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Serie: Unser Glaube : Zeugen Jehovas warten auf das Weltende

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Von Predigtdiensten, Königreichssälen und Taufen in der o2-World: Zirka 350 Zeugen Jehovas leben im Kreis Pinneberg.

In dieser Serie von Artikeln stellt Ihnen die Redaktion Ihrer Zeitung jeden Mittwoch eine Glaubensgemeinschaften in der Region Pinneberg vor.

Gott, Jehova oder Allah: Paradiese, Weltuntergänge und das Leben dazwischen – in Deutschland darf geglaubt werden, was gefällt und niemandem schadet. Auch im Kreis Pinneberg gibt es Glaubenswelten außer den Hauptströmungen der evangelischen und katholischen Kirche, Islam und Judentum.

Fast jeder kennt sie, hat sie in der Fußgängerzone den „Wachturm“ verteilen sehen oder wurde bereits in ihrer Missionsabsicht, von ihnen an der Haustür überrascht: Die Zeugen Jehovas sind die wohl bekannteste religiöse christliche Sondergemeinschaft in Deutschland. Weltweit zählen sie nach eigenen Angaben acht Millionen Mitglieder, 165.000 gibt es in Deutschland. Dazu gehören auch die 105 Mitglieder der Gemeinde Uetersen sowie zirka 100 der Gemeinde Elmshorn, 70 der Pinneberger und 60 der Wedeler Gemeinde.

Sprüche wie „Fang bloß nichts mit den Zeugen Jehovas an. Die wirst du nie wieder los“, kennt Joachim Müller aus Moorrege, Landesbeauftragter der Zeugen Jehovas. Er lacht. Frustrierend seien solche Sprüche über den Predigtdienst nicht, sagt er. „Bei vielen ist die Entscheidung im Kopf bereits gefallen. Wir können ja keinen zwingen“, sagt er. „Wir sind auf freiwilliger Basis zusammen.“ Der 70-jährige Anwalt ist seit 44 Jahren Mitglied der Gemeinschaft. Ein Klassenkamerad habe ihn damals auf diesen Weg gebracht. Er ist gern dabei, wenn es viermal pro Woche darum geht, für einige Stunden Stände in der Fußgängerzone aufzubauen oder durch die Gegend zu ziehen und Literatur zu verteilen, über deren Abgabemengen sie der deutschen Hauptgeschäftsstelle der Wachturm-Gesellschaft Bericht erstatten. An der Spitze der Zeugen Jehovas steht die Wachturm-Gesellschaft (WTG) mit Sitz in New York steht, gesteuert von einer „Leitenden Körperschaft“ als Offenbarungs- und Verbindungskanal Jehovas.

Müller ist ein Ältester seiner Gemeinde, genau wie Stephan Rathmann (50). Die Ältesten – grundsätzlich Männer – organisieren die Zusammenkünfte der Zeugen Jehovas. Gemeinsam präsentieren sie den schlichten Königreichssaal in Tornesch. Graue Stuhlreihen, Musikinstrumente. Platz für das Orchester. Dort treffen sich zweimal wöchentlich mittwochs und sonntags für je zirka zwei Stunden die Zeugen Jehovas der Gemeinden Uetersen und Pinneberg. Die Elmshorner Gemeinde hat ihren eigenen Königreichssal, die Wedeler Zeugen Jehovas fahren nach Hamburg. „Jeder wird sich bemühen, da zu sein“, so Müller. Eine Kirchensteuer gibt es nicht. Die Zeugen Jehovas finanzieren sich durch Spenden der Mitglieder.

„Wir glauben das, was in der Bibel steht und nehmen das als Glaubensgrundlage sehr ernst“, erklärt der Landesbeauftragte. Die Grundlage der Zeugen Jehovas ist die Heilige Schrift in der von der Wachturm-Gesellschaft genehmigten Auslegung. Bekannt sind sie auch dafür, dass sie nach ihrem Bibelverständnis Bluttransfusionen ablehnen, weder Geburtstage noch Weihnachten oder Ostern feiern, Homosexualität, Sex vor der Ehe und Abtreibungen ablehnen, den Mann als Oberhaupt einer Familie betrachten und sich dem Predigtdienst – also der Missionierung – widmen in freudiger Erwartung auf das nahende Weltende „Harmagedon“.

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„Man soll so leben, dass das Königreich
 jederzeit kommen kann.“

Joachim Müller
Landesbeauftragter
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Denn die Zeugen Jehovas sind sich sicher, dass Jehova für sie im Anschluss ans Verschwinden des politischen Systems ein Königreich auf Erden errichten wird – ein Paradies. „Man soll so leben, dass das Königreich jederzeit kommen kann“, so Müller. 1914 blieb das vorausgesagte Weltende bereits einmal aus. Doch daran, dass es kommen wird, äußert Müller keinen Zweifel.

Andere Menschen von ihrem Glauben zu überzeugen, gehört deshalb zu den Pflichten eines Zeugen Jehovas. Die Ökumene lehnen sie ab. „Jeder Kompromiss mit anderen bedeutet ein Abgehen von unseren Glaubensgrundsätzen“, so Müller. Die anderen haben „aus unserer Sicht nicht das richtige Bibelverständnis“.

Dabei ist man, weil man missioniert wurde oder als Zeuge Jehovas erzogen und sich im Jugendalter taufen lässt. Die Gelegenheit zur Taufe bieten große Kongresse, wie im Juli in der o2-World in Hamburg, wo es drei Tage lang vor allem „biblisch fundierte“ Vorträge zu hören gibt, so Müller.

Von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen werden die Zeugen Jehovas als „restriktive Organisation“ bezeichnet, die von den Anhängern blinden Gehorsam erwartet und für kritische Rückfragen, Einwände oder Bedenken keinen Raum hat. Müller hält dagegen: „Ich habe immer erlebt, dass man Dinge diskutieren kann. Wenn jemand sagt: ,Das sehe ich anders‘, dann führt der Weg weg von uns.“

Rathmann bezeichnet seine Glaubensgemeinschaft als eine Art Tankstelle, die Stabilität verleiht, einen Rahmen gibt und die dazu beitrage, die Struktur des eigenen Glaubens zu bewahren. Müller erklärt: „Sie können jederzeit austreten, aber derjenige verlässt natürlich einen engen Kreis mit vielen Kontakten, muss sein soziales Umfeld neu aufbauen. Wir kümmern uns sehr um einzelne Mitglieder.“ Bei jungen Menschen sei es manchmal so, dass sie sich selbst verwirklichen möchten, sich eingegrenzt fühlen. Manche gingen. Manche kämen auch wieder zurück.

Zum Gemeinschaftsentzug kann vorehelicher Geschlechtsverkehr, das Zusammenleben ohne Trauschein und ausgelebte Homosexualität führen. „Wenn jemand grundsätzlich die biblischen Grundlehren ablehnt, kommt es zu einem innerkirchlichen Rechtsverfahren“, so Müller. Der Kontakt zu ehemaligen Mitgliedern sei sporadisch. Aber er betont: „Wir haben auch Freunde außerhalb der Zeugen Jehovas, praktizieren keine bewusste Abgrenzung, versuchen, gute Nachbarschaft zu pflegen. Aber ich würde nicht empfehlen, einen Andersgläubigen zu heiraten.“

Der Artikel 4 Absatz 1 und 2 des Grundgesetzes garantiert die Religionsfreiheit eines jeden Einzelnen. Jeder kann sich frei zu einer Religion bekennen und einer Religionsgemeinschaft beitreten. Jeder ist aber auch frei, sich nicht zu einer Religion zu bekennen, aus einer Religionsgemeinschaft auszutreten oder in eine andere überzuwechseln. Die Vereinigungsfreiheit des Grundgesetzes erlaubt jede Form des Zusammenschlusses zu Vereinen und Interessenverbänden mit religiösen, politischen oder kulturellen Zwecken.
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erstellt am 04.Feb.2015 | 15:03 Uhr

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