Wöchentlich im Sprachcafé

Im Hauptberuf  ist die engagierte Kummerfelderin Elke Gers-Barlag Apothekerin.
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Im Hauptberuf ist die engagierte Kummerfelderin Elke Gers-Barlag Apothekerin.

Elke Gers-Barlag ist Flüchtlingskoordinatorin in Kummerfeld / Seit zehn Jahren unterstützt sie das Gericht als Jugendschöffin

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09. Februar 2018, 17:40 Uhr

Sie ist Flüchtlingskoordinatorin Kummerfelds und seit zehn Jahren Jugendschöffin am Amtsgericht Pinneberg, engagiert sich unter anderem im Kummerfelder Sportverein (KSV). Elke Gers-Barlag wurde aufgrund ihres ehrenamtlichen Engagements Anfang des Jahres sogar vom Bundespräsidenten zum Neujahrsempfang nach Berlin eingeladen. Mit unserer Zeitung sprach Gers-Barlag über ihre Tätigkeit bei Gericht und in der Flüchtlingshilfe – bei misslungener Integration könnten dies zwei Seiten derselben Medaille werden, stellt sie fest.

„Meine Tätigkeit als Schöffin ist sehr bereichernd“, erläutert Gers-Barlag. „Sie lehrt mich, mich über meine eigenen Kinder nicht mehr aufzuregen“, sagt sie. Die juristische Sichtweise sei zudem eine Blickfelderweiterung: „Urteile werden auf einer klaren Rechtsgrundlage getroffen, und nicht einfach aus dem Bauch heraus – auch wenn es von außen nicht immer ersichtlich ist. Dass das so funktioniert, ist beruhigend“, sagt sie. Beunruhigend sei aber, dass die Jugendlichen, die vor Gericht landen, mit besonderer Häufigkeit einen Migrationshintergrund hätten: „Das zeigt, dass es mit der Chancengleichheit in unserem Land nicht so weit her ist.“ Im Zuge ihrer Tätigkeit als Flüchtlingskoordinatorin sieht Gers-Barlag den Anfang der Kette, die, im schlechtesten Verlaufsfall, später dazu führen könnte, dass sie neue Jugendliche als Schöffin vor sich hat. „Manchmal sehe das kommen, was ich bei Gericht später erlebe“, sagt sie. „Dem Unheil geht meist ein Scheitern in der Schule voran“, erläutert sie. „Darauf folgt Frust und Grüppchenbildung. Deswegen bin ich ein Verfechter von Investition in Bildung“, so Gers-Barlag.

Als Flüchtlingskoordinatorin ist sie eine der ersten Menschen, die helfen, Weichen für eine Zukunft in Deutschland zu stellen. Mit ihren ehrenamtlichen Mitstreitern öffnet sie zwei Mal wöchentlich das Sprachcafé in der alten Grundschule, in der auch ein Teil der Kummerfelder Geflüchteten untergebracht ist. „Anfangs haben wir noch richtig Sprachunterricht gemacht“, erläutert Gers-Barlag. „Jetzt kommen sie eher mit Amtspost, bitten um Hilfe bei Bewerbungen. Ansonsten helfen wir bei Problemen im Alltag wie Kindergarten oder Schulanmeldungen oder Behördengängen – oder bei der Suche nach einer Wohnung.“ Dort sehe sie eines der größten Probleme. „Geflüchtete haben auf dem ohnehin problematischen Wohnungsmarkt kaum eine Chance. Mittelgroße Familien gelingt es noch häufiger, große Familien oder alleinstehende Männer haben es ganz schwer“, berichtet sie. Etwas besser gehe es aber, wenn Helfer des Willkommensteams mit zu Besichtigungsterminen kommen: „Die Verständigung klappt dann besser, es entsteht schneller Vertrauen.“

In Kummerfeld leben aktuell in etwa 20 Flüchtlinge, darunter Syrer, Armenier, Iraker, ein Afghane und ein Eriträer. Während in anderen Gemeinden und Städten seit der Flüchtlingskrise 2015/16 die Zahl deutlich geringer sei, sei sie in Kummerfeld relativ konstant geblieben. Ungefähr die Hälfte der Kummerfelder Flüchtlinge sei seitdem im Ort. Andere seien verzogen oder ausgereist - das weiß Gers-Barlag nicht. In Kummerfeld erlebe sie erfreuliche, aber auch sehr schwierige Verläufe.

Belastend sei der Fall einer Familie ohne Bleibeperspektive. Da eines der Kinder krank und in einer dauerhaften Therapie sei, werde der Aufenthalt während der Therapie geduldet – deren Ende ist allerdings nicht abzusehen. Schon des Kindes wegen bleibt die Familie so lange wie möglich, ist aber von allen Integrationsangeboten ausgeschlossen, sitzt zwischen den Stühlen. Die Situation ist festgefahren: „Es geht nicht vor und nicht zurück. Was richtig ist, kann man nicht sagen“, sagt Gers-Barlag nachdenklich.

Erfreut berichtet sie hingegen über einen Jugendlichen aus Syrien, der Interesse an einer Friseur-Lehre gezeigt hatte. Sein Vater, der nach der Flucht in Süddeutschland gelandet war, hielt seinem Sohn entgegen, er müsse mehr Geld verdienen, um zum Familieneinkommen beizutragen. Das Kummerfelder Team habe den Jungen massiv bestärkt, ihm die langfristige Funktion der Ausbildung vor Augen geführt. „Er hat dann auch bei seinen Mitschülern erlebt, dass sie Ausbildungsplätze suchen“, erinnert sich Gers-Barlag. Das alles konnte ihn überzeugen: Er zog zu seinem Vater und macht dort nun tatsächlich eine Friseurlehre. >Nächste Woche lesen Sie über Tim Hoyer, den neuen Wehrführer der Feuerwehr Prisdorf

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