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Pinneberger Tageblatt

23. August 2017 | 14:45 Uhr

Brandstiftung : „Wir haben Angst“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Zwei Brände innerhalb von drei Wochen: Die Bewohner im Hochhaus an der Dingstätte in Pinneberg sind mehr als beunruhigt – und eingeschränkt.

Pinneberg | Als Dienstleister gibt es für Peter Kasch und Claudia Wagner nichts Schlimmeres, als Kunden wegzuschicken. Doch genau das müssen sie seit drei Wochen tun. In der Nacht vom 25. auf den 26. April brannte es zum ersten Mal in dem Hochhaus mitten in Pinnebergs City. Das Ehepaar war noch bei der Arbeit in seinem Copy-Shop, als Wagner die Rauchschwaden sah. Sie alarmierte die Feuerwehr. Im Keller brannte es. Gegen Mitternacht gab die Feuerwehr Entwarnung.

Die Nachwirkungen sind bis heute zu spüren: Seit drei Wochen funktionieren Telefon, Internet und Fernsehen nicht. Für ein Geschäft mit viel Dokumentenverkehr und in dem Kunden Faxe versenden wollen eine Katastrophe. Es riecht immer noch nach Rauch, obwohl sie einen separaten Keller haben. Eine Tonne Druckerpapier, dazu Mengen an teuren Fotofolien müssen Kasch und Wagner entsorgen. Bis vorgestern dachten sie, sie seien zufällig betroffen. Seit gestern ist alles anders.

Es hat wieder gebrannt. Wieder in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch. Wieder in dem Hochhaus. Nur eines ist anders: Diesmal brannte der Dachboden. „Jetzt sind wir wirklich besorgt“, sagt Kasch, der das Geschäft im Erdgeschoss des Hochhauses seit fast zehn Jahren betreibt. Das Ehepaar glaub nicht an einen Zufall. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die Polizei nun offiziell von Brandstiftung spricht – zumindest beim ersten Feuer. Die Ursache des zweiten werde jetzt ermittelt und ein möglicher Zusammenhang geprüft, sagte Polizeisprecher Nico Möller gestern auf Nachfrage. Diesmal wurde die Feuerwehr um 23.37 Uhr alarmiert. Eine Stunde brauchten sie, um das Feuer unter Kontrolle zu bekommen. Sechs Dachboden-Parzellen haben gebrannt. Ob auch ihre Parzelle betroffen ist, habe sie noch nicht herausfinden können, sagt eine 25 Jahre alte Bewohnerin im Gespräch mit unserer Zeitung. Wertvolles habe sie aber nicht gelagert, sagt sie.

Im Treppenhaus stinkt es nach Rauch

Die 25-Jährige wohnt in einer der 72 Wohnungen, die sich auf acht Stockwerke verteilt in dem Hochhaus in der Dingstätte befinden. Der Weg zu den einzelnen Eingängen führt durch Brandschutztüren und über Zwischenbalkone. Es ist Mittag und still im Haus. Im Treppenhaus stinkt es nach Rauch. Der Hochhaus-Tristesse in den langen Fluren setzen einige Bewohner bunte Fußmatten vor ihren Haustüren entgegen. „Wir haben wirklich Angst“, sagt die 25-Jährige, die mit ihrem Freund in einer der Wohnungen lebt. Sie geht von einem Täter aus. „Wer weiß, wann er wieder zuschlägt“, sagt sie. Auch sie improvisieren seit drei Wochen. Vor allem der Zugang zum Internet fehlt ihr. „Wir haben uns sogar mal wieder eine DVD ausgeliehen, weil uns sonst die Decke auf den Kopf fällt“, sagt sie. Die Wäsche kann sie auch nicht mehr waschen, die Waschmaschine steht im Keller. Und der darf ohne Erlaubnis und Atemmaske nicht betreten werden.

Schon an der Tür zum Keller, die sich außerhalb des Hauses befindet, schlägt einem beißender Rauchgeruch entgegen. Zwei Männer und eine Frau schleppen Sachen aus Räumen. Sie gehören zu der Firma, die der zuständige Hausverwalter, der in Braunschweig sitzt, mit der Sanierung beauftragt hat. Sie tragen Ganzkörperanzüge und Schutzmasken. Seit zwei Wochen räumen sie den Keller aus. Es geht nur langsam voran. Denn bevor das Eigentum entsorgt werden kann, muss jeder Bewohner zustimmen. Das sind etliche Unterschriften.

Wann es wieder Telefon und Fernsehen gibt ist ungewiss

Im Keller ist es dunkel und verrust. Geschmolzene Kabel hängen von den Decken. An der Wand sind noch die Reste eines Verteilerkastens zu erahnen. Die Ursache für den fehlenden Internetzugang. Wann die Bewohner wieder ans Netz angeschlossen sind, telefonieren und fernsehen können, ist ungewiss. Weder der Hausverwalter, noch der beauftragte Sanierer gaben gestern auf Nachfrage Auskunft. Auch die Bewohner sind ahnungslos. Sie sind sauer. „Keiner spricht mit uns“, sagt die 25-jährige Bewohnerin. Jetzt der erneute Rückschlag. Der Dachboden sei gerade erst saniert worden, sagt sie.

Während die Menschen, die in dem Hochhaus leben und arbeiten, mehr als beunruhigt sind, ob es wieder brennen wird, ist Svenja Koparan zwar weit genug entfernt. Das Kosmetikstudio, in dem sie arbeitet, hat es aber wohl am schlimmsten getroffen. Der Laden befand sich ebenfalls im Erdgeschoss des Hochhauses. Der Notausgang führte in den Keller – das wurde ihnen zum Verhängnis. Überall war Ruß. „Man konnte an der Wand schreiben“, erinnert sich die Angestellte. „Alles war kontaminiert, wir mussten raus.“

Beim ersten Einsatz brannte es im Keller des Gebäudes.
Beim ersten Einsatz brannte es im Keller des Gebäudes.

Jetzt modellieren sie Nägel, wo vorher Farbe unter die Haut gebracht wurde: In einem leer stehenden Tattoostudio im Rübekamp. Auch sie müssen Kunden wegschicken. „Einige Geräte funktionieren nicht mehr, Behandlungen wie Permanent-Make-Up und Laserbehandlungen können wir gar nicht mehr anbieten“, sagt Koparan. Zwei bis drei Monate sollen die Sanierungsarbeiten im alten Geschäft dauern. Ihnen seien Container für die Zwischenzeit angeboten worden. Aber Wohlfühl-Behandlungen in Kastenräumen? Koparan schüttelt den Kopf. Sie überlegen aktuell, ob sie überhaupt noch in ihr altes Geschäft wollen.

Doch es gibt auch positive Nachrichten: Die Betreiber des Kosmetikstudios haben gute Chancen, dass die Versicherung den Schaden übernimmt. Die Copy-Shop-Inhaber Peter Kasch und Claudia Wagner auch. Aber die Unsicherheit bleibt. „Ich habe jetzt schon Angst, was am Dienstag in drei Wochen passiert“, sagt Wagner.

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erstellt am 18.Mai.2017 | 16:06 Uhr

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