Das Sonntagsgespräch : Wolfgang Seibert: „Der Antisemitismus wird nicht verschwinden“

Wolfgang Seibert befürchtet eine Eskalation des Konflikts zwischen Iran und Israel.

Wolfgang Seibert befürchtet eine Eskalation des Konflikts zwischen Iran und Israel.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Pinneberg über zunehmende Vorurteile.

shz.de von
03. Juni 2018, 14:00 Uhr

Pinneberg | Antisemitische Gewalttaten in Deutschland, Angst vor einer weiteren Eskalation der Nahost-Konflikte – der Blick in die täglichen Nachrichten stimmt Wolfgang Seibert, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Pinneberg, nachdenklich. Im Sonntagsgespräch erklärt Seibert, wie er die aktuelle Entwicklung beurteilt.

Diskussionen um die umstrittene Echo-Verleihung, Gewalt gegen Juden – das Thema „Antisemitismus“ ist in den vergangenen Wochen wieder in den Fokus gerückt. Hat der Antisemitismus in Deutschland zugenommen?
Ich weiß nicht, ob er zugenommen hat. Er ist aber auf alle Fälle offener geworden. Viele Menschen sprechen jetzt das aus, was sie denken. Das haben sie früher nicht gemacht. Der Antisemitismus scheint wieder salonfähig zu werden. Ich könnte mir vorstellen, dass das auch bei den Gewaltausbrüchen einiger Migranten eine Rolle gespielt hat.

Zur Person

Wolfgang Seibert (70) ist seit 14 Jahren Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Pinneberg. Er ist in Frankfurt geboren und lebt seit mehr als 30 Jahren in Pinneberg. Vor seinem Ruhestand arbeitete der Vater dreier Kinder als Journalist und war unter anderem für die Frankfurter Rundschau tätig. Als Fußballer schaffte es der begeisterte Fan des FC St. Pauli bis in die zweite Mannschaft von Eintracht Frankfurt.


Können Sie nachvollziehen, dass der Musikpreis Echo  an Künstler verliehen wird, die antisemitische Songs veröffentlichen?
Nein. Schlimm war hinterher vor allen Dingen das Herumeiern der Verantwortlichen. Gut fand ich, dass etliche Künstler ihre Preise im Anschluss zurückgegeben haben und dieser nun komplett abgeschafft wurde.

Bereitet Ihnen die derzeitige Entwicklung Sorgen?
Sorgen hatten wir eigentlich immer. Antisemitismus verschwindet schließlich nicht. Ich merke aber, dass ich noch mehr darauf achte, wer an unserem Gebäude vorbeiläuft, stehen bleibt oder Fotos macht. Ich höre auch genauer hin, was die Leute sagen und bin empfindlicher geworden Das Zitat von Josef Schuster vom Zentralrat der Juden trifft es ganz gut. Er sagte, dass man als Jude zwar nicht auf gepackten Koffern sitzt, aber zumindest guckt, wo diese stehen.

Wie beurteilen Sie die Politik der AfD, die von vielen kritisiert wird?
Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus kann man nicht voneinander trennen. Beides wird aus meiner Sicht von der AfD durch öffentliche Äußerungen propagiert. Deswegen finde ich es schlimm, dass so viele Menschen diese Partei wählen, die keinen Hehl daraus macht, dass sie fremdenfeindlich und antisemitisch ist.

Die Situation im Nahen Osten spitzt sich immer weiter zu. Haben Sie Angst vor einer weiteren Eskalation und befürchten, dass Israel in einen Krieg hineingezogen wird?
Das ist schwer zu beurteilen. Ich halte aber durchaus für möglich, dass es passiert. Eine solche Entwicklung würde den Antisemitismus in Deutschland fördern. Der war auch nach dem Krieg 1967 hochgekommen, den Israel gewonnen hat. Das würde diesmal vermutlich wieder der Fall sein.

Wie beurteilen Sie die Stimmung in Israel?
Sorge bereitet mir, dass die meisten Menschen dort nicht viel von der Politik der Regierung halten, aber nicht wählen gehen. So bleibt Benjamin Netanjahu weiter an der Macht. Mich wundert zudem, dass erneute Ermittlungen gegen ihn wegen Bestechung keine Auswirkungen haben. Wenn alle, die gegen Netanjahu sind, wählen würden, hätte dieser keine Chance. Die Wahlbeteiligung liegt aber nur bei etwa 50 Prozent und er regiert einfach immer weiter. Viele haben vermutlich resigniert und gehen davon aus, dass sich sowieso nichts ändert.

Können Sie die Verlegung der amerikanischen Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem nachvollziehen?
Nein. US-Präsident Donald Trump geht es nur darum, zu provozieren. Diese Entscheidung bringt niemandem irgendeinen Vorteil. Jerusalem ist zwar die nominelle Hauptstadt, aber es war ein guter Kompromiss, Botschaften und Ministerien in Tel Aviv anzusiedeln. Diese Entscheidung hatte ihre Gründe. Man muss berücksichtigen, dass in Jerusalem die verschiedenen Religionen aufeinandertreffen und sollte darauf achten, dass die bestehenden Konflikte nicht unnötig verschärft werden. Das ist durch diese dumme Aktion leider geschehen.

Hat die amerikanische Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran negative Auswirkungen für Israel?
Ich bin zwar bestimmt kein Freund des Iran, glaube aber, dass dieser sich an das Abkommen gehalten hat. Die Gefahr ist groß, dass die Iraner nun wieder an dem Bau einer Atombombe arbeiten.  Sollte der Konflikt zwischen dem Iran und Israel eskalieren, führen dann zwei Atommächte gegeneinander Krieg. Auch die USA werden nicht tatenlos zuschauen. Ein Flächenbrand wäre also unausweichlich.

Welche Folge hat der Krieg in Syrien für Israel?
Der Iran ist dort vertreten, die Hisbollah spielt eine wichtige Rolle – gerade die Verlegung von deren Truppen in die Nähe des Golan erhöht die Gefahr, dass es zu Konflikten mit Israel kommt. Ich halte aber auch die Politik von Russland und der Türkei und selbst der Bundesregierung aufgrund der deutschen Waffenexporte für ziemlich undurchsichtig. Erdogan geht es meiner Auffassung nach nur darum, den Kurden zu schaden.

Warum ist das Verhältnis zwischen Israel und dem Iran so angespannt?
Als noch der Schah herrschte, war dieses Verhältnis sehr entspannt. Mit Khomeinis Machtergreifung wurde die Vernichtung Israels aber zur Staatsdoktrin. Deshalb hat Israel nun Angst vor dem Iran. Erstaunlicherweise werden Juden im Iran gut behandelt. Sie dürfen nur nicht ausreisen.

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