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„Wir leben unsere Talente viel zu wenig aus“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Interview Musiker, Schauspieler, Fernsehmoderator, Autor und Theologe Julian Sengelmann über Gott, die Gefahren des Populismus und seine Vielseitigkeit

von
erstellt am 24.Apr.2017 | 11:17 Uhr

Julian Sengelmann ist das, was man ein Multitalent nennt: Der 34-jährige Hamburger Jung ist Musiker, Schauspieler, Fernsehmoderator, Autor, Sprecher sowie Theologe. Und alles gleichzeitig. Er hat in TV-Serien wie „Großstadtrevier“, im „Landarzt“ oder in Inga-Lindström-Filmen am Sonntagabend gespielt. Darüber hinaus moderiert Sengelmann für den NDR die Reihe „Tatorte der Reformation“, er schreibt gerade ein Buch über das Kirchenjahr und er liebt die Musik: Am 28. April erscheint sein erstes
Solo-Album mit dem Namen „13“. Und alles andere als nebenbei ist er seit zehn Monaten Vater von Töchterchen Leni. Zum Interview treffen wir den 34-Jährigen im Café „Elbfaire“ im ökumenischen Forum in der Hafencity.

Sie haben sehr viele Berufe. Konnten oder wollten Sie sich nicht wie andere Menschen für einen Beruf entscheiden?
Julian Sengelmann: Ich habe mich bewusst für alle entschieden.

Welcher Ihrer Berufe war zuerst da?
Als ich klein war, wollte ich Schauspieler werden. Als jüngstes von vier Kindern habe ich früh gelernt, auf mich aufmerksam zu machen. Ich fing an, Witze zu erzählen und konnte aus dem Stegreif Gedichte erfinden. Dafür erntete ich Anerkennung und das gefiel mir. Daneben habe ich früh Kindertheater gespielt und synchronisiert. Die Liebe zur Musik kam später, als ich zu den Pfadfindern ging und am Lagerfeuer Schrammelgitarre spielte. Als ich bei einem Schüleraustausch in einem kleinen Kaff in England landete und viel Zeit zum Gitarrespielen und Songtexten hatte, beschloss ich zum ersten Mal, Popstar zu werden. Und so habe ich nach meinem Abitur Einladungen von Schauspielschulen nicht wahrgenommen, weil ich mit meiner Band Musik machen wollte. Die brach kurze Zeit später auseinander und so fing ich an, Theologie zu studieren.

Wieso ausgerechnet Theologie?
Aus Interesse. Das Johanneum-Gymnasium in Hamburg, an dem ich mein Abitur gemacht habe, hatte ein sehr breit gefächertes humanistisches Bildungs- und Lernangebot. Das fand ich spannend und wollte ein Studium beginnen, das ähnlich breit aufgestellt ist. Hinzu kam, dass ich kirchliche Jugendarbeit gemacht habe, was mir gefiel. So hab ich angefangen, Theologie zu studieren und, wie es manchmal so ist im Leben, wenn man nicht mehr krampfhaft an Dingen festhält: Zwei Tage vor meinem ersten Hebräisch-Kursus an der Uni kam der Anruf einer Regisseurin, die mich für eine ZDF-Serie casten wollte. Seitdem bin ich Theologe und Schauspieler.

Sind Sie auch Pastor?
Nein, zumindest noch nicht. Das Vikariat, das ja vergleichbar ist mit dem Referendariat bei Lehrern, war für mich bislang keine Option, weil ich dafür die Schauspielerei und die Musik für eine gewisse Zeit hätte aufgeben müssen. Das wollte ich nicht. Seit Anfang dieses Jahres aber gibt es jetzt in der Nordkirche das berufsbegleitende Vikariat, das ich jetzt mache. Einige Tage in der Woche muss ich dafür ins Predigerseminar nach Ratzeburg.

Können Sie sich vorstellen, als Pastor tätig zu sein?
Wenn ich es mir nicht vorstellen könnte, würde ich es nicht machen.

Mit welchem Ihrer vielen Berufe und Talente verdienen Sie Ihr Geld?
Ich liebe es, breit aufgestellt zu sein und mit allem Geld zu verdienen – außer natürlich der Theologie.

Wie bekommen Sie all das unter einen Hut?
Ich bin fleißig und schlafe wenig. Und ich arbeite strukturiert, so schaffe ich einiges.

Sie glauben daran, dass die Straße aus der man kommt, den Charakter prägt, wie es die HipHop-Band Blumentopf einmal gesagt hat. Sie sind am Mittelweg im feinen Pöseldorf aufgewachsen. Was dürfen wir daraus schließen?
Im Original-Songtext von Blumentopf heißt es ja: „Man sagt, dass die Straße aus der man kommt, den Charakter prägt, aber was nützt das, wenn man in der Sackgasse lebt?“ Zu mir passt die buchstäbliche Bedeutung von einem Mittelweg, der zwischen allem ist und zwischen allem vermitteln möchte. Soziologisch bedeutet es, am Mittelweg aufgewachsen zu sein, dass es mir beim Aufwachsen an nichts gemangelt hat. Meine Familie war gut situiert, aber wir waren keine Reichen-Kinder. Bei den Pfadfindern habe ich sehr früh eine andere Seite kennengelernt, wie man es zum Beispiel schafft, für drei Mark den besten Tag seines Lebens zu erleben.

Warum heißt ihr Album „13“?
Die Zahl 13 hat viel mit meinem Leben zu tun: Zum einen bin ich mit der Musik der Mongo Clikke 13, einem Verbund aus Hamburger HipHoppern unter anderem mit Samy Deluxe, zwischen 1997 und 2002 aufgewachsen. Zum anderen komme ich aus dem früheren Postleitzahlbezirk 20013. Es heißt auch 13, weil ich mich 2013 durchgerungen habe, ein Solo-Album zu machen. Und im ersten Korintherbrief 13 im neuen Testament heißt es: „All unsere Weisheiten, all unsere klugen Reden werden vergehen.“ Das fand ich sehr passend, weil ich mir mit diesem Album sehr viel Mühe gegeben habe und es wichtig für mich ist. Letztendlich ist es aber nur eine Momentaufnahme. Ich finde es sehr entlastend, dass nichts für die Ewigkeit ist, auch wenn es einem persönlich sehr viel bedeutet.

Wovon singen Sie?
Es sind sehr unterschiedliche Facetten von Popmusik, so bunt wie das Leben. Ich singe von Trauerphasen genauso wie von Momenten, in denen einem das Herz aufgeht.

Welche Rolle spielt Gott in Ihrem Leben?
Er spielt jede Rolle. Alles was ich mache, versuche ich in einen Kontext mit meinem Glauben zu stellen. Ich glaube, dass jeder Mensch Talente mitbekommen hat, die wir aber viel zu wenig ausleben, weil wir sehr reglementierte Vorstellungen von einem gelungenen Leben haben. In unserer Gesellschaft gilt: je härter du arbeitest, umso höher steigst du auf – in dem Hochhauskomplex, in dem deine Firma sitzt und bevor du in Ruhestand gehst, hast du ein Eckbüro mit zwei Fenstern. Diese Art von Karriere verhindert, dass wir unsere Talente ausleben.

Welche Zukunft haben Kirche und Theologie heute noch?
Als Reformationsbotschafter der Nordkirche stelle ich mir häufig die Frage, was die Reformation mit uns heute zu tun hat. Für viele ist Glauben wie eine staubige Schatzkiste, die nach alten Büchern riecht. Wir müssen Anknüpfungspunkte in die Gegenwart finden und so von Gott reden, dass es die Menschen interessiert und sie sich angesprochen fühlen. Das ist zwar eine große Herausforderung, für die ich aber kämpfen möchte.

Was braucht man dafür? Mehr junge offene Theologen wie Sie?
Nein. Man braucht Leute, die authentisch von ihrem Glauben erzählen. Ein großes Problem ist die pseudosakrale Sprache, die viele Menschen abschreckt.

Die Gesellschaft verändert sich, die Fremdenfeindlichkeit wächst mit der Anzahl der Flüchtlinge und mit dem zunehmenden Terror durch den IS. Was können wir tun?
Uns über unsere Wertvorstellungen mit denen austauschen, die auf der Flucht sind; entweder weil sie aus einem repressiven System heraus wollen oder zum Beispiel Mädchen, die gerne die Möglichkeit haben wollen zu lesen, zu lernen oder zu studieren. Fremde Kulturen und Werte kennenlernen, baut Vorurteile ab und bereichert uns. Wir haben ein Problem mit Bildern, weil wir uns Bilder von Dingen wie etwa dem Islam machen, die es so nicht gibt. Der IS ist eben nicht repräsentativ für den Islam. Und der Populismus ist eine Gefahr, weil er verkürzte Schlagworte als einfache Lösungen für komplexe Zusammenhänge anbietet. Die gibt es aber nicht. Ich habe so unterschiedliche Menschen verschiedener Religionen kennengelernt. Das Einzige, was gegen Populismus und Undifferenziertheit hilft, ist: Bildung, Denken lernen.


>Sein neues Album „13“ stellt Julian Sengelmann in einem Release-Konzert am 27. April, 20 Uhr, im „Kleinen Donner“, Schulterblatt 73, in Hamburg vor. Karten für 14,70 Euro sind erhältlich unter www.funke-ticket.de

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