Quickborn : „Wir haben es nicht bereut“

Sie haben in Deutschland eine neue Heimat gefunden: Jorge Correia (24, v. l.), Natalia Maria dos Reis Santos (51), Marriana Sanatos (23) und Christina da Costa (26).
Sie haben in Deutschland eine neue Heimat gefunden: Jorge Correia (24, v. l.), Natalia Maria dos Reis Santos (51), Marriana Sanatos (23) und Christina da Costa (26).

Keine Zukunft im eigenen Land: Portugiesische Pflegekräfte finden in Quickborn eine neue berufliche Perspektive.

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06. Juni 2014, 10:00 Uhr

Quickborn | „Keine Perspektive, keine Konditionen, keine Zukunft“ – so bringt es Jorge Correia (24) auf den Punkt. Diese hoffnungslose Situation hat ihn und vier weibliche portugiesische Pflegekräfte dazu bewogen, die Koffer zu packen und nach Deutschland zu ziehen.

Die sympathischen Portugiesen sind seit Oktober im Unternehmen Careprofis in Quickborn beschäftigt – und haben sich bereits prima eingelebt. Einige von ihnen leben zusammen n einer WG in Schenefeld. Inzwischen beherrschen sie große Teile der deutschen Sprache. Abends wird geskypt mit den Familien, die in der Region Algarve leben. Nur an das Wetter haben sie sich noch nicht gewöhnt. „In Portugal ist es warm, hier regnet es häufig“, sagt Marriana Sanatos (23) und lacht.

Careprofis-Geschäftsführer Jan Kaiser war von dem Pilotprojekt von Anfang an überzeugt. Der regionale Anbieter vermittelt qualifiziertes medizinisches Personal sowie Pflegekräfte. Aber: „Es ist immer schwieriger, in Deutschland qualifiziertes Fachpersonal zu bekommen“, sagt er. Einerseits sei die Zahl der Pflegebedürftigen rasant gestiegen, zeitgleich sei das Interesse an dem Beruf über die angeblichen Missstände in der Pflege gesunken.

Nicht so in Portugal: „Der Beruf ist dort sehr beliebt. Viele wollen es machen“, berichtet Marriana Sanatos. Aber die jungen Pflegekräfte bekommen wegen der Wirtschaftskrise keine attraktiven und gut bezahlten Jobs. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 36,1 Prozent (Stand April 2014). Und deshalb sind die jungen Portugiesen zurzeit das begehrteste Exportprodukt ihres krisengeschüttelten Landes.

Im vorigen Sommer ist Kaiser nach Portugal gereist, um mit den Bewerbern zu sprechen: „Ihre hohe pflegerische Qualifikation, ihr Engagement und ihr Interesse an Menschen haben mich überzeugt“, sagt Kaiser.

Wer in Portugal eine Ausbildung zum Krankenpfleger macht, geht an die Fachuni. Während der Ausbildung lernen die Studenten alle medizinischen Bereiche im Krankenhaus kennen: von der Kardiologie bis zur Psychiatrie. An der Uni haben die Portugiesen auch erfahren, dass Careprofis Personal sucht. „90 Prozent der Studierenden ziehen in andere Länder“, sagt Sanatos.

Nur Natalia Maria dos Reis Santos (51) tanzt aus der Reihe: Sie verließ Portugal, weil ihr Mann in Deutschland einen Job gefunden hat.

Zunächst haben die fünf Portugiesen hier als Pflegehelfer gearbeitet. Jetzt stehen sie kurz vor ihrer Anerkennung zum Gesundheits- und Krankenpfleger, die sie erhalten, wenn sie die Abschlussprüfung zum Sprachniveau B2 bestehen.

Doch das dürfte wohl keine große Schwierigkeit sein: Die portugiesischen Krankenpfleger sind hochmotiviert. Ihren Schritt, Portugal zu verlassen, haben sie nicht bereut, beteuern alle: „ Wir werden nicht wieder zurückkehren.“ Und Sanatos und Correia sagen, warum: „In Deutschland haben wir mehr Lebensqualität.“

Nach Schätzung des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) fehlen bereits heute rund 30.000 Pflegekräfte in Deutschland. Wegen der weiter steigenden Zahl von Pflegebedürftigen werden nach bpa-Einschätzung bis 2020 rund 220.000 Pflegekräfte zusätzlich gebraucht. Und mehr als drei Millionen Menschen werden 2030 in Deutschland nach Schätzungen professionelle Pflege brauchen.
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