im Umkreis sei gut. Es gebe regelmäßige Gesprächskreise. Negative Reaktionen zu seiner Religion seien im Alltag die Ausnahme, so Seibert. Sehr viel Rückhalt in der Bevölkerung habe es gegeben, als die Gemeinde 2014 einem muslimischen Flüchtling aus dem Sudan Asyl gewährt hatte, um ihn vor der Abschiebung zu bewahren.

Die Thora, die hebräische Bibel, ist für Juden „das Buch der Bücher". Sie ist in hebräischen Buchstaben geschrieben und umfasst die fünf Bücher Moses mit den 613 Vorschriften (248 Gebote und 365 Verbote). Der hebräische Begriff bedeutet Lehre, Unterricht, Belehrung, Gesetz. Der wöchentlich Sabbat ist im Grunde höchste Feiertag, so der Zentralrat der Juden. Zu den Fest- und Feiertagen im Jahresverlauf gehören zudem das Neujahrsfest Rosch ha-Schana, der Versöhnungstag Jom Kippur als wichtigster jüdischer Feiertag im Jahresverlauf, das Laubhüttenfest Sukkot mit dem siebten Festtag  Hoschana Rabba, dem achten Festtag Schmini Azeret und dem neunten Festtag Simchat Tora. Weiterhin sind im jüdischen Kalender enthalten das Tempelweihfest Chanukka, Purim, sowie Pessach, eines der bedeutensten Feste des Judentums, das an  den Auszug aus Ägypten, also die Befreiung der Israeliten aus ägyptischer Sklaverei, erinnert. Ebenso Teil ist das Wochenfest Schawuot.

In Deutschland gebe es insgesamt zirka 160.000 Juden. „Es sind mit Sicherheit mehr. Viele wissen es gar nicht, weil es von den Eltern geheim gehalten wurde“, vermutet Seibert. Jude werde man von Geburt an. „Man kann nicht austreten“, so der Gemeindevorsitzende. „Man kann durch einen legalen Übertritt aber Jude werden“, erklärt er. Davor müssten Konvertiten viel lernen. Ein rabbinischer Gerichtshof treffe die Entscheidung. „Das hatten wir zehn bis zwölf Mal in den vergangenen zwölf Jahren“, sagt er.

Während die Orthodoxen auf den Messias warteten, halte man es in der Pinneberger Gemeinde für wichtiger, „dass messianische Zustände herrschen. Ein friedliches Miteinander“, so Seibert. „Die Zustände werden nicht vom Himmel kommen. Die müssen wir selbst schaffen.“ Grundsätze des jüdischen Glaubens seien, „dass man die Welt besser verlassen soll, als man sie vorgefunden hat und Gerechtigkeit.“

Als wichtige Stationen im jüdischen Leben nennt Seibert unter anderem die Beschneidung von männlichen Säuglingen, die hebräische Namensgebung und die Bar-Mizwa für Jungen sowie die Bat-Mizwa für Mädchen, ähnlich der Konfirmation. Auch seinen eigenen hebräischen Namen verrät Seibert: Akiwa ben Gideon.

Sind Homosexuelle willkommen? Für Seibert eine Selbstverständlichkeit. Und Eheschließungen unter Homosexuellen? „Das wurde noch nie an mich herangetragen“, so Seibert. „Da müsste ich einen Rabbiner fragen.“ Der sei für Trauungen zuständig. „Ich weiß aber, dass das in den USA ganz normal ist.“ Zu seinem Bezug zu Israel sagt Seibert: „Wenn ich dort bin, habe ich das Gefühl, ich komme in mein Land. Da ist eine besondere Verbundenheit. In Westeuropa hat man auch immer im Kopf: Wenn etwas passiert, wissen wir, wo wir hingehen können.“ Dort hinziehen? „Ich habe überlegt, nach Israel zu ziehen, bin aber zu verwurzelt in Deutschland. Ich bin hier aufgewachsen.“

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