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Pinneberger Tageblatt

24. Oktober 2017 | 04:48 Uhr

Das Sonntagsgespräch : „Wir schaffen das!“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Heute mit Miriam Utz, Koordinatorin ehrenamtliche Flüchtlingshilfe in Halstenbek.

Halstenbek | Miriam Utz koordiniert in Halstenbek die Arbeit der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer. Im Sonntagsgespräch erklärt sie unter anderem, warum es sich lohnt, sich für die Flüchtlinge zu engagieren.

Wie sieht Ihre Arbeit als Koordinatorin der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit in Halstenbek aus?
Gespräche und Telefonate führen, E-Mails beantworten, Ehrenamtliche auf ihre Arbeit vorbereiten und schauen, in welchen Bereichen sie eingesetzt werden können – das Aufgabengebiet ist vielfältig. Wer sich engagieren will, kann das auf ganz unterschiedliche Art tun. Bedarf an Unterstützung besteht zum Beispiel in der Kleiderkammer, wo immer Leute zum Sortieren und der Ausgabe der Kleidung gebraucht werden. Auch Helfer, die den Flüchtlingen beim Lernen der deutschen Sprache zur Seite stehen, werden benötigt. Besonders wichtig sind die Paten, die die Asylbewerber begleiten und ihnen die Eingewöhnung in Halstenbek erleichtern. Mit diesen Paten stehe ich in regelmäßigen Kontakt. Ich führe beispielsweise Erstgespräche und erkläre ihnen, was zu tun ist und worauf sie achten müssen. In Notfällen bin ich auch immer erreichbar.

Wie sind Sie zu der Aufgabe gekommen?
Ich war selbst ehrenamtlich tätig und habe mit einigen anderen Freiwilligen unter anderem Willkommenstaschen gepackt. Es gab noch weitere Gruppen, die sich in anderen Bereichen engagierten. Es existierte aber keine Abstimmung. Wir arbeiteten einfach nebeneinander her. Dieses Problem sprachen wir bei Bürgermeisterin Linda Hoß-Rickmann an. Eine Weile später wurde ich gefragt, ob ich die Aufgabe übernehmen will.

Wie viele Ehrenamtliche sind es derzeit in Halstenbek?
Wir haben derzeit etwa 150 Ehrenamtliche, die rund 220 Flüchtlinge unterstützen. Verstärkung ist immer willkommen. Wer helfen will, kann sich jederzeit an mich wenden.

Was ist der Grund für Ihr Engagement?
Ein Antrieb sind die Geschichten, die mir meine Großmutter als Kind erzählte. Sie war aus Pommern geflüchtet und berichtete, wie schlecht sie in Schleswig-Holstein aufgenommen wurde. Inzwischen ist mir die Arbeit längst ein Herzensanliegen. Ich habe mit wundervollen Menschen zu tun, die anderen helfen wollen. Mit denen zusammenzuarbeiten, ist ein Privileg. Auch die meisten Flüchtlinge sind unglaublich nett.

Wieso funktioniert die Flüchtlingsarbeit in den kleinen Kommunen besser als in den großen Städten?
Wir sind nah an den Menschen dran und die Flüchtlinge sind unglaublich dankbar, dass sie einen festen Ansprechpartner haben. Sie werden als Mensch wahrgenommen und sind nicht Teil einer anonymen Masse. Ihnen wird das Gefühl gegeben, dass sie bei uns willkommen sind.

Miriam Utz (36) ist seit Mai 2015 Koordinatorin der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. Wer sich in Halstenbek ehrenamtlich für Asylbewerber engagieren will, kann sich per Mail unter willkommen-in-halstenbek@gmx.de mit ihr in Verbindung setzen.

Was sind die größten Probleme in Halstenbek?
Schwierig ist, dass vieles immer sofort passieren muss. Wenn ein Problem auftaucht, brauchen wir gleich eine Lösung. So wurde uns zum Beispiel einmal eine Familie mit Kind angekündigt. Dass die Mutter schwanger war und kurz vor der Entbindung stand, erfuhren wir erst vor Ort. Baby-Bett, Hebamme, Zwillingskinderwagen – alles musste auf die Schnelle her. So etwas geschieht ständig. Kein Tag ist wie der andere und wir improvisieren häufig. Es klappt aber immer. Ich bin weiterhin der Meinung: Wir schaffen das!

Haben Sie Schicksale besonders bewegt?
Eine Syrerin war einmal mit einer Ehrenamtlichen in der S-Bahn unterwegs und telefonierte mit ihrer Mutter in Syrien. Plötzlich war am anderen Ende der Leitung eine Explosion zu hören. Die Mutter wurde während des Telefonats durch einen Bombenangriff getötet. Eine andere Familie hat auf der Flucht ihren Sohn verloren. Er wurde ihnen an einer Grenze aus den Händen gerissen. So etwas berührt mich als Mutter natürlich. Trotzdem blicken diese Menschen positiv in die Zukunft. Das finde ich faszinierend. So etwas holt einen auf den Boden zurück und verdeutlicht, wie gut es uns in Deutschland eigentlich geht.

Wie ist die Stimmung in Halstenbek?
Ich glaube, dass die Stimmung noch positiv ist. Natürlich gibt es im Rathaus vereinzelte Anrufe von Menschen, die fragen, ob sie ihr Kind noch alleine S-Bahn fahren lassen können. Das sind aber nur wenige. Besonders wichtig ist die dezentrale Unterbringung. Wenn Hunderte auf engem Raum in einer Halle untergebracht sind, ist klar, dass es irgendwann knallt.

Was fühlen Sie, wenn Sie an die Ergebnisse der jüngsten Landtagswahlen oder die Übergriffe gegen Flüchtlinge denken?
Übergriffe wie die Attacke auf einen Bus mit Flüchtlingen im Erzgebirge machen mich fassungslos. Bei dem, was passiert, wird mir teilweise körperlich schlecht. In solchen Momenten schäme ich mich, Deutsche zu sein. Ich halte mich inzwischen von Nachrichten fern, wenn es um das Thema „Flüchtlinge“ geht, weil ich nur in Halstenbek helfen kann. Ich frage mich häufig, wo eigentlich die Menschlichkeit geblieben ist.

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