Elmshorn : Zentrale Gedenkfeier des Landtags für die Opfer des Holocausts im Kreis Pinneberg

Großer Chor: Jugendliche von Elmshorner Schulen singen gemeinsam „Von guten Mächten treu und still umgeben“.
Großer Chor: Jugendliche von Elmshorner Schulen singen gemeinsam „Von guten Mächten treu und still umgeben“.

Zeitzeugin Liesa Ruether erzählt ihre Geschichte. 400 Gäste kammen zur zentralen Gedenkveranstaltung des Landtags in Elmshorn.

shz.de von
29. Januar 2015, 10:00 Uhr

Elmshorn | „Angst habe ich vor nichts mehr. Ich habe zu viel erlebt. Schlimmer kann es nicht kommen.“ Mit diesen Worten schließt Liesa Ruether ihre Geschichte. Es ist die Geschichte der Grausamkeiten, die ihr als Kind und junge Frau von den Nazis angetan wurden. Am Dienstagabend war Ruether als Zeitzeugin Gast bei der zentralen Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus in Elmshorn. Eingeladen hatten der schleswig-holsteinische Landtag und die Stadt Elmshorn.

Der 87-Jährigen fällt es nicht leicht, über das zu sprechen, was ihr widerfahren ist. Sie hat einen Text vorbereitet, den sie gemeinsam mit der Schleswiger Pastorin Christiana Lasch-Pittkowski vorträgt. „Meine Mutter ist jüdischer Abstammung. Deshalb haben wir keinen Ariernachweis bekommen. Aber wir mussten auch keinen Judenstern tragen“, erinnert sich Ruether.

Ihren Vater verliert sie als Dreijährige nach einem Unfall. Ihre Mutter Frieda Dora heiratet wieder. Ihr neuer Vater nimmt sie mit in die evangelische Kirche in Hannover, mit der Mutter besucht sie die Synagoge. Ruether sieht, wie die Sturmabteilung (SA) der NSDAP durch die Straßen marschiert. „Ich verstehe nicht, wie die Leute sagen konnten, sie hätten nichts gesehen. Ich habe viel gesehen.“ Sie hat gesehen, wie ein Nachbar abgeholt wurde. Sie hat gesehen, wie ein Mann auf der Straße von der Gestapo aufgegriffen und blutig geschlagen wurde. Sie hat die zerstörten Geschäfte nach der Pogromnacht gesehen. Sie hat gesehen, wie ein Nachbar auf der Flucht vor der Gestapo aus einem Fenster im zweiten Stock sprang. Und sie bemerkte, dass plötzlich zwei jüdische Klassenkameradinnen fehlten.

 

Ihr zweiter Vater stirbt im Sommer 1943 während eines Bombenangriffs auf Hannover. „Ich habe gesehen, wie ein Sprengsatz explodierte, als mein Vater über die Straße lief. Er war auf der Stelle tot.“ Im November 1943 werden Liesa Ruether und ihre Mutter ausgebombt. Sie bekommen eine neue Wohnung zugewiesen, müssen bei der Post arbeiten – die Mutter nachts, die Tochter tagsüber. „An einem Morgen habe ich meine Mutter nicht wie sonst gesehen. Als ich abends zurückkam, war sie immer noch nicht da. Meine Mutter habe ich nie wieder gesehen.“ Liesa Ruether wird von der Polizei zur Gestapo gebracht. „Ich war vier Tage im Gestapo-Keller. Darüber kann ich nicht sprechen.“ Am 26. Juli 1944 wird sie ins Konzentrationslager (KZ) Bergen-Belsen gebracht.

„Wir waren in Baracken eingesperrt. Je mehr Transporte kamen, desto schlimmer wurde es. Wir haben verseuchtes Wasser getrunken. Dadurch bekam ich Typhus und Ruhr. Überall lagen Leichen.“ An ihre Befreiung am 15. April 1945 kann sich Ruether nicht mehr erinnern. „Mir wurde berichtet, dass mich ein englischer Soldat fand, weil ich meinen Arm bewegte.“

Sind zur zentralen Gedenkfeier für Holocaust-Opfer gekommen: Zeitzeugin Liesa Ruether und Landtagspräsident Klaus Schlie. (Foto: Thieme)
Sind zur zentralen Gedenkfeier für Holocaust-Opfer gekommen: Zeitzeugin Liesa Ruether und Landtagspräsident Klaus Schlie. (Foto: Thieme)
 

Die 87-Jährige bewegt die Menschen im Saal. Viele kommen im Anschluss an die Veranstaltung zu ihrem Platz, um sich persönlich zu bedanken. Im Gespräch sagt sie schließlich: „Es ist so wichtig, dass die Jugendlichen erfahren, was damals passiert ist. Ich habe den Eindruck, dass das im Schulunterricht nicht mehr ausreichend durchgenommen wird.“ Doch sie erinnert sich auch an eine Begegnung mit Schleswiger Schülern. „Die Gruppe hatte die Gedenkstätte Bergen-Belsen besucht. Anschließend stellten sie mir viele Fragen. Sie haben von sich aus großes Interesse gezeigt.“

Ruether klammert nicht aus, dass der Kampf gegen rechtes Gedankengut bis heute eine große Aufgabe ist. „Einmal kam meine Enkeltochter weinend aus der Schule. Ihre Geschichtslehrerin habe gesagt: Mit den Konzentrationslagern, das stimme nicht. Da wären nur Straftäter hingekommen.“

Ein anderes Mal sei ihr Enkel von rechtsradikalen bedroht worden. „Ich bin hingegangen und habe mit ihnen gesprochen. Angst habe ich vor nichts mehr. Ich habe zu viel erlebt. Schlimmer kann es nicht mehr kommen.“

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