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Das Sonntagsgespräch : „Zeitzeugen geben wertvolle Erfahrungen weiter“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Das Sonntagsgespräch heute mit Dorothea Snurawa, Vorsitzende der Zeitzeugenbörse in Wedel.

Wedel | Dorothea Snurawa ist Vorsitzende der Wedeler Zeitzeugenbörse. Im Sonntagsgespräch erklärt sie unter anderem, wie das Projekt hilft, Vorurteile zwischen den Generationen abzubauen.

Wie sieht die Arbeit der Zeitzeugenbörse aus?
Wir haben zwei Schwerpunkte. So gibt es alle drei Monate Treffen im Wedeler Rathaus, bei denen bestimmte Themen behandelt werden. Das nächste Zeitzeugengespräch ist für Dienstag, 12. Juli, um 10 Uhr geplant. Das Thema lautet dann „An welches alte Handwerk in Wedel erinnern Sie sich?“. Die Treffen fördern den Zusammenhalt und bieten die Möglichkeit, sich zwanglos auszutauschen. Außerdem lerne ich neue Zeitzeugen kennen und erfahre auch, wie sie erzählen können. Das ist wichtig, wenn es darum geht, Zeitzeugen in den Schulen von der Vergangenheit berichten zu lassen. Das ist der zweite Schwerpunkt unserer Arbeit.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit den Schulen aus?
Die Initiative soll eigentlich von den Schulen ausgehen. Ich halte regelmäßigen Kontakt, damit die Lehrer wissen, dass sie uns jederzeit einladen und auch das Thema bestimmen können. In den dritten und vierten Klassen beschäftigen wir uns vor allem mit der Wedeler Geschichte und gehen mit den Kindern auch durch die Stadt. Das ist immer wieder ein tolles Erlebnis. Die Jungen und Mädchen sind begeistert und freuen sich besonders, wenn sie von den Jugendstreichen unserer Zeitzeugen hören. Gerade die Stadtrundgänge sorgen wir für eine höhere Identifikation mit dem Heimatort.

Welche Themen werden besonders häufig behandelt?
Die NS-Zeit ist immer ein Thema. Es wird allerdings immer schwieriger, dafür Zeitzeugen zu finden. Wir beschränken uns aber nicht nur darauf. Die DDR, die Sturmflut, die Wiedervereinigung, Veränderungen in Wedel – Zeitzeugen können wertvolle Erfahrungen aus vielen Epochen weitergeben.

Wie sieht Ihre Arbeit aus?
Ich kümmere mich vor allem um das Organisatorische. Als Wedeler Zeitzeuge komme ich nicht in Frage, weil ich erst seit zwölf Jahren hier wohne. Meine Hauptaufgabe ist, den Kontakt zu Lehrern und Zeitzeugen zu halten und auch zwischen ihnen zu vermitteln.

Wieso ist es so wichtig, Geschichte weiterzugeben?
Das Erlebte erzählt zu bekommen, ist wesentlich eindrucksvoller als das, was in den Geschichtsbüchern steht. Sehr wichtig ist außerdem der Kontakt zwischen den Älteren und den Kindern sowie Jugendlichen. Dadurch werden Vorurteile abgebaut.

Weswegen engagieren Sie sich für die Zeitzeugenbörse?
Ich habe mich früher nie mit Geschichte und meinen eigenen Wurzeln beschäftigt. Was mir dadurch fehlt, habe ich erst nach dem Tod meiner Eltern bemerkt. Ich wusste nicht, wie sie dachten und was sie fühlten. Deswegen suche ich jetzt den Kontakt zu Älteren, um etwas von deren Erlebnissen zu erfahren. Dazu half mir die Arbeit für die Zeitzeugenbörse, Bekanntschaften zu knüpfen. Schließlich kannte ich fast niemanden, als wir nach Wedel gezogen sind.

Gibt es Zeitzeugenberichte, die Sie besonders berührt haben?
Eine Zeitzeugin berichtete, dass sie 1945 hochschwanger mit dem U-Boot aus Ostpreußen fliehen musste. Ein anderer musste als junger Mann die Schule verlassen, um als Flakhelfer in den Krieg zu ziehen und wurde dort verwundet. Es sind gerade die Kriegserlebnisse, die einen besonders erschüttern.

Gibt es Probleme, mit denen die Zeitzeugenbörse zu kämpfen hat?
Zusätzliche Helfer wären dringend notwendig. Außerdem würde ich mir eine größere Resonanz der Lehrer wünschen. Ich will ihnen Arbeit abnehmen und nicht aufhalsen. Wir kümmern uns um alles Organisatorische und suchen auch die Zeitzeugen.

Welche Epoche fasziniert Sie besonders?
Als ich anfing, wollte ich mich gar nicht mal so sehr mit den Kriegserlebnissen beschäftigen. Mich interessierte eher die jüngere Geschichte, zum Beispiel die 68-er Generation. Das stößt bei den Zeitzeugen allerdings auf wenig Gegenliebe.

Dorothea Snurawa (72) wurde in Braunsbach (Baden-Württemberg) geboren, ist verheiratet, hat zwei Kinder und fünf Enkel. Snurawa ist Diplom-Ingenieurin für Physik und arbeitete viele Jahre als Segellehrerin und Skipperin.
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erstellt am 26.Jun.2016 | 15:00 Uhr

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