Handy-App „Ingress“ : Willkommen in der Zukunft!?

Auch auf dem Drosteiplatz in Pinneberg kämpfen die „Erleuchteten“ gegen den „Widerstand“: Um mitzumischen, sind lediglich ein Smartphone, eine kostenlose App sowie kompletter Realitätsverlust vonnöten.
Auch auf dem Drosteiplatz in Pinneberg kämpfen die „Erleuchteten“ gegen den „Widerstand“: Um mitzumischen, sind lediglich ein Smartphone, eine kostenlose App sowie kompletter Realitätsverlust vonnöten.

Die virtuelle Welt hinter der echten Fassade: Ein Test der Handy-App „Ingress“ – ein Selbstversuch.

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27. Juli 2014, 10:00 Uhr

Pinneberg | Bis vor einigen Tagen war mein Leben noch in Ordnung: „Ingress“ – diesen Namen hörte ich zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal. Ein Handy-Spiel, das jetzt auch für das iPhone verfügbar sei. So hatte es mir eine Bekannte gesagt. Ob ich sie für diese Information verdammen oder vergöttern werde, wird sich in der nächsten Zeit zeigen.

In ihrer Beschreibung tauchten Begriffe auf wie „Die Erleuchteten“, „Der Widerstand“ und „exotische Materie“. Das klang abstrus genug, mir die App zu laden. Keine Kosten, kein Risiko – so meine naive Annahme. Immerhin hatte ich schon in „Civilization“ mit den Azteken Alpha Centauri erreicht, hatte als Paladin den Dämon in „Diablo“ bezwungen sowie den Schwertmeister von „Monkey Island“ besiegt – und bekam ein schönes T-Shirt dafür. Doch jetzt ist alles anders.

In zahllosen Spielen bin ich durch unzählige – virtuelle – Welten geschlichen, gerannt und gesprungen. Doch jetzt muss ich runter vom Sofa und durch die reale Welt laufen. Also raus aus der Haustür, wo es Frischluft gibt, der Wind weht und die Vögel zwitschern. Und wo mich künftig reale Menschen mit ihren wahrscheinlich ungläubigen Blicken würdigen. Aber dazu später.

In „Ingress“ gibt es besagte zwei Fraktionen: die Erleuchteten in grün und der Widerstand in blau. Und es gibt Energie-Materie, die es einzusammeln gilt. Zu Fuß. Mit dem Handy in der Hand. Genau genommen ist das Spiel nichts anderes als Geocaching – nur eben für virtuelle Militaristen mit einem Hang zum Phantastischen.

GPS-geführt läuft man also durch seine Nachbarschaft und Meter für Meter füllt sich der Energiespeicher. Klingt bescheuert, ist es wahrscheinlich auch. Letztlich geht es darum, für seine Mannschaft Knotenpunkte, sogenannte Portale, zu erobern, damit sie in der jeweiligen Farbe schimmern. Auf dem Bildschirm sieht das schon ganz cool aus, an den Special Effects haben die Entwickler nicht gespart.

Eines dieser Portale ist auf dem Kinderspielplatz am Ahornweg an der Grenze zwischen Halstenbek und Schenefeld. Ich weiß nicht, wer es gesetzt hat – aber es leuchtet blau. Das muss sich ändern. Denn schließlich geht es ja bei dem Spiel um nichts anderes, als mal schnell die Welt zu erobern.

Und wenn dieser globale Feldzug für mich als Schenefelder in Halstenbek beginnen soll – meinetwegen. Zielsicher lenkt mich eine blecherne Stimme auf Englisch zu meinem Ziel. Noch 250 Meter in nordöstlicher Richtung. Gut, dass das Portal auf einem öffentlichen Gelände zu finden ist und nicht in irgendeinem Vorgarten. Die Begrüßung „Hallo, ich gehöre den Erleuchteten an und möchte gern in Ihrem Garten den Widerstand auslöschen“ würde wohl diverse Fragen meiner Nachbarn nach sich ziehen.

Auf dem Spielplatz angekommen, ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass ich das letzte Mal als Kind zum Spielen an diesem Ort war. Und jetzt bin ich wieder dort, aufs Handy starrend und laufe in der Gegend auf und ab, um den besten Punkt für meinen virtuellen Angriff zu finden. Es beschleicht mich der Gedanke, dass ich mich in den vergangenen 25 Jahren nicht sonderlich weiterentwickelt habe.

Den Angriff auf das gegnerische Portal verliere ich selbstverständlich. Wahrscheinlich ist es dem Umstand geschuldet, dass ich erst seit zehn Minuten spiele. Napoleon brauchte ja auch ein paar Jahre, bevor er Feldherr wurde. Doch das Spiel hat in mir etwas ausgelöst. Denn immerhin hat es dafür gesorgt, dass ich nach vielen Jahren mal wieder auf dem Spielplatz meiner Jugend stand.

Wenn also künftig noch mehr Menschen als jetzt schon durch die Gegend laufen und den Blick nicht vom Handy nehmen können sowie gelegentlich fluchen, dann könnte es an „Ingress“ liegen. Nicht, dass jetzt schon gefühlt 90 Prozent aller Jugendlichen genau dies machen würden – aber nun werden es eben noch ein paar mehr. Ob ich dazu gehören werde, weiß ich noch nicht. Denn jeder Euphorie des ersten Moments folgt für gewöhnlich die Ernüchterung und die Erkenntnis, wie realitätsfern so ein Spiel doch ist, das die virtuelle mit der realen Welt verknüpft.

Zumindest eines ist sicher: Verdammen werde ich meine Bekannte nicht. Denn selbst wenn ich realisiere, dass jede Minute, die ich in „Ingress“ investiert habe, verschwendete Lebenszeit war, so bleibt mir doch der Gedanke, wie ich das Portal am Ahornweg im Auge behalten werde: Gemütlich auf einer Bank sitzend und die anderen beobachtend, die mit ihren Handys in der Hand auf und ab gehen. Da lese ich doch lieber ein Buch. Huxleys „Schöne neue Welt“ beispielsweise...

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