Sorge über jüngste politische Entwicklungen : Wolfgang Seibert – Ein Mann kämpft gegen Judenhass

Wolfgang Seibert
Der gebürtiger Hesse Wolfgang Seibert meint: „Es wird wieder salonfähig, Stimmung gegen Juden zu machen.“

Der Vorsitzer der jüdischen Gemeinde berichtet über Antisemitismus und Ablehnung Israels.

shz.de von
28. März 2018, 16:00 Uhr

Pinneberg | Wolfgang Seibert, Vorsteher der jüdischen Gemeinde, machen die jüngsten politischen Entwicklungen Angst. Denn der Zulauf von rechten Sympathisanten und bürgerlichen (Frust-)Wählern sorgen bekanntlich für große Erfolge der AfD. Als stärkste Oppositionspartei werden die rechten Populisten den Bundestag sicherlich durch Provokationen und rechten Sprachduktus aufmischen. Und dies in einer Form, wie es sie im Parlament der Bundesrepublik noch nicht gegeben hat.

„Bisher habe ich eigentlich nur gelegentlich mit dem Gedanken gespielt, meinen Lebensabend in Israel zu verleben. Aber jetzt bin ich wirklich froh, dass es einen Ort für mich und andere deutsche Juden gibt, der ein sicheres Leben ohne Antisemitismus garantiert,“ erklärt der 70-Jährige sichtlich bedrückt.

Dabei ist der hochgewachsene Pinneberger Gemeindevorsteher kein ängstlicher Mann. Er scheut keine offene Diskussionen mit politischen Kritikern und mit Antisemiten, also Menschen, die der jüdischen Religion und Lebensweise ablehnend gegenüberstehen. „Es ist selten, dass mir offener Judenhass entgegenschlägt. Aber ich spüre, dass die Stimmung auch in unserer Region kippt. Und dass es wieder salonfähig wird, Stimmung gegen Juden zu machen und dass rassistische Beleidigungen sowie Ablehnung offen zum Ausdruck gebracht werden. Doch heute erleben wir im Alltag wieder verstörende Situationen“, erläutert Seibert.

„Keine Juden in meinem Bus“

Da war zum Beispiel ein Busfahrer in Pinneberg unterwegs, der einen jüdischen Mitbürger nicht befördern wollte. Seine Worte waren unmissverständlich: „In meinem Bus lasse ich keine Juden mitfahren“, schildert Seibert, dessen Großeltern nach Ausschwitz deportiert wurden und wie durch ein Wunder überlebt haben.

Seibert, der ein sehr politisch engagierter Mann ist, kann solches Verhalten absolut nicht erdulden und machte beim Verkehrsverbund Druck. „Der Fahrer wurde befragt und bedauerte sein Fehlverhalten in keiner Weise. Daraufhin wurde er fristlos entlassen. Für mich war das ein richtiges und wichtiges Signal des Arbeitgebers“, sagt der Soziologe und Anhänger der Frankfurter Schule.

Der politisch linke Seibert ist seit Studententagen von der Arbeit der bedeutenden Vertreter Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse angetan. Nicht zuletzt, da Erfahrung des Nationalsozialismus und der Shoah für die theoretischen und empirischen Arbeiten der Kritischen Theorie prägend waren. Die Vertreter der Kritischen Theorie, allen voran Adorno, gingen den Fragen nach, welche Auswirkung eine solche Katastrophe wie Faschismus und Holocaust auf das philosophische Denken, die Gesellschaftskritik und die Rolle der Vernunft habe.

Seibert – der Buchautor

„Mir hat die sozialwissenschaftliche Lehre und die Hinterfragung von faschistischen Machtstrukturen und Instrumenten sehr geholfen, Vorgänge der Politik nachzuvollziehen“, sagt Seibert. Schließlich war er vor seiner Zeit in Elmshorn und Pinneberg bis 2001 Journalist in Bonn und Frankfurt und ist auch heute noch Buchautor. In seinem aktuellen Buch setzt er sich mit der politischen Linken und ihrem Antizionismus und Antisemitismus auseinander.

Wolfgang Seibert und sein Mitstreiter und Coautor Miklós Klaus Rózsa haben selbst eine linksradikal bewegte Vergangenheit und haben den Aspekt der Judenfeindlichkeit und der Existenzfrage eines jüdischen Staates lange nicht beachtet. Denn erst spät begannen beide, sich mit ihrer eigenen jüdischen Herkunft und dem Umgang ihres linksradikalen Umfeldes mit der Frage des Antisemitismus zu beschäftigen. Einige ihrer Dialoge zu diesem Komplex liegen jetzt als kleines Buch mit einem kritisch einführenden Beitrag des Historikers Johannes Spohr vor. Was trägt das Buch zur aktuellen und vergangenen Israeldebatte bei?

Seibert und Rózsa verweisen vor allem auf die „Naivität“ der Linksradikalen, die durch die dogmatische Erklärung des Zionismus als Imperialismus die Frage der jüdischen Vergangenheit ausblendeten. Sie würden Fakten ignorieren – wie den, dass die PLO (Palestine Liberation Organization) auch mit Nazis militante Politik machte. Beide Autoren halten Israel als Staat für Juden für unabdingbar. Dessen negative Erscheinungen dürften nicht generell als Angriffsinstrument gegen das Judentum gebraucht werden.

Das Buch wird gerade in der linken Szene heiß diskutiert. Auch ein Grund, warum Seibert zurzeit Aufmerksamkeit bekommt und zahlreiche Lesungen und Podiumsdiskussionen quer durch die Republik hält.

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