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Ellerhoop/Hamburg : Wurde Julian das Opfer von Ärztepfusch?

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Bei einem Zwischenfall im UKE erleidet der kleine Julian aus Ellerhoop laut Gutachten einen schweren Hirnschaden. Die Eltern klagen jetzt für die finanzielle Absicherung ihres Sohnes.

Ellerhoop/Hamburg | Es ist der Albtraum aller Eltern: Andre (44) und Nicole Klingberg (46) brachten ihren zweijährigen Sohn Julian wegen Fieberkrämpfen in das Universitätsklinikum (UKE) nach Hamburg. Ansonsten war der kleine Junge kerngesund. Drei Monate später bekamen sie ein schwer behindertes Kind mit dauerhaften Hirnschäden zurück. Bis an sein Lebensende ist Julian auf Hilfe angewiesen.

Bis heute kämpfen die Eltern um Gerechtigkeit. Zwei Gutachten, die dem "tip - Tageblatt am Sonntag" vorliegen, haben sie in Auftrag gegeben. Derzeit beschäftigt sich das Landgericht Hamburg mit dem Fall.

Die Tragödie ereignete sich im Jahr 2008. Während des Krankenhausaufenthalts wurde laut der Eltern eine Lungenentzündung zu spät erkannt. Deshalb sei der Junge ins künstliche Koma versetzt worden. Laut Andre Klingberg nahm das Schicksal des kleinen Jungen am 26.Dezember 2008 eine schicksalhafte Wendung: „In den Unterlagen ist belegt, dass die Sauerstoffsättigung im Gehirn für mehr als 30 Minuten unter 50 Prozent lag“, sagt er. „Dadurch wurde das Hirn irreparabel geschädigt.“ Die Gutachter mutmaßen, dass ein Beatmungsschlauch verrutscht ist, oder der Junge eine allergische Reaktion auf ein Medikament hatte. Heute ist Julian acht Jahre alt, jedoch auf dem Stand eines Einjährigen. Reden, laufen und sprechen kann er nicht.

Die Presseabteilung des UKE will sich zu dem Vorfall nicht äußern, beruft sich auf die Schweigepflicht. Laut Anwalt Boris Meinecke behauptete die Klinik, das Hirn sei schon vorher geschädigt gewesen. Die Gutachter behaupten das Gegenteil.

„Uns wurde ein gesundes Kind genommen“

Julian grinst. Julian schreit. Julian klatscht in die Hände, zieht am Arm seiner Mutter und nimmt seine Gummi-Giraffe in den Mund. Für ein einjähriges Kind wäre dieses Verhalten völlig normal. Julian ist aber kein Kleinkind mehr. Der schwerbehinderte Junge aus Ellerhoop ist acht Jahre alt.

„Es ist furchtbar traurig und schwer“, sagt Mutter Nicole Klingberg (46). „Aber man versucht irgendwie, seinen Alltag hinzubekommen.“ Bevor Julian im Jahr 2008 wegen Fieberkrämpfen ins Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) kam, ging es ihm gut. Alte Fotos zeigen ihn kuschelnd mit Hund „Pranki“ oder bereit für einen Spaziergang. Spaziergänge sind heute nur noch im Rollstuhl möglich. Julian hat einen schweren Hirnschaden – laut Gutachten ausgelöst durch Sauerstoffmangel im Gehirn. Wie es dazu kam, ist bisher weder klar noch bewiesen. Zwei Gutachten bescheinigen, dass die Schädigung des Gehirns vor dem UKE-Besuch nicht vorhanden war. Die Versicherung der Klinik lehnt trotzdem jegliche Ansprüche ab. Die Eltern verklagen drei Ärzte und eine Schwester des UKE, die aus ihrer Sicht den Schaden verursacht haben. Sie fordern eine lebenslange Rente für ihr Kind. „Es geht dabei um Millionen“, sagt Vater Andre Klingberg (44). Anwalt Boris Meinecke rechnet ihnen „gute Chancen“ aus. Normalerweise müssten laut Meinecke Opfer von Behandlungsfehlern diese nachweisen. Da es aber in diesem Fall Dokumentationslücken gebe, kehrt sich die Beweislast um und liegt nun bei der Klinik. „Das Schlimmste ist, dass die Verantwortlichen ihre Fehler bis heute nicht eingestehen“, sagt der Vater. „Wir kämpfen für Gerechtigkeit, und dafür, dass unser Kind abgesichert ist, wenn wir mal nicht mehr da sind. Das würden doch alle Eltern tun.“

Besonders wütend sind die Eltern, weil  niemand das Paar über den Zustand des Jungen aufgeklärt hat. „Uns wurde nur gesagt, dass er nach dem Koma anders sein würde, von einer Behinderung war keine Rede.“ Erst als der kleine Junge nach drei Monaten in die Reha nach Geesthacht kommt, klären die dortigen Ärzte sie auf – und raten zur Klage. „Sie sagten, so eine schwere Schädigung hätten sie noch nie gesehen.“

Nach einem Jahr durfte Julian wieder nach Hause. Besonders die Mutter litt sehr stark unter der Situation: „Das war die schlimmste Zeit meines Lebens.“ Ihren Beruf im Außendienst einer Kosmetikfirma gab sie auf. Ihr Mann arbeitet weiter als kaufmännischer Leiter in Hamburg. Zehn Kilo habe sie in dieser Zeit abgenommen. Seitdem ist die Mutter den ganzen Tag für ihren Sohn da. „Eigentlich gehe ich gar nicht mehr weg“, sagt sie und erschreckt selbst darüber, als die Worte ihren Mund verlassen. Die Vormittage verbringt Julian im Förderzentrum  für geistig Behinderte in Elmshorn. Nachmittags bringt die 46-Jährige  ihn zur Therapie. Nachts steht sie auf, um ihn zu wickeln. „Ich werde immer gefragt, wie ich das schaffe. Die Frage stelle ich mir auch immer wieder. Aber man kämpft eben für sein Kind – so lange bis man nicht mehr kann.“ Trotz aller Anstrengungen versuche sie, einen normalen Alltag hinzubekommen. „Und natürlich gibt es auch schöne und witzige Momente. Zum Beispiel wenn wir ihn  zum Lachen bringen. Aber ihm ist die Kindheit genommen worden – und uns ein gesundes Kind.“

Der Fall im TV: Der NDR widmet sich dem Fall in der TV-Doku „Wenn Ärzte Fehler machen – Mein Recht als Patient“ am Montag, 2. März, um 21Uhr.
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erstellt am 22.Feb.2015 | 10:00 Uhr

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