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DAS SONNTAGSGESPRÄCH : „Wir müssen immer mehr das Individuum fördern“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Jugendpfleger Daniel Mietz über Höflichkeit und moderne Familienstrukturen.

shz.de von
erstellt am 26.Feb.2017 | 15:00 Uhr

Rellingen | Daniel Mietz ist Ortsjugendpfleger in Rellingen. Im Sonntagsgespräch erklärt er unter anderem, was den Reiz seiner Arbeit ausmacht, was er von Kindern lernen kann und warum unterschiedliche Charaktere wichtig für eine funktionierende Jugendarbeit sind.

Wie sieht die Arbeit der Jugendpflege aus?
Sie ist äußerst vielfältig. Freizeitgestaltung für Kinder anbieten, sich um Einzelfälle kümmern, Hausaufgabenbetreuung, Veranstaltungen wie Spielplatzfeste organisieren, Ferienprogramme ausarbeiten - die offene Kinder- und Jugendarbeit ist ein breit gefächertes Feld. Feste Anlaufpunkte sind das Jugendmobil und das Kinder- und Jugendzentrum Oase. Auch der Bauspielplatz ist ein Zugpferd. Wir sehen uns als Bindeglied zwischen Kind, Familie, Gemeinde und der Öffentlichkeit und wollen Verständnis für die Kinder- und Jugendarbeit wecken.

Wie groß ist das Team der Jugendpflege?
Wir sind vier Personen - drei Hauptamtliche und ein FSJler. Jeder hat seinen Verantwortungsbereich und kann sich darin frei entfalten. Sehr wichtig sind auch die FSJler. Sie bringen frischen Wind und ein Feedback von außen. So haben die FSJler großen Anteil daran, dass die Qualität unserer Arbeit gleichbleibend hoch ist.

Was zeichnet die Jugendpflege in Rellingen aus?
Wir haben ganz unterschiedliche Stärken und Charaktere, so dass wir verschiedene Zielgruppen ansprechen und auch auf unterschiedliche Persönlichkeiten eingehen können. Es ist für unsere Arbeit wichtig, dass wir nicht alle gleich ticken. Trotz allem ist es schwierig, an die Kinder heranzukommen. Sie haben doch teilweise schon längere Arbeitszeiten als manch Erwachsener. Da die Kinder und Jugendlichen ständig unterwegs sind, ist es für uns schwer, sich dazwischen zu positionieren.

Klappt die Zusammenarbeit mit Sportvereinen und Schulen?
Häufig gibt es ein Konkurrenzdenken. Das ist bei uns zum Glück nicht der Fall. Wir wissen, dass wir voneinander profitieren können. Letztendlich funktioniert es nur, wenn alle an einem Strang ziehen. Es fällt auf, dass unsere Klientel immer jünger wird. Die Jüngeren haben einfach mehr Zeit.

Hat sich die Jugendarbeit in den vergangenen Jahren gewandelt?
Wir müssen immer mehr das Individuum fördern. Das ist grundsätzlich nicht verkehrt, gesellschaftlich aber fragwürdig. Es fängt damit an, dass wir mit den Kindern Höflichkeitsfloskeln wie „Hallo“, „Bitte“ und „Danke“ einüben müssen. Früher gab es zudem noch feste Gruppen, in denen jeder seinen festen Platz fand. Heutzutage wird jeden Tag um eine neue Position gerungen. Das ist für die Kinder enorm anstrengend und nervenaufreibend. Dabei haben sie durch Schule und Vereine schon genug Stress. Meine Frau fragt mich immer, ob ich denn viel Spaß beim Spielen hatte, wenn ich nach Hause komme. Das Spielen gehört sicherlich dazu, weil es hilft, Barrieren abzubauen. Wichtiger ist aber, den Kindern und Jugendlichen etwas mitzugeben, was sie für die Zukunft brauchen- eben zum Beispiel die Bedeutung von Höflichkeit und Teamgeist. Kinder verlernen immer mehr, ein Wir-Gefühl zu entwickeln.

Wälzen viele Eltern die Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder ab?
Das ist zum Glück besser geworden. Allen muss klar sein, dass wir nur ein kleiner Teil des Lebens der Kinder sind. Sie verbringen viel mehr Zeit in ihren Elternhäusern und dort müssen auch die Grundlagen für die Erziehung gelegt werden. Wir versuchen zwar unser Bestes, können aber letztendlich nur unterstützen. Ich habe aber das Gefühl, dass immer mehr Eltern begreifen, was auf ihre Kinder alles einprasselt.

Was macht den Reiz Ihrer Arbeit aus?
Jeder Tag bringt neue Herausforderungen. Ich könnte mich nur schwer damit anfreunden, ständig nur mit den gleichen Abläufen konfrontiert zu werden. Die Jugendarbeit bietet mir die Möglichkeit, meine zahlreichen Ideen umzusetzen. Zudem stellt meine Arbeit sicher, dass ich mich selbst weiterentwickle und am Puls der Zeit bin. Niemand kann einem besser zeigen, wie sich die Welt entwickeln wird, als Kinder. Sie reagieren viel sensibler auf Veränderungen, als wir und sind meistens die ersten, die sich neuen Anforderungen stellen müssen. Davor habe ich großen Respekt.

Hat sich Ihre Arbeit durch die Flüchtlinge gewandelt?
Nein. Wieso sollte ich mit den Flüchtlingen anders arbeiten? Lediglich die Sprachbarriere ist eine Herausforderung. Unser Ziel ist, die Flüchtlinge nicht zu separieren, sondern zu integrieren. Das geht nicht, wenn ich für diese Extra-Angebote ausarbeite und sie von den anderen Kindern fernhalte.

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