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Elias Sahabi aus Afghanistan : Zaubernder Flüchtling: Mit Magie in ein neues Leben

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Seine Flucht liegt erst vier Monate zurück: Als Zauberer versetzt Elias Sahabi (15) aus Afghanistan die Pinneberger bereits jetzt in Staunen.

shz.de von
erstellt am 01.Jan.2016 | 16:56 Uhr

Pinneberg | Gebannt schauen die Kinder zu Elias Sahabi auf, als er die Bühne betritt. „I will do some magic for you – Ich werde für Euch zaubern“, kündigt er seine Vorstellung im Pinneberger Weihnachtsdorf auf Englisch an. Unter höchster Konzentration lässt er kurz darauf einen Tisch schweben, streift scheinbar unzerstörbare Fesseln ab und bringt ein Seil in der Luft zum Stehen. Magie liegt in der Luft. Das Pinneberger Publikum will mehr. Applaus für den Zauberer. Dem 15-jährigen Afghanen auf der Bühne ist nicht anzumerken, dass er vor wenigen Monaten noch in einem kleinen unsicheren Schlauchboot auf der Flucht Richtung Europa um sein Leben gebangt hat.

Vier Monate ist es her, dass Elias zusammen mit seiner Schwester, seinem Schwager und deren zweijährigem Kind in Deutschland ankam, nach Wochen in Unsicherheit. Doch bereits einen Monat nach seiner Ankunft in Deutschland war Pinneberg mit seinen Plakaten zugepflastert, die seinen ersten Auftritt als Zauberer im Geschwister-Scholl-Haus ankündigten.

„Ich habe mit dem Zaubern angefangen, als ich zwölf war“, berichtet er auf Englisch. Deutsch lernt er derzeit in einer DaZ-Klasse im Schulzentrum Nord. „Ich wollte unbedingt Zaubern lernen. Mit den Tricks kann ich meine Familie zum Lachen bringen, wenn sie traurig ist“, sagt er. Seine Familie: Das sind seine Schwester und sein Schwager und deren Tochter, mit denen er auch derzeit eine Wohnung teilt. Seine Eltern sind tot.

Heimlich habe er sich in seiner Heimatstadt Herat in Internetcafés online und zuhause über Satellitenfernsehen Tricks der Profi-Zauberer angesehen, sich ein Buch über Zaubertricks aus dem benachbarten Iran organisiert. Heimlich, weil das Thema Zauberei in Afghanistan heikel ist. Nicht jeder habe dort ausreichend Wissen von Physik, Chemie oder Mathematik, um zu verstehen, dass sich durch Anwendung dieser Wissenschaften Illusionen erzeugen lassen, erläutert Elias. „Es gibt Menschen, die diese Tricks missverstehen und sie als schwarze Magie interpretieren. Das sind Gedankengänge wie im Mittelalter, als Menschen als Hexen verbrannt wurden“, erläutert er. Auch, wenn es sich bei seinen Tricks nur um Kunststücke für Kinder handele. „In Afghanistan kann man Probleme wegen nichts haben. Wenn du Talente hast, werden sie abgetötet“, sagt er. Für eine Kunst wie die Zauberei gebe es keine Unterstützung. Er sei dazu gedrängt worden, damit aufzuhören. Doch er habe seinen Traum nicht aufgeben wollen.

Über die konkreten Hintergründe, die zur Flucht seiner Familie aus Afghanistan führten, möchte der gläubige Moslem, der „Menschlichkeit“ als seine Religion bezeichnet, allerdings nicht öffentlich sprechen. Drei Monate dauerte die gefährliche Odyssee nach Deutschland. „Du weißt, dass du vielleicht dein Leben auf der Flucht verlierst. Du würdest es nicht machen, wenn es eine andere Möglichkeit gebe“, sagt er. Eine Wahl, ob er Flüchtling sein wollte oder nicht, habe er nicht gehabt. Diese Angst, die Flucht, die Bedrohung möchte Elias hinter sich lassen, weitermachen, kämpfen für seine Träume – und weiterhin Zuschauer mit seiner Kunst zum Lächeln und Staunen bringen.

„Ich habe hier mit kleinen Tricks in der Schule angefangen“, sagt er. „Die Mitschüler mochten es.“ Es dauerte nicht lang, bis man ihn auf die Bühne des Geschwister-Scholl-Hauses (GSH) holte. Überglücklich erzählt er davon, dass er in dem Jugendzentrum die Möglichkeit habe, jederzeit seine Zauber-Requisiten selbst zu basteln. Die Mitarbeiter im GSH und auch im Jugendclub des Schulzentrums Nord hätten ihn seit seiner Ankunft sehr unterstützt.

Den Auftritt auf dem Pinneberger Weihnachtsmarkt arrangierte er allerdings selbst. „Ich bin einfach zum Stadtmarketing gegangen und habe gesagt, dass ich dort auftreten will. Sie haben mir dann einen Termin gegeben“, sagt Elias. „Ich will Erfahrungen auf Bühnen sammeln“, sagt er. Gibt es Lampenfieber? „Nur, weil ich nicht genug Deutsch spreche“, sagt er grinsend. Er ist ungeduldig mit seinen eigenen sprachlichen Fortschritten. „Natürlich möchte ich in Deutschland bleiben. Hier ist mein Traum wahr geworden. Ich kann als Zauberer auf der Bühne stehen. Man hat hier alle Möglichkeiten, etwas zu starten, wenn man wirklich will.“

Mit Freunden habe er inzwischen eine „Magic group“ gegründet, die er für alle Jugendlichen öffnen möchte, die sich für das Zaubern interessieren. Wer mitmachen möchte, könne ihn regelmäßig im GSH antreffen. Als Zauberer möchte er irgendwann zu den ganz Großen gehören. Dass er bereits jetzt schon etwas drauf hat, wird er das nächste Mal während des Neujahrsempfangs der Stadt Pinneberg am 10. Januar ab 10.45 Uhr zeigen, zu dem alle Bürger eingeladen sind. Der Eintritt ist frei.

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