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Serie: Unser Glaube : Zweites Leben im Himmelsreich

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die 1887 Mitglieder der Neuapostolischen Kirche im Kreis Pinneberg bereiten sich als Brautgemeinde auf die Wiederkehr Christi vor.

In dieser Serie stellt Ihnen die Redaktion Ihrer Zeitung jeden Mittwoch eine Glaubensgemeinschaft in der Region Pinneberg vor.

Kreis Pinneberg | „Neuapostolisch? Damit war ich als Kind der Idiot, der Außenseiter. Toll fand ich das nicht. Als Kind hatte ich nicht so das Bewusstsein dafür. Und damals als Jugendlicher kam es bei anderen nicht gut an, sonntags in die Kirche zu gehen“, sagt Frank Schulz. Der 43-Jährige ist heute ehrenamtlicher Priester der Neuapostolischen Kirche (NAK) in Pinneberg, die 338 Mitglieder hat. 1887 Mitglieder haben die sieben neuapostolischen Gemeinden im Kreis Pinneberg insgesamt. Weltweit hat Schulz zehn Millionen Glaubensgeschwister. In Deutschland hat die NAK mehr als 360.000 Mitglieder. In Pinneberger hat es im Jahr 1899 den ersten neuapostolischen Gottesdienst gegeben. Die Kirche in der Friedrich-Ebert-Straße steht seit 1957. Neben dem Gemeindevorsteher gibt es in der Pinneberger Gemeinde Diakone sowie acht Priester, alle ehrenamtlich. Eine Kirchensteuer existiert nicht. „Jeder gibt, was er geben will, etwa den zehnten Teil. Aber das wird nicht kontrolliert“, sagt Reinhold Ackermann (62), NAK-Gemeindevorsteher in Pinneberg.

„Wir glauben nach wie vor an Christi Wiederkunft – also dass er noch einmal kommt“, so Ackermann. Als Gemeinde bereite man sich wie eine „Braut auf die nahe Wiederkunft vor“, die Christus zu sich in den Himmel nimmt, um in engster Gemeinschaft mit ihm zu leben, so Ackermann. Mit einer ausschweifenden Hochzeit im Himmel beginne dann das 1000-jährige Friedensreich. „Das stellen wir uns schön vor.“

Die Erde werde dabei nicht verschwinden. Das ganze sei mehr eine Art „Entrücken von der Erde“. Ackermann ergänzt: „Das Böse, wozu wir als Menschen verleitet werden, die unguten Gedanken werden wir nicht mehr haben.“ Im Himmelsreich sei das irdische Leben vorbei. Weiterleben werde man als Geist und Seele. Wiedertreffen werde man auch die Verstorbenen.

Mit anderen christlichen Gemeinden teile man immer noch das Kirchen- und Taufverständnis. Exklusiv sei das Apostelamt. „Das leiten wir davon ab, dass Jesus seine Jünger als Apostel gesetzt hat, in seinem Namen Sünde zu vergeben, zu taufen und in seinem Namen die Lehre weiterzugeben.“ Es werde durch Menschen verkörpert. So ist der Stammapostel bei der Neuapostolischen Kirche beispielsweise so etwas wie der Papst bei den Katholiken. Seit Pfingsten 2013 bekleidet der Franzose Jean-Luc Schneider das Amt. Oberhaupt der NAK bleibt Christus. Bisher können nur Männer Apostel werden. „Aber das Thema ist in der Diskussion“, so Schulz.

Auch, wenn das Himmelreich lockt, wollen die Mitglieder der neuapostolischen Gemeinde ihre Aufgaben auf der Erde bis zuletzt wahrnehmen. „Wir sind hier als Menschen. Unsere Bedürfnisse und Aufgaben verrichten wir wohlwissend, dass es nach diesem Leben ein anderes Leben gibt.“ Dabei richteten sie sich nach den Geboten und Gottes Willen aus. „Der wird uns kundgetan im Gottesdienst“, sagt Ackermann. Etwa 100 Gemeindemitglieder erscheinen sonntags um 9.30 Uhr und mittwochs um 19.30 Uhr. Zum Gemeindeleben gehören auch die Sonntagsschule, also der Kindergottesdienst, eine Vorsonntagsschule für Kleinkinder, Jugendkreise, Religionsunterricht für die 9-bis 13-Jährigen, Konfirmandenunterricht sowie die Konfirmation mit 14 Jahren.

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„Manche Elemente sind dichter an der evangelischen Kirche, manche an der katholischen“, erklärt Ackermann. So werde die Predigt des Gemeindevorstehers als Gottes Wort aufgenommen ähnlich autoritär, wie in der katholischen Kirche. „Aber die Geistlichen können verheiratet sein. Familie ist gewünscht.“ Schulz ergänzt: „Man darf bei uns auch Kondome benutzen. Wir greifen nicht in das Privatleben der Gemeindemitglieder ein.“ Die Neuapostolische Kirche legt nach eigenen Angaben Wert auf das eigenverantwortliche Handeln seiner Mitglieder. Gründe für einen Ausschluss seien Schulz nicht bekannt. Sexuelle Orientierung spiele keine Rolle. Einen Unterschied gebe es bei Trauungen. So erhalten Mann und Frau den kirchlichen Segen, homosexuelle Brautpaare ein segnendes Gebet. „Homosexualität, Transsexualität ist ein Thema. Es gibt auch die Regenbogen-NAK“, so Schulz.

Das Gemeindeleben sowie Nächstenliebe wird groß geschrieben. „Für uns steht Seelsorge ganz oben an“, erklärt Ackermann. „Dadurch, dass man regelmäßig zum Gottesdienst geht, kennt man sich, trifft sich privat“, so Schulz. Freundeskreise seien jeoch durchmischt, insbesondere bei jungen Leuten. Natürlich gebe es auch Fälle, wo sich Mitglieder nicht mehr mit den Kircheninhalten identifizieren könnten und dem Gottesdienst fern blieben. Wer irgendwann wiederkomme sei herzlich willkommen.

Exklusiv sei die neuapostolische Kirche laut Ackermann bis in die 1950er Jahre gewesen. Damals habe man die Devise vertreten: „Wir sind die Einzigen mit dem wahren Glauben.“ Inzwischen gebe es gemeinsame Aktionen mit anderen Kirchen wie zum Erntedankfest in Appen. Ackermann betont: „Wir grenzen niemanden aus. Wir glauben auch nicht, dass jemand anderes nicht ins Himmelreich kommt.“

 
1863 ging die neuapostolische Kirche aus einer kleinen katholisch-apostolischen Gemeinde in Hamburg hervor. Mit Sitz in Zürich ist sie heute international verbreitet. Die Gemeinde Elmshorn hat 433 Mitglieder, Pinneberg (338), Schenefeld (341), Uetersen (246), Wedel (220), Quickborn (190) und Barmstedt (119).
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