Kreis Pinneberg : Wirtschaft in Angst: Der Streik bei der Bahn kostet Millionen

Ein Signal der Deutschen Bahn steht  auf „Halt“. Die Lokführergewerkschaft GDL will im eskalierenden Tarifkonflikt mit der Bahn den Schienenverkehr in Deutschland bis Sonntag lahmlegen.
Ein Signal der Deutschen Bahn steht auf „Halt“. Die Lokführergewerkschaft GDL will im eskalierenden Tarifkonflikt mit der Bahn den Schienenverkehr in Deutschland bis Sonntag lahmlegen.

Die Politik fordert Schlichtung. Nordbahn und AKN fahren planmäßig. S-Bahnen werden auf den wichtigen Linien alle 20 Minuten bedient.

shz.de von
05. Mai 2015, 10:00 Uhr

Kreis Pinneberg / Berlin / Hamburg | Zugausfälle, Verspätungen und volkswirtschaftliche Schäden im Millionen-Euro-Bereich: Der längste Streik in der Geschichte der Deutschen Bahn wird für Pendler aus dem Kreis Pinneberg, Reisende und Wirtschaftsfunktionäre zur Geduldsprobe. Gut zwei Drittel aller Fernzüge werden nach Angaben der Bahn in den kommenden Tagen ausfallen. Im Regionalverkehr soll bundesweit jeder zweite Zug stillstehen. Für Schleswig-Holstein sieht der Ersatzfahrplan der Bahn vor, dass die Strecken Hamburg–Kiel sowie Hamburg–Lübeck im Stundentakt bedient werden. Regionalzüge sollen entweder zeitverzögert fahren oder durch Busse ersetzt werden. Einziger Trost für die Kreis Pinneberger: Die Nordbahn zwischen Hamburg und Itzehoe sowie Wrist mit Halten in Pinneberg, Prisdorf, Tornesch und Elmshorn will versuchen, den Fahrplan einzuhalten. Sie wird ebenso wie die AKN nicht bestreikt. Und die Hamburger Verkehrsbetriebe wollen sich  bemühen, die wichtigsten S-Bahn-Linien wie etwa die S3 zwischen Pinneberg und Stade sowie die S1 zwischen Wedel und Poppenbüttel/Airport alle 20 Minuten zu bedienen.

„Wir wissen, dass die Bahnkunden nicht vor Begeisterung am Bahnsteig stehen und klatschen“, sagte der Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky. Der Bahn warf er aber vor, nicht an einem Verhandlungsergebnis interessiert zu sein. Bereits seit Montagnachmittag bestreikt die GDL den Güterverkehr. Der Unternehmensverband Nord warnte, dass der Streik einen „millionenschweren Schaden in der norddeutschen Wirtschaft hinterlassen“ werde. Der Zweigstellenleiter der Industrie- und Handelskammer zu Kiel in Elmshorn, Paul Raab, sagte dazu: „Den Schaden, den ein solcher Streik in den Betrieben im Kreis Pinneberg verursacht, schätzen wir auf etwa 1,5 Millionen Euro.“ Sollte es wirklich „schlecht laufen“, könnten aufgrund von Zulieferproblemen bereits ab Donnerstag die ersten Produktionsstillstände in den größeren Betrieben erfolgen, so Raab weiter.

Ebenso wie in der Wirtschaft überwiegt inzwischen auch in der Politik das Unverständnis über den Kurs von Weselsky. Nach Ansicht des Kieler Verkehrsministers Reinhard Meyer (SPD) überschreite die Gewerkschaft die Grenze des Zumutbaren. „Ich fordere die GDL auf, in die Schlichtung mit der Deutschen Bahn zu gehen“, sagte Meyer. Der CDU-Fraktionschef in Kiel, Daniel Günther, sprach gar von einem „Missbrauch des Streikrechts“. Lokführer im Norden rief er auf, sich nicht an dem Ausstand zu beteiligen. „Es geht offenkundig nicht mehr um gerechten Lohn.“ Auch FDP-Fraktionsvize Christopher Vogt „fehlt zunehmend das Verständnis für das Vorgehen der GDL“. 

IHK und Unternehmensverband rechnen
mit massiver Belastung

Der von der Lokführergewerkschaft GDL angekündigte sechstägige Streik im Personenverkehr sowie der gar siebentägige Ausstand im Güterverkehr hat enorme Folgen für die Wirtschaft im Kreis Pinneberg: Mit einem Schaden in Höhe von zirka 1,5 Millionen Euro rechnet die Elmshorner Zweigstelle der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Kiel. IHK-Zweigstellenleiter Paul Raab sagte: „Betroffen sind vor allem die Betriebe, die Waren per Container bekommen, die erst per Bahn und später per Lkw transportiert werden.“ Die Folge: „Die Lager laufen leer und die Produktion kommt ins Stocken“, sagte Raab. Oder gar ganz zum Erliegen: In größeren Betrieben in der Region könnten aufgrund von Problemen bei den Zulieferungen bereits am Donnerstag die ersten Produktionen stillstehen – „wenn es schlecht läuft“, fügte der IHK-Zweigstellenleiter an.

Laut Raab darf bei der Betrachtung, welche Folgen der achte Streik der Lokführergewerkschaft GDL auf die Wirtschaft hat, nicht vergessen werden, dass Schleswig-Holstein auch ein Transitland ist. So erhalte Dänemark viele Waren, etwa aus Welthäfen wie Hamburg und Rotterdam in den Niederlanden. Diese würden Skandinavien ebenfalls nicht erreichen.

Während des Dienstag beginnenden sechstägigen Streiks im Personenverkehr werden die Hamburger S-Bahn-Linien 1 (Wedel – Poppenbüttel/Airport), 3 (Pinneberg – Stade), 21 (Elbgaustraße – Aumühle) und 31 (Altona – Harburg) nach Angaben der Deutschen Bahn im 20-Minuten-Takt fahren. Die Linien 2 (Jungfernstieg – Bergedorf) sowie 11 (Blankenese – Poppenbüttel) fallen aus. „Wir setzen alles in Bewegung, was wir auf die Schiene und die Straße bringen können“, kündigte der Sprecher des Hamburger Verkehrsverbunds, Rainer Vohl, Montag an. Übrigens: Am Freitag beginnen der Hafengeburtstag, zu dem Tausende erwartet werden, sowie die Hamburger Schulferien. www.hvv.de

Mit zum Teil „massiven“ Belastungen rechnet auch der Unternehmensverband Unterelbe-Westküste. Laut dessen Geschäftsführer, Ken Blöcker, werden ab heute außer dem produzierenden Gewerbe vor allem die Betriebe betroffen sein, in denen viele Pendler beschäftigt sind, die ihren Arbeitsplatz regelmäßig per Bahn aufsuchen. Eine konkrete Schadenssumme für die Region an der Unterelbe und der Westküste wollte Blöcker indes nicht nennen. „Mit Zahlen kann man das nur schwer untermauern“, sagte der Geschäftsführer.

Doch es gibt auch  jene, die sich angesichts des Ausstands der Lokführer die Hände reiben können: Fernbus-Linien, Taxi-Vermittler und Fuhrbetriebe rüsten nun nämlich auf. Das klassische Fuhrunternehmen mit Lkw habe „gut zu tun zurzeit“, sagte Thomas Rackow, Geschäftsführer vom Verband Güterverkehr, Logistik und Entsorgung. Mit allen Möglichkeiten werde versucht, auf der Straße Kapazität frei zu machen, so der Verbandsgeschäftsführer weiter. Zusätzliche Lkw würden gemietet. Für Fuhrunternehmen sei der Arbeitskampf so beste Werbung.  „Die Bahn verspielt sich auch sehr viel, weil sie für Spediteure unkalkulierbar wird“, gab der Geschäftsführer des Logistikverbands weiter zu bedenken.

Die Nordbahn und die AKN werden zwar nicht bestreikt, dennoch könnte die sechstägige Arbeitsniederlegung der Lokführer bei der Deutschen Bahn von heute bis Sonntag Auswirkungen auf den Fahrplan der Nordbahn zwischen Hamburg und Itzehoe sowie Wrist mit Halt in Pinneberg und Elmshorn haben. Das teilte das Eisenbahnunternehmen Montag mit. Sollte sich der Ausstand auf das gesamte Bahnnetz auswirken, könnte es zu Verspätungen kommen, so Nordbahn-Sprecherin Christiane Lage auf Anfrage dieser Zeitung. Obwohl das Unternehmen mit einem erhöhten Fahrgastaufkommen rechnet, wird die Nordbahn ihre Kapazität jedoch nicht erhöhen. „Die Bahnsteiglänge am Hamburger Hauptbahnhof lässt keine längeren Nordbahn-Züge zu“, sagte Lage weiter. Es würden auch keine weiteren Züge auf der Strecke zwischen der Elbmetropole und dem Kreis Steinburg eingesetzt. Die Kreisverkehrsgesellschaft in Pinneberg wird ihre Kapazität im Busverkehr ebenfalls nicht erhöhen. Der Flottenbestand reiche zwar aus, um alle Linien bedienen zu können, doch sei die Zahl der Busse zu gering, um mehr Fahrten anbieten zu können. Mehr Informationen zu den Bahn- und Busfahrten gibt es online: www.nordbahn.de; www.akn.de; www.kvip.de

Auch im Personenverkehr reiben sich Konkurrenten die Hände. „Unsere Fahrgäste sind mittlerweile streikerfahren“, sagte Bettina Engert, Sprecherin des Fernbus-Anbieters Flixbus. Vergangene Streiks hätten Flixbus und anderen Fernbus-Linien zeitweilig Rekordzahlen beschert. Auch seit Bekanntwerden des neuerlichen Ausstands sei die Nachfrage nach Tickets wieder stark angezogen, fügte Engert an. „Wir haben teilweise bis zu fünfmal mehr Zugriffe auf unseren Internetseiten“, sagte die Sprecherin des Unternehmens, das erst kürzlich mit dem einstigen Konkurrenten Mein Fernbus zusammengegangen ist und etwa Verbindungen von und nach Flensburg, Kiel, Neumünster und Lübeck unterhält. Vor dem Hintergrund des Streiks werde auch zusätzliches Personal rekrutiert.

Die App My Taxi hat für die Streikzeit sogar extra eine Rabatt-Aktion gestartet. Von Montag bis Sonntag, 17. Mai, fahren Kunden in einigen Städten   – etwa in Hamburg – für die Hälfte des Preises, teilte die Daimler-Tochter mit.

Was geschah bisher: Im Tarifkonflikt mit der Deutschen Bahn hat die Lokführergewerkschaft GDL unter der Leitung von Chef-Funktionär Claus Weselsky den achten Streik ausgerufen. Nach zwei Warnstreiks folgten fünf Ausstände. Ein Überblick über das Lahmlegen des Personen- und Güterverkehrs in den vergangenen Monaten:

  • 1. Warnstreik am 1. September 2014: drei Stunden im Personen- und Güterverkehr
  • 2. Warnstreik am 6. September 2014: drei Stunden im Personen- und Güterverkehr
  • 1. regulärer Streik am 7. und 8. Oktober 2014: neun Stunden im Personen- und Güterverkehr
  • 2. Streik am 15. und 16. Oktober 2014: 14 Stunden im Personen- und Güterverkehr
  • 3. Streik vom 17. bis 20. Oktober 2014: 50 Stunden im Personen- und 61 Stunden im Güterverkehr
  • 4. Streik vom 6. bis 8. November 2014: 64 Stunden im Personen- und 75 Stunden im Güterverkehr
  • 5. Streik vom 21. bis 23. April: 43 Stunden im Personen- und 66 Stunden im Güterverkehr
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