Herzliche Menschen, heilige Kühe : Zwei Abiturienten aus dem Kreis Pinneberg in Indien

Hendrik Vahl und Jasmin Hägele sind derzeit in Auroville.
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Hendrik Vahl und Jasmin Hägele sind derzeit in Auroville.

Hendrik Vahl und Jasmin Hägele arbeiten ehrenamtlich in Indien und sind von der südasiatischen Kultur beeindruckt.

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23. Januar 2015, 16:00 Uhr

Pinneberg/Auroville | Kühe sind heilig und die Menschen herzlich. Das Essen ist scharf und der Verkehr chaotisch: Hendrik Vahl und seine Freundin Jasmin Hägele, beide aus dem Kreis Pinneberg, sind seit dem 1. Oktober in Indien. Genauer: in Auroville. „Die Stadt ist etwas speziell. Sie wurde unter dem Aspekt gegründet, dass sie der gesamten Menschheit gehört – das hört sich erstmal ein bisschen komisch an“, erklärt Vahl. „Wenn man aber hier lebt merkt man einen starken menschlichen Zusammenhalt. Alle sind wesentlich hilfsbereiter und aufmerksamer als in Deutschland“, berichtet der ehemalige Schüler des Halstenbeker Wolfgang-Borchert-Gymnasiums.

„Meine Großmutter väterlicherseits lebt bereits seit acht Jahren in Indien – das weckte unser Interesse“, sagt der 20-Jährige. Nach ihrer Ankunft haben die beiden sich als Volunteers unentgeldliche Arbeit gesucht. „Ich arbeite bei einer Art Sportverein. Wir organisieren den Schulsport in Auroville“, berichtet Vahl. Der Sportunterricht sei nicht in den täglichen Unterricht integriert, nach Schulschluss geht es jeden Tag zu einem Sportgelände. „Ein Konzept, das meiner Meinung nach wesentlicher effektiver und besser ist als der spärliche Unterricht in Deutschland“, so Vahl.

Hägele arbeitet als Assistenzlehrerin in einer fünften Klasse in Auroville. „In meine Klasse gehen indische Kinder, die sowohl aus den umliegenden ärmeren Dörfern als auch aus Auroville stammen, aber auch Kinder, deren Eltern ursprünglich aus Europa oder Amerika kommen“, sagt die 20-Jährige, die an der Pinneberger Theodor-Heuss-Schule ihr Abi gemacht hat. 

Was war bisher besonders beeindruckend für die beiden? „Die Charakterzüge der Menschen. Trotz der vielen negativen Berichterstattungen über Indien erleben wir hier, dass beispielsweise Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit wirklich großgeschrieben werden“, antwortet der Halstenbeker. Und er fügt hinzu: „Während sich derzeit in Deutschland manche an Pegidademos beteiligen und gegen Ausländer wenden, so werden wir hier von fast jedem Inder nett begrüßt, bei Moped-Pannen wird sofort angehalten und geholfen – wir hatten bisher ausnahmslos positive Erfahrungen.“ Es herrsche großes Interesse an Europäern. Blonde Haare sind dort selten, oft wollen die Einheimischen „Selfies“ mit den beiden Deutschen machen oder gratulieren zum WM-Titel. „Von Ausländerverdruss bemerken wir hier nichts. Wir erleben eher das Gegenteil und können die aktuelle Entwicklung in Deutschland nicht nachvollziehen“, sagt Vahl. Was ihm in Indien besonders auffalle: „Die Menschen sind im Vergleich zu Deutschland weniger Ich-bezogen, viel offener und wirken einfach herzlicher.“

Rinder haben in Indien Hoheitsrechte, weil sie bei den Hindus als unantastbar gelten. Sie prägen – wie hier am Strand von Mamallapuram – das Landschaftsbild. (Foto: PT)
Rinder haben in Indien Hoheitsrechte, weil sie bei den Hindus als unantastbar gelten. Sie prägen – wie hier am Strand von Mamallapuram – das Landschaftsbild. (Foto: PT)
 

Auch der Verkehr ist in Indien anders geregelt. „Wenn man überhaupt von einer Regelung sprechen kann. Linksverkehr ist eigentlich das falsche Wort. Denn egal auf welcher Seite, Hauptsache man fährt“, sagt Vahl. „Die wichtigste und einzige Regel ist eigentlich: der Stärkere hat immer Vorfahrt. Moped vor Fahrrad, Motorrad vor Moped, Auto vor Motorrad, Bus vor Auto, Lkw vor Bus und natürlich: Kühe vor allem!“, erklärt er. 

Erschreckend sei für beide die herrschende Armut. „Bettelnde Kinder, verfallene Hütten, Müllberge und kaputte Straßen prägen häufig das Landschaftsbild. Selbst in den Städten gibt es beispielsweise kein Kanalisationssystem, geschweige denn eine Art Müllabfuhr.“, berichtet Vahl. „Die Gerüche sind äußerst gewöhnungsbedürftig.“

Anfang März reist das Paar zurück nach Deutschland. Bis dahin erkunden sie noch einige indische Bundesstaaten. „Da hier jeder Bundesstaat wie ein eigenes Land ist – mit eigener Sprache und Kultur – erwartet uns noch ein völlig anderes Indien – wir sind sehr gespannt“, sagt Vahl. Und danach? Hägele möchte zum kommenden Wintersemester Bildungswissenschaften studieren. Vahl tendiere zu einem Studienfach wie Wirtschaft oder Politik.

Auroville ist eine geplante internationale Stadt, die ihrer Charta nach „der gesamten Menschheit gehört“. Sie liegt im Südosten Indiens an der Koromandelküste. Der Name Auroville bedeutet „Stadt der Morgenröte“. Die Idee einer „universellen“ Stadt basiert auf der Gesellschaftstheorie von Sri Aurobindo. 1966 beschloss die UNESCO eine Resolution, in der die Anerkennung und die Unterstützung des Projekts erklärt wird. Die Eröffnungs- und Einweihungszeremonie am 28. Februar 1968 wurde vom indischen Präsidenten und Vertretern aus 124 Nationen und 23 Indischen Staaten begleitet, um das „universelle Eigentum“ zu symbolisieren.
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