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Kreis Pinneberg : Wilde Müllkippen mit Spätfolgen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Bis 2018 soll der Kreis die teils giftigen Abfall-Sünden der Vergangenheit unter Kontrolle haben. 349.000 Euro jährliche Kosten.

Kreis Pinneberg | Sie schlummern manchmal dort, wo heute grüne Wiesen oder Parkplatzflächen Idylle vermitteln. Aber auch diverse Menschen aus dem Kreis Pinneberg wohnen darauf: auf stillgelegten Abfalldeponien, Ablagerungen und verfüllten Kiesgruben. Derzeit sind dem Fachdienst Umwelt der Kreisverwaltung Pinneberg 311 Standorte von Altablagerungen bekannt – oftmals zwischen 1950 und 1970 als sogenannte wilde Müllkippen angelegt. Hinzu kommen 9111 Flächen ehemaliger Gewerbebetriebe wie Tankstellen, chemische Reinigungen, Gießereien oder der Metallverarbeitung. „Die Zahl der altlastverdächtigen Standorte wird weiter wachsen“, so Esther Kerk (Foto), Diplom-Geologin beim Fachdienst Umwelt des Kreises Pinneberg. „Es gibt ja immer noch Firmen aus dem letzten Jahrhundert, die heute stillgelegt werden“, fügt Einar Landschoof, Teamleiter Bodenschutz und Grundwasser des Fachdiensts Umwelt des Kreises Pinneberg, erklärend an. Seit den 1980er-Jahren seien die Vorschriften für den Umgang mit gefährlichen Stoffen in Industrie- und Gewerbeanlagen so streng, dass nur in Ausnahmefällen Umwelt- und Bodenschäden aufträten.

Der Fachdienst Umwelt sei an dem Thema dran, doch die Aufarbeitung dauere. Von den 9111 Flächen gewerblicher Altstandorte seien bisher noch 2074 keiner Erstbewertung unterzogen worden, so die Angaben Landschoofs. Sieben gelten als Altlast. Das heißt: Gefahren für Gesundheit und Umwelt können von ihnen ausgehen. 602 gelten als altlastverdächtig. Auch längst noch nicht alle 311 Altablagerungen – die ehemaligen Deponien – sind genau auf mögliche Gefahren untersucht worden. Eine ist als Altlast eingestuft worden, 249 als altlastverdächtig. Untersuchungen nach Bodenschutzrecht stehen noch aus. Diese sollen bis 2018 erfolgen.

Diese Flächen müssen begutachtet, eventuell auch saniert und anschließend regelmäßig überprüft werden. Kosten von 349.000 Euro fielen dafür laut Landschoof 2014 für den Kreis an. Das Land schoss 121.000 Euro zu. „So in etwa sieht die Rechnung jedes Jahr aus“, erläutert Landschoof. Geplant sei, das Projekt der Altlaststandortbearbeitung im Jahr 2018 abzuschließen, sagt Landschoof. „Dann werden die jährlichen Kosten geringer werden.“

Eine Zeitplanung sei in Zusammenarbeit mit dem Landesumweltministerium erstellt worden. Mit dem Tempo der Aufarbeitung zeigt sich Landschoof zufrieden. Sieben Mitarbeiter seien damit in der Kreisverwaltung beschäftigt. In Schleswig-Holstein liege der Kreis Pinneberg im Vergleich zu anderen Kreisen in der Aufarbeitung weit vorn.

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„Ehemalige Müllkippen sind insbesondere im
südlichen Kreisgebiet zu finden – im Speckgürtel von Hamburg.“

Esther Kerk
Fachdienst Umwelt
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Auf die Frage, ob die Problematik der Altlasten ernst genug genommen werde, sagt Landschoof: „Eine allgemein gültige Aussage lässt sich nicht dazu treffen. Im Bereich der Politik, besonders bei den Umweltministern des Bundes und der Länder haben der Bodenschutz und die Altlastenbearbeitung die entsprechende Bedeutung. Insgesamt ist es aber so, dass der gesetzliche Bodenschutz im Vergleich mit den übrigen Bereich des Umweltschutzes der jüngste Bereich ist und daher noch etwas Aufholbedarf hat.“

„Ende der 1980er-Jahre haben Gemeinden angefangen, die Müllkippen zu melden“, erläutert Landschoof. Der Kreis habe nach Vorgaben des Landesumweltministeriums Umfragen unter den Gemeinden gestartet. „Ehemalige Müllkippen sind insbesondere im südlichen Kreisgebiet zu finden – im Speckgürtel von Hamburg“, sagt Kerk. Doch auch heute werden altlastverdächtige Flächen immer wieder entdeckt, wie Landschoof bestätigt. Zuletzt sei 2013 eine wilde Mülldeponie in Klein Nordende aufgefunden worden. „Als man das Baugebiet erschlossen hat, ist man auf den Müll gestoßen.“

Auf vielen altlastenverdächtigen Standorten von stillgelegten Müllkippen seien inzwischen Parkplätze oder Pferdewiesen zu finden. „Als die Müllkippen noch zu sehen waren, haben sich alle darüber aufgeregt. Jetzt, wo sie abgedeckt sind, nimmt man es nicht mehr wahr“, sagt Landschoof. Doch der Müll liege immer noch unter unserem Lebensalltag begraben. „Die bekannten Altablagerungen sind in der Regel mit unbelastetem Boden abgedeckt.“ Er verdeutlicht: „Hier ist keine Altablagerung bekannt, auf der Nahrungsmittel angebaut werden.“ Doch beispielsweise in Pinneberg seien alte Deponien wie die beim Hogenkamp Anfang der 1960er Jahre mit Wohnhäusern bebaut worden.

Altstandort ehemalige Schlickum-Werke in Barmstedts Zentrum 2005: Ein Teil der Gebäude ist erhalten und saniert worden und beherbergt heute ein Restaurant.
Altstandort ehemalige Schlickum-Werke in Barmstedts Zentrum 2005: Ein Teil der Gebäude ist erhalten und saniert worden und beherbergt heute ein Restaurant.
 

Das Umweltbewusstsein sei seither deutlich gewachsen. Die Mitarbeiter des Fachdienstes Umwelt beantworten immer wieder Fragen von Grundstückseigentümern oder Maklern zu Sünden der Vergangenheit im Untergrund. „In den 1950er- und 1960er-Jahren gab es den Boom beim Wegwerfen und Bauen“, so Kerk. „Die Anfragen nehmen ständig zu.“ Gab es im Jahr 2005 noch 46 Anfragen zu 74 Grundstücken, waren es 2014 bereits 244 Anfragen zu 388 Grundstücken. „Natürlich haben wir auch mit unzufriedenen Menschen zu tun, die erfahren, dass ihre Grundstücke nicht ganz frei von Problemen sind“, so Kerk. Oft gebe es Auflagen wie den Keller zu lüften. Natürlich sei es schwierig, wenn das Haus auf einem belasteten Grundstück als Altersvorsorge gedacht gewesen sei.

Seit den 1980er-Jahren seien keine Wohnhäuser mehr auf Altablagerungen gebaut worden, sagt Landschoof. Wenn, dann nur mit Auflagen wie eine Gas-Drainage einzubauen, Dichtungsfolie zu verwenden oder einen Bodenaustausch vorzunehmen. Mit entsprechenden Baumaßnahmen könne man auf den Altablagerungen bauen, so Landschoof. „Wir wollen es nicht verharmlosen, aber es ist möglich“, sagt Kerk. Die Baumaßnahmen seien oft so teuer, dass es sich nicht lohne, so Landschoof. Er rät, sich vor einem Hauskauf- oder bau beim Fachdienst nach Altablagerungen auf dem Grundstück zu erkundigen und sich zu informieren, ob das Haus auf einem früheren Gewerbegebiet stehe.

Das Boden- und Altlasteninfosystem (ALTIS) des Kreises Pinneberg soll laut Landschoof bis 2017 auf einen aktuellen Stand gebracht werden. „Dennoch können Investoren, Bauherren und Grundstückseigentümer, Käufer und Verkäufer verlässliche Informationen erhalten. Wenn wir eine Anfrage zu einem Grundstück bekommen, das noch nicht bewertet wurde, wird dies in der Bearbeitung vorgezogen und die Anfrage beantwortet.“ Doch er verdeutlicht: „Es ist nicht auszuschließen, dass es Flächen gibt, die schädliche Bodenverunreinigungen beinhalten oder illegale Ablagerungen, von denen die untere Bodenschutzbehörde keine Kenntnis hat.“

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erstellt am 07.Okt.2015 | 10:03 Uhr

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