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Pinneberger Tageblatt

18. August 2017 | 07:31 Uhr

Wohnen gegen Arbeit

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Statt Miete zu zahlen Besorgungen für eine ältere Dame erledigen oder Kinder hüten? Eine neue Form des Wohnens – mit Anhängern

Die Kleinanzeigen gleichen sich: Oft suchen Menschen jemanden, der ein paar Besorgungen für ihre alte Mutter oder ihren Vater macht, oder der ihnen ein bisschen Gesellschaft leistet.

Manchmal benötigen Familien einen Betreuer, der sich stundenweise um die Kinder kümmert. Auch Helfer für die Tierpflege, den Garten oder Instandsetzungen im Haushalt werden gesucht. Was alle, die eine solche Anzeige schalten, gemein haben: Sie zahlen nicht oder nur teilweise mit Geld – statt dessen gibt es Wohnraum.

Und es gibt ein Portal, www.mitwohnen.org, auf dem Menschen andere Menschen für genau das suchen. Es ist seit rund einem Dreivierteljahr online und steht mit seinem Konzept immer noch relativ alleine da. Denn auch, wenn die Idee „Wohnen für Arbeiten“ ungefähr so lange existieren dürfte, wie Menschen sesshaft sind, hat sie bislang erstaunlicherweise einen großen Bogen um das Internet gemacht.

„Junge Leute, die nicht so gut bei Kasse sind, haben so die Möglichkeit, preiswert zu wohnen. Und das Kellnern in der Kneipe können sie sich auch sparen“, sagt Georg Beckmann vom Freiburger Verlag Interconnections, der das Portal betreibt.

Die Regeln beim Mitwohnportal sind einfach: Wer im deutschen Sprachraum eine Wohnung oder eine Hilfskraft sucht, kann kostenlos inserieren – will man die Kontaktdaten anderer Annoncen einsehen, kostet das 11,90 Euro für drei Monate.

Rund 5.000 angemeldete Nutzer hat das Portal eigenen Angaben zufolge derzeit. Das ist überschaubar, aber für den Start ganz ordentlich. In einigen der Anzeigen wird preiswerter Wohnraum für vergleichsweise wenig Miete geboten, andere Anzeigenkunden bezahlen ihre Helfer sogar – verlangen aber wesentlich mehr Einsatz.

Die Idee kam den Machern, weil sie im Verlagsprogramm ein paar Ratgeber über Au-Pair-Reisen haben. „Das ist in den letzten Jahren immer kritischer geworden. Der bürokratische Aufwand hat zugenommen, und es gibt zu viele Enttäuschungen“, sagt Beckmann. Anders sei das mit Kinderbetreuung von Menschen aus der Region. „Es liegt viel näher, jemanden zu suchen, der sich in einem Land schon auskennt. Und warum sollte man das nicht ausweiten? Es werden ebenso Leute gesucht, die alte Menschen betreuen oder die Hecke schneiden.“

Eigentlich ist das Teilen ein Stück Internetkultur – man nennt es „Sharing Economy“: Es gibt Portale, über die Menschen gemeinsam ein Auto nutzen oder Werkzeug. Fährt man über das Wochenende weg und hat verderbliche Lebensmittel im Haus, kann man diese über Seiten wie foodsharing.de verschenken. Wer lieber mit anderen Menschen isst, kann sich über Anbieter wie cookasa.com Gesellschaft ins Haus holen.

Nur beim Mitwohnen sieht es erstaunlich dünn aus. Zwar gibt es große Couchsurfing-Portale wie airbnb.com, aber diese wenden sich vornehmlich an Touristen, die statt in einem Hotel oder einer Ferienwohnung bei Privatleuten unterkommen wollen – und das meist nur für ein paar Tage. Das Prinzip „Arbeit statt Geld“ spielt dort zudem keine Rolle.

Woran das liegt, ist nicht ersichtlich. Das Potenzial sollte vorhanden sein: Prinzipiell seien neun von zehn Deutschen bereit, Dinge zu verleihen, lautet das Ergebnis einer Umfrage des Verbraucherzentralen Bundesverbandes (vzbv) aus dem vergangenen Jahr. „Die Sharing Economy bietet neue Möglichkeiten für Verbraucher“, sagte Vorstand Klaus Müller damals in Berlin.

Wie die Möglichkeiten exakt beschaffen sind oder in Zukunft sein sollen, das lotet man bei www.mitwohnen.org zum Beispiel derzeit noch aus. „Die Bandbreite der Anzeigen ist groß, aber nicht immer kann man gleich auf Anhieb sagen, ob etwas noch in das bestehende Angebot passt oder nicht“, so Georg Beckmann von Interconnections.

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erstellt am 01.Apr.2016 | 14:33 Uhr

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