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Das Sonntagsgespräch : „Wir wissen nicht, was Gemeinschaft bedeutet“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Heute mit dem Heute mit dem ehrenamtlichen Bewährungshelfer Peter Drescher.

shz.de von
erstellt am 01.Mai.2016 | 12:00 Uhr

Tornesch | Tornesch Peter Drescher (65) aus Tornesch engagiert sich in vielfältiger Weise ehrenamtlich und arbeitet unter anderem als Bewährungshelfer. Für seinen Einsatz wurde ihm vor Kurzem die Ehrennadel des Landes Schleswig-Holstein verliehen. Im Sonntagsgespräch erklärt er unter anderem, warum eine Resozialisierung von Straftätern so schwierig ist.

Wieso engagieren Sie sich als ehrenamtlicher Bewährungshelfer?
Ich war früher beruflich im sozialen Dienst der AOK tätig. Dort habe ich unter anderem mit Abhängigen gearbeitet und zum Beispiel Therapien vermittelt. Als ich angesprochen wurde, ob ich die Aufgabe als ehrenamtlicher Bewährungshelfer übernehmen möchte, habe ich das gern gemacht. Allerdings erst nach dem Ausscheiden aus dem Beruf.

Was ist Ihre Motivation?
Mich interessieren Menschen und ihre Entwicklungsmöglichkeiten. Die Biographien von denen, die straffällig wurden, sind ganz unterschiedlich. Manche sind sozial gut eingebettet, bei anderen stimmte schon im Elternhaus gar nichts. Das Spektrum reicht von der Brücke bis zur Elbchaussee. Es kann im Prinzip jeden treffen.

Wie können Sie helfen?
Viele haben das Gefühl, dass alles sinnlos ist und sie nicht gebraucht werden. Das ist das Schlimmste überhaupt. Wer 100 Bewerbungen verschickt und nicht einmal eine Antwort bekommt, ist natürlich frustriert. Und Frust führt zu Aggression. Ich versuche gemeinsam mit den Betroffenen, Wege aus der Sinnlosigkeit zu finden und mit ihnen gemeinsam herauszufinden, was sie tun können. Dafür muss ich gut zuhören und den Leuten das Gefühl geben, dass ich mich für sie interessiere und sie nicht verurteile. Ich muss eine Vertrauensbasis schaffen. Vertrauen bedeutet aber nicht Verbrüderung. Letztendlich kann ich nur Anstöße geben. Den Weg geht jeder selbst. Ich muss aushalten können, dass es nicht jeder schafft.

Wie sind die Chancen auf eine Resozialisierung von Straftätern?
Zwar besteht die Chance, Fuß zu fassen: Aber eine gewisse Stigmatisierung ist einfach da. Die Suche nach einem Arbeitsplatz ist aus meiner Sicht wesentlich schwieriger geworden. Gerade der Umgang mit den Jobcentern ist für viele, die sich mit Behörden nicht auskennen, frustrierend. Ich habe nicht immer den Eindruck, dass dort der Mensch im Mittelpunkt steht und es das Ziel ist, jemandem zu helfen. Das Problem in unserer Gesellschaft ist, dass immer alles ganz schnell gehen soll. Ein Mensch verändert sich aber nicht von einem Tag auf den anderen. Was 20 Jahre schief gelaufen ist, kann nicht in ein oder zwei Jahren geheilt werden. Wir wissen als Gesellschaft noch gar nicht, was Gemeinschaft bedeutet. Der Doktor kommt nicht ohne den Müllmann aus. Wenn nicht jemand seinen Dreck wegräumt, hat auch der Arzt ein Problem. Wir haben noch nicht begriffen, dass es nicht ausreicht, nur das Geld zu haben, um alles zu bezahlen. Grundsätzlich ist es so, dass jeder, der nicht angepasst ist, dafür einen Preis bezahlen muss.

Sie engagieren sich in vielfältiger Weise ehrenamtlich. Sind Sie ein sozialer Mensch?
Ich bemühe mich auf alle Fälle, einer zu sein. Ob ich es bin, weiß ich nicht.

Sie setzen sich auch für die Selbsthilfegruppe „Begegnungen“ in Elmshorn ein. Was machen Sie dort?
Es geht darum, Menschen in Lebenskrisen zu unterstützen. Burnout, Mobbing, Sucht, Todesfälle – die Gründe für eine Krise sind ganz unterschiedlich. Die Gruppe hat sich 1998 gebildet. Das Ganze fing 1998 als Kursus auf AOK-Ebene an. Dort ist das Ganze zwar nicht mehr beheimatet, läuft aber immer noch weiter. Das Alter der Teilnehmer reicht von 30 bis 78 Jahren.

Waren Sie selbst schon mal in einer Lebenskrise?
Jeder muss manchmal schwierige Situationen meistern. Bei mir hat sich durch einen Verkehrsunfall vieles verändert. Danach musste ich Energie aufbringen, um überhaupt wieder gehen zu können. Auch eine Borreliose hatte mich schwer getroffen. Lange Zeit war ich nicht in der Lage, mehr als zwei Stunden am Stück zu arbeiten. Da musste ich nicht andere Menschen einrichten, sondern mich selbst. Das ist vielleicht sogar noch schwieriger. Unabhängig von allem ist mir wichtig, immer „Ja“ zum Leben zu sagen.

Wie entspannen Sie sich von den vielen ehrenamtlichen Aufgaben?
Ich kann mich selbst zurücknehmen und gehe häufig spazieren, sehr gern auch mal allein. Außerdem male ich. Das hilft mir runterzukommen.

Peter Drescher (65) engagiert sich ehrenamtlich unter anderem bei der Bewährungshilfe am Amtsgericht Elmshorn, in der Selbsthilfegruppe „Begegnungen“ in Elmshorn und sitzt im Vorstand der „Jugendhilfe Pinneberg“. Der Krankenkassenfachwirt ist verheiratet und wohnt in Tornesch.
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