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Serie: Mensch Nachbar : Zwischen Modeljob und Flüchtlingshilfe

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Heiko Gamerdinger steht für Fotostrecken vor der Kamera und engagiert sich im Café Pino für das Sprachpatenprojekt.

shz.de von
erstellt am 11.Apr.2015 | 15:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Als Model lacht er für die Fotografen, als Ehrenamtlicher im Café Pino mit den Flüchtlingen. Heiko Gamerdinger (42) lebt seit sechs Jahren in Pinneberg und pendelt zwischen zwei Welten. In der einen steht er auch mal neben Schauspielern wie Nina Kunzendorf vor der TV-Kamera. In der anderen bringt er sein ehrenamtliches Engagement im Flüchtlingscafé „pino café international“ ein, dass der Diakonieverein Migration seit einigen Monaten regelmäßig im Pinneberger Café Pino veranstaltet. Dort ist er darum bemüht, neue Ehrenamtliche in das Sprachpatenprojekt zu integrieren und trainiert zudem mit Flüchtlingen für Bewerbungsgespräche. Er springt ein beim Kaffeekochen oder in der Kinderbetreuung. Dennoch ist das Pendeln zwischen den zwei Welten für Gamerdinger kein Balanceakt. Es ist einfach sein Leben.

Bereits vor 25 Jahren begann der Schwabe seine Model-Karriere. Modestrecken für die Bravo. Dann eine Sparkassen-Werbekampagne. „Meine Mutter lief durch unsere schwäbische Kleinstadt und war stolz, dass ihr Sohn da auf einem Plakat hängt“, sagt er und muss bei der Erinnerung ein bisschen lachen. Aus seiner schwäbischen Kleinstadt Heidenheim zog es ihn recht schnell in die Welt. Er machte eine Ausbildung als Textileinzelhandelskaufmann in Ulm, blieb in den Karteien von Model-Agenturen in Stuttgart und München und lebte im Anschluss an seine Ausbildung weiter vom Modeln. 

Sein Gesicht war in Zeitschriften, Modekatalogen und Werbekampagnen zu sehen. Shootings lockten ihn nach Ibiza und Gran Canaria. Eine ganze Weile lebte er in Mailand in Wohngemeinschaften gemeinsam mit anderen Models aus den USA und Skandinavien. „In erster Linie hat mir der Lebensstil Spaß gemacht“, sagt er. „Es ist eine Seifenblase, in der man sich manchmal fragt: Was machst Du da eigentlich?“ Doch das Gefühl von Freiheit, Unbedarftheit lockte. Gleichzeitig konnte er Menschen aus verschiedenen Kulturen kennenlernen. „Manche Monate lief es super, manche Monate lief gar nichts. Da habe ich dann in Bars gejobbt“, sagt er. Der Traum sei es, jeden Tag als Model zu arbeiten. „Aber das ist natürlich nicht die Realität.“ Trotzdem, so sagt er, sei der Markt „für Männer mit zunehmendem Alter 40 plus ganz gut.“ Es gebe weniger männliche Models in dieser Altersgruppe als auf dem jungen Markt. Auch sei der Ton in der Branche heute sehr viel freundlicher als früher. Es werde respektvoller mit den Menschen umgegangen, es sei weniger Geld im Spiel sagt er über seine persönlichen Erfahrungen. Zu unterschätzen sei die Arbeit jedoch nicht, in einem kompletten Shooting acht Stunden lang Emotionen und Gestik rüberzubringen. Er laufe jetzt in seiner Hamburger Agentur MGM Models unter der Rubrik „Best Ager“. Statt hauptsächlich für Fashion macht er nun unter anderem Werbung für Insulin-Pumpen. Aber auch in Fernseh-Projekten wirkt er mit. In einer kleinen Sprechrolle als LKA-Leibwächter ist er im Frühjahr in einem ARD-Krimi-Zweiteiler an der Seite der Schauspieler Benjamin Sadler und Nina Kunzendorf zu sehen. Gedreht wurde dafür in Hamburg und an der Ostsee. „Das war ein Glückstreffer, ein Ausflug, der sehr viel Spaß gemacht hat“, sagt der 42-Jährige, der in jüngeren Jahren auch  Schauspielunterricht  genommen hat.

Zurück zu den Wurzeln

Immer wieder ist Gamerdinger in seinem Leben auch zu seinen Ausbildungswurzeln zurückgekehrt, arbeitete selbstständig als Textil-Einzelhändler im Bereich Maßkonfektion und kam schließlich 2008 nach Hamburg, um als Vertriebsleiter für ein größeres Unternehmen in Hamburg zu arbeiten. „Es gab viele unbefriedigende Dinge im Job“, sagt er. Ihm fehlte die Selbstständigkeit. Die Management-Aufgabe sei auf Gewinn-Maximierung  ausgerichtet gewesen. „Ich hatte wenig Möglichkeiten, auf Menschen einzugehen und mich in meiner Freizeit Projekten zu widmen“, beschreibt er die Gründe, Ende 2013 wieder aus dem Job auszusteigen und in die Selbstständigkeit als Model zurückzukehren.

Nach Pinneberg zog es ihn 2009 zufällig. Er habe dort einfach die passende Wohnung gefunden. In der Arbeit im Flüchtlingscafé geht er auf. Jeden Dienstag und Donnerstag von 15 bis 19 Uhr ist er zur Stelle. Unbürokratisch und unkompliziert wurde er sofort in das Projekt eingebunden, in dem derzeit 40 bis 50 Flüchtlinge und etwa 20 Ehrenamtliche mitmachen. Das primäre Ziel der Flüchtlinge: Die Sprache mithilfe von Sprachpaten zu erlernen. Vielen von ihnen sei es noch nicht gestattet, offizielle Sprachkurse zu besuchen. „Viele haben Ängste wegen der Sprache, regelrechte Beklemmungen. Wir versuchen, ihnen Selbstvertrauen mitzugeben“, so Gamerdinger. Angedacht sei es auch, dass Sprachpaten bei Behördengängen oder Arztbesuchen unterstützen. Die Besucher des „pino café international“ kommen zum Beispiel aus dem Iran, Irak, dem Jemen oder Afghanistan, darunter „wahnsinnig viele ausgebildete Leute, Architekten, Richter, Ingenieure, ein Arzt“, so Gamerdinger. Von Feindschaften untereinander im Café Pino sei keine Spur. „Das Thema Flüchtlingshilfe interessiert mich schon seit langer Zeit“, sagt der 42-Jährige. „Warum gegen Menschen demonstriert wird, die hier Hilfe suchen, verstehe ich nicht.“ Ihm gefallen im Flüchtlingscafé die „Begegnungen auf Augenhöhe“, wie er sagt. Es sei bemerkenswert, mit was für einem Tatendrang die Flüchtlinge herkommen. Ihm gehe es gut mit der ehrenamtlichen Arbeit. „Es gibt mir eine wahnsinnige Befriedigung, die ich noch in keinem Job erlebt habe.“ Er sagt: „Einerseits kann ich echt helfen, andererseits habe ich einen neuen Freundeskreis gefunden. Ich gehe beispielsweise mit den Männern aus dem Café Fußball schauen. Wenn ich die Fußgängerzone entlanglaufe, dann grüßen mich die Leute. Auch für mich ist die Arbeit im Flüchtlingscafé ein Stück Integration.“

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