zur Navigation springen

Schiedsrichter im Kreis Pinneberg : Zwischen Platzherr und Prügelknabe

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Gerade in unteren Spielklassen haben es Schiedsrichter oft nicht leicht. Reporter Stephan Hoppe hat einem Gespann genau auf die Pfeife geschaut.

shz.de von
erstellt am 16.Nov.2014 | 14:00 Uhr

Kreis Pinneberg | „Ohne Schiri geht es nicht“, lautete vor einigen Jahren eine große Werbekampagne des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), mit der noch mehr Menschen an die Pfeife geholt werden sollten. Der Aufruf hat gefruchtet.

Mittlerweile gibt es in Deutschlands Sportart Nummer eins bundesweit mehr als 75.000 Schiedsrichter, die Woche für Woche von der Kreisklasse bis zur Bundesliga für „Recht und Ordnung“ auf dem grünen Rasen sorgen. Oder an der Seitenlinie assistieren.

Dabei übt sich früh: Hierzulande können sich interessierte Jugendliche ab dem vierzehnten Lebensjahr in regelmäßig angebotenen Lehrgängen zum Unparteiischen ausbilden lassen. Dabei lernen sie nicht nur viel fürs Leben, sondern profitieren auch von Vergünstigungen wie dem freien Eintritt zu sämtlichen DFB-Spielen, von Fahrtkostenerstattungen und gegebenenfalls auch von Aufwandsentschädigungen. Zudem gibt es eine üblicherweise kostenlos gestellte Schiedsrichterausstattung.

Auch Andreas Voß vom VfL Pinneberg ist seit Kindheitstagen mit Leib und Seele Fußballschiedsrichter. Mit seinen Linienrichtern Detlef Möller und Hans-Michael Jez (beide TSV Sparrieshoop) ist er mit der Leitung des Bezirksliga-Punktspiels des SSV Rantzau gegen Grün-Weiß Eimsbüttel beauftragt. „Eigentlich erwarten wir ein ganz normales, nicht zu hitziges Spiel. Die Saison ist noch jung und der Achte trifft auf den Sechsten. Aber man weiß ja nie was kommt“, erklärt der 46-Jährige, während er rund 45 Minuten vor Anpfiff mit seinen Assistenten den Platz begeht. Denn schon bevor das Spiel angepfiffen werden kann, ist für die „Herren in Schwarz“ einiges zu tun.

„Wir gucken zunächst nach dem Zustand des Platzes, ob die Linienmarkierungen stimmen und die Tornetze fest verhakt sind“, erklärt der  Familienvater, der fast jeden Sonntag entweder als Referee oder als Schiedsrichterbeobachter auf Sportplätzen zwischen Brande-Hörnerkirchen, Geesthacht und Buxtehude unterwegs ist. „Am Sonntag geht bei uns jeder seinen eigenen Hobbys nach. Meine Frau besucht stattdessen einen Fotokursus“, erklärt der Postbeamte aus Elmshorn.

Bundesweit sorgen Woche für Woche mehr als 75000  Schiedsrichter dafür, dass jährlich über 1,5 Millionen Spiele auf deutschen Fußballplätzen ausgetragen werden können. Ob B-Junior-, „Alt-Herren“-Kicker oder bloßer Fußballfan: Jeder Interessent ist bei den regelmäßigen Schiedsrichterlehrgängen herzlich willkommen. Auch das Geschlecht spielt dabei keine Rolle, lassen sich doch schon seit vielen Jahren auch immer mehr Mädchen und Frauen zur Schiedsrichterin ausbilden. Wer mehr über diese ehrenamtliche Aufgabe und die daraus oft resultierenden persönlichen und beruflichen Vorteile in Erfahrung bringen will, kann sich auf der Homepage des BSA-Pinneberg (www.bsa-pinneberg.de) sowie der Webseite des Deutschen Fußball-Bundes (www.dfb.de) ausführlich informieren. Der nächste Anwärterlehrgang des BSA beginnt im Übrigen bereits am 7. November 2014.

Feuer und Flamme für due Aufgabe des Schiedsrichters fing er in seiner Schulzeit. „Da haben  oft Schulteams gegeneinander gespielt und es fehlte stets ein Schiedsrichter. Ich habe mich dann immer gerne zur Verfügung gestellt“, erinnert sich Voß. Im Alter von 19 Jahren legte er seine Schiedsrichterprüfung ab.

Die ist obligatorisch. „Jeder Schiedsrichter muss die Regelkunde aus dem Effeff beherrschen. Je besser er dann bei Beobachtungen bewertet wird, desto schneller kann er auch in höhere Spielklassen aufsteigen“, sagt er. Mit seinen Assistenten begibt er sich in Richtung Kabine, aus der er kurze Zeit später wieder hervortritt – in einem leuchtend orangefarbenen Outfit. „Unsere Kleidung darf natürlich nicht die gleiche Farbe haben wie die der Mannschaften“, so Voß.

Dann wird es langsam ernst. Beide Team postieren sich   gleich hinter dem Gespann in Reih und Glied zum Einlaufen. Nach einem Shakehands aller Akteure sind dann am Mittelkreis die Kapitäne gefragt, die zusammen mit dem Spielleiter hier die Seitenwahl auslosen. Jetzt ist es 15 Uhr, und Voß bläst pünktlich zum Anpfiff, während Möller und Jez mit ihren Fahnen an den Seitenlinien Position bezogen haben. Dort zeigen sie neben Abseitsstellungen unter anderem auch Auswechselwünsche, Einwürfe oder Ecken an. Es ist der Gast aus Eimsbüttel, der von Beginn an mehr Zug zum Tor beweist und ein ums andere Mal gefährlich auf das Gehäuse von Rantzaus Schlussmann Florian Hermenau anrennt.

Unruhe unter den Zuschauern

Unter den gut 150 Zuschauern auf den Rängern macht sich deshalb Unruhe breit. „Abseits, das war Abseits!“, „Mann, wann wachst Du mal auf?“ oder „Hast Du Deine Fahne vergessen?“ hallt es aus der SSV-Fangemeinde nach so manchem Gästevorstoß in Richtung des Trios, das sich jedoch nicht beirren lässt.

Bis der Referee allerdings das erste Mal so richtig eingreifen muss, dauert es aber eine Weile – nämlich bis zur 54. Minute. Es gibt Elfmeter für Eimsbüttel, doch Voß entscheidet nicht auf Notbremse, sondern belässt es bei einer Gelben Karte für Rantzaus Verteidiger. Das sorgt für Unmut auf der Eimsbütteler Ersatzbank. Bis zum Schlusspfiff greift er noch zwei weitere Mal in die Brusttasche, die Rote Karte bleibt ganz stecken. Für die ganz große Brisanz fehlt letztlich die sportliche Ausgegliechenheit – 1:4 unterliegen  die Barmstedter am Ende dem Gast aus Hamburg.

Für Schiri Voß und seine Crew gibt es indes das Lob, das ihnen am liebsten ist: Nämlich jenes der unterlegenen Mannschaft. Der Schiedsrichter war heute das Beste, was ich auf dem Platz gesehen habe“, sagt SSV-Coach Andreas Behnemann. Eimsbüttels Trainer Michael Schirmer setzt sogar noch einen drauf: „Das war bislang die beste Schiedsrichterleistung, die wir in dieser Saison erleben durften“, freut sich der Sieger-Coach. Währenddessen leeren sich die Tribünen und Schiri Voß kehrt mit seinen „Assis“ zurück in die beengte Schiedsrichterkabine.

Dort zieht er ein Fazit. „Wir sind zufrieden. Ich denke es hat keine großen Aufreger gegeben. Und der Gast hat hier verdient gewonnen“, resümiert der Elmshorner. Mit Kritik werde er bestens fertig. Durchsetzungsvermögen müsse ein Schiedsrichter natürlich haben. Und klare Ansagen machen können. „Dass Stadionbesucher, vor allem die mit der Vereinsbrille, immer alles besser wissen, ist schon immer so gewesen“, so der erfahrene Spielleiter, der zugleich als Ansetzer im Vorstand des Bezirksschiedsrichterausschuss Pinneberg (BSA) fungiert. Natürlich gebe es laut Voß auch Tage, an denen nicht immer alles optimal laufe und man sich auch selbst schon mal eine fehlerhafte Entscheidung eingestehen müsse. „Wir sind ja auch nur Menschen“, weiß Voß. Sein dunkelstes Erlebnis: In den 1990er Jahren schlug ihm ein Spieler ins Gesicht und brach ihm dabei das Nasenbein. Doch auch dadurch habe Voß die Lust am Pfeifen nie verloren. Und noch einen guten Rat für alle Besserwisser im Gepäck: „Nicht meckern, selber pfeifen!“ Denn ohne Schiri geht es nicht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen