„Wir schicken niemanden zurück“

Diesen beiden Frauen liegt das soziale Engagement am Herzen: Brigitte Ehrich (links) und Birgit Drechsler von der Pinneberger Tafel.
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Diesen beiden Frauen liegt das soziale Engagement am Herzen: Brigitte Ehrich (links) und Birgit Drechsler von der Pinneberger Tafel.

Pinneberger Tafel versorgt pro Woche etwa 250 Bedürftige / 400 Personen gemeldet / Keine Wartezeiten durch Nummernsystem

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08. März 2018, 16:30 Uhr

Dienstag, 11.30  Uhr. In den Räumen der Freikirche am Pinneberger Fahltskamp sieht es aus wie in einem Tante Emma Laden. In grünen Plastikkörben befinden sich Obst und Gemüse. Es gibt eine Menge Brotwaren an einer Art Tresen. Auf einem Tisch befinden sich Schnittblumen, auf einem anderen gibt es Süßigkeiten. Vor der Tür warten bereits die ersten Kunden.

Kunden – so bezeichnen die Tafelmitarbeiter die Bedürftigen, die auf die von etwa 35 Geschäften gespendeten Lebensmittel angewiesen sind, weil das Geld bis zum Monatsende nicht mehr reicht. Es sind unter anderem Rentner, viele alleinerziehende Mütter, Arbeitslose und Geflüchtete. „Viele kommen gar nicht, weil sie sich schämen“, sagt Margit Neugebauer, eine von etwa 70 ehrenamtlichen Helfern der Tafel. Die meisten Bedürftigen, die kommen, seien dankbar.

Zwei Frauen mit Migrationshintergrund sind im Gespräch mit Brigitte Ehrich von der Pinneberger Tafel. Sie haben nicht die richtigen Papiere dabei. Doch die ausgebildete Kulturjournalistin weist die beiden scheinbar Hilfsbedürftigen nicht ab. Sie bekommen Lebensmittel. Ehrich bittet die Frauen aber, nächste Woche die nötigen Unterlagen mitzubringen.

„Wir schicken im Prinzip niemanden zurück“, sagt Birgit Drechsler, Vorsitzende der Pinneberger Tafel. Im Prinzip heißt, dass es bestimmte Regularien gibt: Wer sich bei der Pinneberger Tafel anmelden möchte, muss einen Einkommensnachweis – Hartz IV-, Renten- oder Sozialbescheid – und einen Ausweis vorlegen. Wer bis zu 1000 Euro Rente bekommt und Miete davon zahlt, darf die Hilfe der Tafel beanspruchen.

Flüchtlinge und Asylbewerber benötigen einen Ausweis mit Aufenthaltsgenehmigung. Auch für in Deutschland lebende Kinder muss ein Ausweis vorgelegt werden.

Pro Woche werden etwa 250 Bedürftige mit Lebensmitteln versorgt – sowohl in den Räumen der Freikirche als auch im Gemeindehaus der Lutherkirche. Registriert sind knapp 400 Personen. „An jedem Ausgabetag kommen Neuanmeldungen dazu“, informiert Ehrich. Der Anteil der Ausländer beträgt etwa 70  Prozent.

Kürzlich wurde bei der Essener Tafel ein Neuanmeldestopp für Ausländer verhängt. Es hagelte Kritik in den sozialen Medien. Und eine Rüge von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Aktivisten beschimpften die Essener Tafel als ausländerfeindlich. Der Verein begründet sein Vorgehen damit, dass der Ausländeranteil bereits 75 Prozent beträgt und ältere Menschen und alleinerziehende Mütter von den vielen fremdsprachigen jungen Männern in der Warteschlange verdrängt worden seien und nicht mehr kommen.

Drechsler sieht eines der Probleme darin, dass die Essener Tafel desorgansiert sei, Schlangen gebe es bei der Pinneberger Tafel nicht. Nur kleine Gruppen werden jeweils bedient. Dafür sorgt ein ausgeklügeltes System. „Jeder Kunde bekommt eine Nummer und eine Farbe zugewiesen und einen Terminplan. Jede Viertelstunde ist eine andere Farbe dran, sodass jeder mal in der ersten und mal in der letzten Gruppe ist“, erklärt Ehrich. Die Nummer sei bei jeder Ausgabe vorzuzeigen. Wer diese nicht dabeihat, muss bis zum Ende der Ausgabe warten. Wer seine Nummer verloren hat, muss sich in der Woche darauf neu anmelden. „Jeder Kunde darf nur einmal in der Woche an einem bestimmten Tag Ware abholen“, so Ehrich. Damit es nicht zu Streitereien kommt, gibt es eine Hausordnung: „Wir behandeln die Kunden mit Respekt und wollen auch von ihnen mit Respekt behandelt werden“, sagt Drechsler.

In der ganzen Debatte, die jetzt um die Essener Tafel hochkocht, möchten Erich und Drechsler auch auf den historischen Hintergrund der Tafeln hinweisen. Die Idee kommt aus Amerika: 1963 wurde dort die erste Foodbank gegründet. Lebensmittel, die in den Supermärkten nicht mehr verkauft werden konnten, wurden an sozial Bedürftige verteilt. Man wollte etwas gegen die Verschwendung von Lebensmitteln tun.

Genau deshalb ist auch die Pinneberger Tafel 2003 gegründet worden. „Wir sammeln Lebensmittel, die nicht mehr in den Verkauf kommen. Wir wollen die Lebensmittel nicht wegschmeißen“, bringt es Drechsler auf den Punkt. Aber Ehrich stellt auch klar: „Das soziale Engagement liegt uns am Herzen.“









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