Zauberer per Quereinstieg

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Vor drei Jahren floh Elias Noro aus Afghanistan, heute begeistert er Zuschauer auf der ganzen Welt mit Kartentricks und Illusionen

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11. August 2018, 16:00 Uhr

„Zieh eine Karte“, fordert Elias Noro die Zuschauerin auf. Aus dem aufgefächerten Kartendeck wählt sie eine, sieht sie sich an und legt sie verdeckt wieder in den Stapel zurück. Mit geschmeidigen Handgriffen mischt Elias den Kartenstapel durch. Wo ihre Karte ist? Die Zuschauerin hat keine Ahnung. Sie soll eine Zahl zwischen eins und neun auswählen. Sie nimmt die sieben und Elias deckt als siebte die von ihr gemerkte Karte um. Staunender Beifall ist das Ergebnis.

Elias Noro ist Zauberer oder „Magician“ und begeistert seine Zuschauer mit Kartentricks, mit Illusionen und am meisten mit seiner Leidenschaft. Mit zehn oder zwölf Jahren hat er durch Zufall ein Video von Criss Angel, einem amerikanischen Zauberer, gesehen. Die Magie, mit der er das Publikum zum Lachen gebracht und begeistert hat, hat ihn in seinen Bann gezogen. Das wollte er auch können. Internet gab es in seinem Dorf in Afghanistan nicht. Im Internet-Café in der nächsten Stadt recherchierte er und fand . . . nichts. Auf Dari, seiner Muttersprache, gab es keine Beiträge übers Zaubern, und Englisch verstand er nicht.

Freunde seiner Eltern brachten ihm aus dem Iran ein Buch „40 einfache Zaubertricks“ mit. Doch so einfach waren die nicht, von den 40 hat er lediglich einen nachmachen können. Elias war dennoch begeistert. Die Zuschauer, in erster Linie die Familie, hatte er damit aber nicht umgehauen.

Doch er ließ nicht locker, übte mit Münzen und Gummibändern, die er verschwinden ließ und von den unmöglichsten Orten wieder hervorzauberte. Seine Eltern wiesen ihn an, sich auf die Schule zu konzentrieren. Er respektierte das – und übte trotzdem weiter.

Ein anderer Freund erfüllte Elias einen Traum: Er brachte ihm ein gebrauchtes Kartendeck aus dem Iran mit. Zwei Jahre übte Elias täglich mit diesem Deck. Am Ende waren die Karten so abgegriffen, dass die anfangs blauen Rückseiten weiß waren. Heute wechselt er sein Deck alle zwei bis drei Tage.

Seit drei Jahren lebt Elias mit seiner Familie in Deutschland. An den ersten Tag in der neuen Schule erinnert er sich nur zu gut: Er sprach kein Wort Deutsch, konnte nur gucken und beobachten. Dann kam Faisal auf ihn zu, ebenfalls aus Afghanistan und schon ein bisschen länger hier. Faisal wurde sein Bindeglied zwischen der alten und der neuen Welt. Er war von den Kartentricks begeistert. Jedem sollte Elias seine Zauberkunststücke vorführen. Nach zwei Wochen kannte ihn die ganze Schule, dabei lernte er spielend seine ersten Sätze auf Deutsch. Auch ins Jugendzentrum nahm Faisal ihn mit. Der Leiter fragte, ob Elias noch größere Tricks beherrschen würde. In der Theorie wusste Elias zwar, wie sie funktionierten, für die Praxis fehlte jedoch das Material. Faisal und er sammelten Holz vom Sperrmüll und fertigten daraus in der Werkstatt des Geschwister-Scholl-Hauses in Pinneberg die benötigten Utensilien. Mehr als zwei Monate brauchten sie, bis der erste Trick perfekt funktionierte. „Wenn du etwas verschwinden lässt, ist das cool, aber noch cooler ist, wenn du es auch wieder hervorzauberst“, sagt Elias. Sein Ziel: Er wollte Faisal von der Bühne verschwinden und später wieder auftauchen lassen.

Im November 2015 war es dann soweit: Elias und Faisal standen im Geschwister-Scholl-Haus für eine Show auf der Bühne. Hundert Leute saßen im Publikum. An den Moment vor dem Auftritt erinnert Elias sich genau: „Ich war sehr, sehr aufgeregt, aber gleichzeitig wollte ich mit jeder Zelle meines Körpers auf die Bühne, die Leute zum Staunen und zum Lachen bringen, sie in den Bann ziehen und für einen Moment die Sorgen des Alltags vergessen lassen.“ Und das Publikum war begeistert.

Die Bühne im Pinneberger Weihnachtsdorf war die nächste Herausforderung. Vier Tage vor dem Auftritt fehlten noch zwei Spiegel in einer bestimmten Form. Elias wollte absagen. Faisal sah ihm fest in die Augen und sagte: „Wenn du nur wegen zwei Spiegelteilen absagst, wirst du deinen Traum nie leben!“ Der Auftritt wurde ein sagenhafter Erfolg. Presse und NDR wurden auf ihn aufmerksam. „Die Einstellung ist das Wichtige bei dem, was du machst. Alles andere folgt“, sagt er heute. Dass er mit der Zauberei Geld verdienen kann, hätte er nie gedacht. Inzwischen hat er ein Gewerbe angemeldet und zahlt Steuern. Er will sich sein eigenes Leben aufbauen und dabei von keiner Person oder Organisation abhängig sein.

Seine Familie ist stolz auf ihn, sie sieht, dass sein Modell so gut funktioniert. Auf Instagram hat er über 12 500 internationale Follower. Das erste Video als Streetmagician, als Straßenzauberer, hat Faisal mit einem billigen Smartphone gedreht, heute sind Kamera und Mikrofon dabei. „Man muss nicht perfekt anfangen, die Perfektion kommt später“, weiß er inzwischen: „Man muss einfach nur anfangen.“

Heute zaubert der 18-Jährige als Streetmagic in der Hamburger Innenstadt, bei verschiedenen Veranstaltungen, wie der Nacht der Kleinkunst oder beim Schachturnier „Linkes gegen rechtes Alsterufer“ in der Barclaycard-Arena vor 4000 Zuschauern, und gibt Zauber-Workshops für Kinder in Pinneberg, Elmshorn, Rellingen oder Hamburg: „Als Kind hätte ich gern so eine Zauberschule besucht, aber das gab es bei uns nicht.“

Sein Traum ist eine eigene große Show, in Hamburg wäre großartig, bei Las Vegas leuchten Elias’ Augen. David Copperfield ist sein Vorbild. In zahlreichen Videos hat er von ihm gelernt, dass nicht der komplizierte Trick, sondern die Performance das Wichtigste ist. Vier bis fünf Auftritte hat Elias Noro inzwischen pro Monat. Mehr nicht, weil er sich nach wie vor auf die Schule konzentrieren möchte. Nach dem Abitur will er einmal Marketing studieren. Wo er leben möchte: „Afghanistan ist meine Heimat. Heimat ist mehr als ein Ort, das ist die Kultur, das sind die Menschen.“ Der junge Mann wird nachdenklich: „Aber alles zurücklassen, was ich mir hier aufgebaut habe? Nein, ich werde hierbleiben.“


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