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Nach der Öffnung der Gasnetze : Wie Stadtwerke aus dem Kreis Pinneberg zum Pionier auf dem freien Gasmarkt wurden

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Stadtwerke Barmstedt gehören zu den ersten Regional-Unternehmen mit überregionaler Energieversorgung.

shz.de von
erstellt am 12.Jun.2017 | 10:00 Uhr

Barmstedt | Den Gaslieferanten wechseln wie den Strom- oder Internetanbieter? Seit zehn Jahren ist das möglich. Zu den Pionieren in Schleswig-Holstein gehörten damals die Stadtwerke Barmstedt (STB). Das Gasgeschäft ist inzwischen ein wichtiges Standbein des Versorgers. „Es ist irre, was sich in den vergangenen Jahren getan hat. Aber der Einstieg ins überregionale Gasgeschäft damals war gewagt“, sagt Stadtwerke-Geschäftsführer Fred Freyermuth rückblickend.

Die Liberalisierung der Energiemärkte reicht weit zurück. Energienetze, Stromleitungen und Gaspipelines etwa begründen sogenannte natürliche Monopole. Schließlich wäre es ökonomischer und ökologischer Unsinn, wenn zwei verschiedene Investoren für ein und dieselbe Verbindung zwei parallellaufende Strom- oder Gasleitungen legen würden. Bereits 1998 wollte die EU trotzdem mehr Wettbewerb. Die Monopolisten wurden verpflichtet, auch Strom- und Gas anderer Energielieferanten durch ihre Netze zu leiten. Den Stromanbieter zu wechseln, ist heute nicht ungewöhnlich. Die Öffnung der Gasnetze dümpelte lange vor sich hin. Die Übertragung der EU-Vorgaben in deutsches Recht verlief schleppend. Erst 2006 setzte das Kartellamt die Öffnung der Gasnetze durch. Seit dem Oktober 2006 konnten Großkunden den Anbieter wechseln – und seit dem 1. April 2007 auch Privatkunden.

„Wir mussten reagieren. Denn im Stromgeschäft haben wir beobachtet, dass uns Filialbetriebe den Rücken gekehrt haben“, sagt Freyermuth. Die Einkaufspolitik der Filialisten, also etwa der großen Discounter, wurde nicht in Barmstedt, sondern in den jeweiligen Konzernzentralen gesteuert. „Wir haben enormen Druck gespürt. Damals hieß es: Von 800 Stadtwerken werden keine 100 überleben. Wir wollten also vorn mit dabei sein, um außerhalb von Barmstedt neue Kunden zu gewinnen, mit denen wir den drohenden Verlust alter Kunden ausgleichen können.“

Den Stadtwerken kamen zwei Dinge zugute: Ein langfristiger Liefervertrag mit Eon Hanse lief aus. Gleichzeitig wollte der dänische Gaslieferant Dong Energy den Zugang zum deutschen Markt. „Die Dänen haben uns ein super Angebot gemacht. Da konnten wir gar nicht Nein sagen“, erinnert sich Freyermuth. Erster Großkunde war das Klärwerk in Hetlingen – das größte Schleswig-Holsteins. Abnahmemenge: etwa 1,3 Millionen Kilowattstunden pro Jahr. Das war ein Coup, der durch die Medien ging. „Wir haben die Aufmerksamkeit für unser neues Privatkundengeschäft genutzt“, sagt Freyermuth. „Wir waren außerhalb der alten Monopole das erste Unternehmen in Norddeutschland, das überregional Gas verkauft hat“, sagt der Stadtwerkechef. In wenigen Monaten seien fast 200 neue Haushaltskunden hinzugekommen. „IT-Probleme bei Eon Hanse haben das begünstigt. Die Kunden dort waren unzufrieden.“

Der Nachteil des Pioniers: Viele Abläufe waren „mit heißer Nadel gestrickt“, wie Freyermuth sagt. Ursprünglich musste sich der Versorger etwa mit seinen Abrechnungen nach den Netzbetreibern richten. „Gewerbekunden wollen aber eine Abrechnung zum Jahresende, und nicht dann, wenn es den Netzbetreibern passt. Das mussten wir bei der Aufsichtsbehörde, der Bundesnetzagentur, erstmal anleiern.“ Dass die Stadtwerke Vertriebs- und Verwaltungsabläufe entwickeln mussten, ist heute ein Bonus. „Inzwischen sind wir auch Dienstleister für andere Stadtwerke, die Gas verkaufen.“

Ohne Risiko war der Einstieg in das neue Geschäft nicht. „Die Monopolisten hätten bloß die Portokasse aufmachen müssen, um die Kleinen mit Sonderangeboten plattzumachen“, sagt Freyermuth. Die Stadtwerke schmiedeten Allianzen mit anderen Regionalversorgern, um weniger exponiert für Angriffe der Großen zu sein. Doch können die Stadtwerke immer noch mit niedrigen Preisen punkten? „Was die absoluten Preise angeht, sind wir gut aufgestellt“, sagt Freyermuth. Wer jedoch etwa bei dem Vergleichsportal Verivox sucht, stößt nicht auf die Stadtwerke. „Die Portale sind ein Problem. Auf dem Markt sind Handelsunternehmen aktiv, die sich Rankingplätze erkaufen. Die günstigsten Anbieter landen dort nicht zwangsläufig auf den vorderen Plätzen.“ Außerdem versprächen die Stadtwerke keine Wechselboni. „Wir behandeln Neu- und Stammkunden gleich.“

Im Geschäft ist noch Luft nach oben. Denn obwohl der Wechselwille der Menschen in Schleswig-Holstein laut Vetriebschefin Mareike Preuß größer ist als im Bundesdurchschnitt, nutzen viele Kunden die Alternativangebote noch nicht.

Kunden nutzen Wechselmöglichkeit nicht

Vor zehn Jahren packte das Bundeskartellamt die Keule gegen die deutschen Gasversorger aus: Nach drastischen Preiserhöhungen bestehe der Verdacht des Marktmissbrauchs, schrieb die Behörde im Februar 2006 an sieben Große der Branche. Die Unternehmen mussten den Verbrauchern zum 1. April 2006 die Möglichkeit zum Anbieterwechsel einräumen, die bis dahin außer bei Umzügen praktisch nicht bestanden hatte. Die Liberalisierung des deutschen Gasmarktes hatte begonnen. Zehn Jahre danach ist der Markt deutlich gewachsen, es gibt inzwischen mehr als 900 Gasanbieter. Doch am Problem des geringen Wettbewerbsdrucks hat sich eher wenig geändert. Nicht einmal jeder zehnte Gaskunde nutzte nach der jüngsten Erhebung von Bundeskartellamt und Bundesnetzagentur 2014 die Möglichkeit zum Anbieterwechsel – und damit in vielen Fällen eine Chance zum Geldsparen. Rechnet man die Umzüge heraus, ist die Netto-Zahl der Anbieterwechsel mit rund 805.000 im Vorjahresvergleich sogar rückläufig.

Fast jeder vierte deutsche Gaskunde ist laut der Erhebung nach wie vor im besonders teuren Grundversorgungsvertrag, weniger als ein Fünftel werden von einem anderen als dem örtlichen Grundversorger beliefert. Und das, obwohl sich in den zehn Jahren die Preisunterschiede vervielfacht haben. Lag der Unterschied zwischen dem teuersten und dem günstigsten Angebot 2006 noch bei nur etwa 60 Euro für den Durchschnittshaushalt, so beträgt er aktuell laut dem Vergleichsportal Verivox in der Spitze mehr als 600 Euro im Jahr. Bis zu 1468 Euro sind 2016 im Grundversorgungstarif zu zahlen, 849 Euro verlangt der günstigste Anbieter inklusive Wechselbonus.

Heute sind laut Bundeskartellamt in den meisten Gebieten  mehr als 50 konkurrierende Gasanbieter aktiv. Das könnte deutlich mehr Druck auf die Preise ausüben – wenn die Verbraucher ihn nur nutzen würden. „Wir haben auf anderen Märkten gesehen, dass der Preisdruck auf Anbieter wächst, wenn viele Verbraucher bewusst von ihren Auswahlmöglichkeiten Gebrauch machen“, sagt Kartellamtschef Andreas Mundt auf Anfrage der Nachrichtenagentur DPA im Februar. „Die örtlichen Grundversorger senken selten ihre Preise, weil immer noch verhältnismäßig wenig Kunden wechseln“, kritisiert die Grünen-Umweltpolitikerin Bärbel Höhn. Die Anbieter profitieren. 1,3 Milliarden Euro hätten die Gasversorger 2015 zusätzlich eingenommen, weil sie stark gesunkene Beschaffungskosten nicht an Haushaltskunden weitergegeben hätten, stellte der Hamburger Energieexperte Steffen Bukold in einer Studie fest. Im Mittel seien jedem Haushalt damit 132 Euro Ersparnis entgangen.

(mit dpa)

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