„Zar sah Zeichen der Zeit nicht“

Die Pinnebergerin Sibylle Hallberg las im Park-Saal der Pinneberger Landdrostei.
Die Pinnebergerin Sibylle Hallberg las im Park-Saal der Pinneberger Landdrostei.

Bewegende Lesung: Sibylle Hallberg hat in mühsamer Arbeit die 300-jährige Geschichte der Familie Romanow aufgearbeitet

shz.de von
20. Juli 2018, 16:00 Uhr

Im Park-Saal der Pinneberger Landdrostei fällt es leicht, sich in längst vergangene Zeiten zurückzuversetzen. Ein großer Kronleuchter hängt an der Decke, die Wände strahlen mit ihrem goldfarbenen Behang herrschaftlichen Glanz aus. Es könnte keinen passenderen Rahmen für eine Lesung geben, die sich mit dem grausamen Untergang einer Zarendynastie, die 300 Jahre lang Russland beherrschte, beschäftigt.

Sibylle Hallberg, die Vorsitzende des Fördervereins Landdrostei Pinneberg, hat in mühsamer Arbeit die 300-jährige Geschichte der Familie Romanow aufgearbeitet. „Zwei Jahre hat es gedauert, bis ich alle Feinheiten zusammen hatte“, schildert sie. Mit Hilfe von Zeitzeugenberichten wurde es aufgewertet. Anlass für Hallberg, die Geschichte aufzuarbeiten, war die 100. Jährung des Todestages der Familie: Das Ende der Romanows kam in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918.

Die Geschichte der Romanows lässt sich bis ins Jahr 1613 zurück verfolgen. Zar Michael der Erste bestieg den Thron, ihm folgten über 20 Zarinnen und Zaren. Der Fokus der Lesung lag eigentlich auf dem jähen Ende dieser kaiserlichen Familie. „Doch um die Geschichte begreifen zu können, muss man die Vergangenheit kennen. Was ich zusammengetragen habe erscheint umfangreich, es gibt aber noch so viel mehr Einzelheiten“, sagt die Autorin.

Was passierte mit dem letzten Zaren, Nikolaus der Zweite, und seiner Familie? Kurz: Sie wurden erschossen, die Töchter mit Bajonetten erstochen, da in ihre Kleider Edelsteine eingenäht waren, die die Kugeln aufhielten. Doch wie konnte es so weit kommen? „Der Zar sah die Zeichen der Zeit nicht“, sagte Hallberg. Aus Sorge um den einzigen Thronfolger, der an der Bluterkrankheit litt, verfielen er und seine Frau einem Mann mit dem Namen Rasputin. Er stellte sich als Wahrsager dar, gab vor, die Krankheit des Jungen heilen zu können und gewann immer mehr Gewalt über den Zaren und seine Frau. Während in Russland Aufstand um Aufstand auf Anordnung des Kaisers niedergeschlagen wurde, ergaben sich Nikolaus der Zweite und seine Familie in Abgeschiedenheit den Vorhersagungen von Rasputin. Das stieß innerhalb der russichen Politik auf Unverständnis. Rasputin wurde durch eine Verschwörung ermordet.

Der Zar wird schließlich im Frühjahr 1917 – nachdem auch seine Soldaten zu den Aufständischen überliefen – zur Aufgabe des Throns gezwungen. Sein Bruder wird als neuer Kaiser ausgerufen, lehnt aber ab. Damit ist die 300-jährige Herrscherzeit der Romanows beendet. Die Familie um den ehemaligen Zaren wird nach Jekaterinburg gebracht und dort festgehalten. Aus Angst, dass Anhänger der Monarchie sie befreien könnten, wurden sie in besagter Julinacht ermordet. Die vielschichtigen Hintergründe erläuterte Hallberg, schmückte sie mit Zeitzeugenberichten und Legenden aus. Am Ende des Vortrags brandete Applaus auf. „Eine Meisterleistung“, hieß es von vielen Seiten.

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