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Thema der Woche: 25 Jahre Mauerfall : Wie Maritta Henke aus Wedel die Ausreise aus der DDR gelang

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Vor allem die schlechten Lebensbedingungen ließen sie am System zweifeln.

shz.de von
erstellt am 04.Nov.2014 | 12:00 Uhr

Kreis Pinneberg | „Ich habe mit meiner Mutter mit offenem Mund vor dem Fernseher die Ereignisse rund um den Mauerfall in Berlin verfolgt“, erinnert sich Maritta Henke. Ihre Mutter war im Herbst des Jahres 1989 zu Besuch in Wedel und wollte ihren Sohn begrüßen, der in der Wendephase die Erlaubnis zur Ausreise aus der DDR erhalten hatte. Zwei Tage nach dem Mauerfall kam er in der Rolandstadt an. Henke lebte damals schon seit vier Jahre in Wedel.

„Ende der 1970er Jahre hatten wir noch gedacht, es kann alles nicht so schlimm sein, dass wir unsere Heimat verlassen“, erzählt die studierte Mathematikerin, die gemeinsam mit ihrem Mann Rainer und zwei Kindern in Dresden lebte – im „Tal der Ahnungslosen“, da dort kein West-Fernsehen zu empfangen war. „Unsere Verwandten aus der Bundesrepublik, die uns jedes Jahr besuchten, sahen wohl und ausgeglichen aus – das konnte nicht alles schlecht sein“, sagt sie. Das widersprach dem Bild, das von der Propagandamaschine der DDR verbreitet wurde. Dort war nur von Kinderfeindlichkeit und Arbeitslosigkeit in der BRD die Rede.

Vor allem die schlechten Lebensbedingungen ließen sie am System zweifeln. Die letzten drei Jahre vor der Ausreise lebte Henke mit ihrer Familie am Stadtrand von Dresden. Innerhalb kürzester Zeit wurden dort 10.000 Menschen angesiedelt. „In unserem Haus wohnten viele Familien mit insgesamt 15 Kindern“, erinnert sie sich und ergänzt: „Das war in allen Häusern in der Umgebung ähnlich.“ Dennoch habe es zweieinhalb Jahre gedauert, bis ein Spielplatz für die Kinder gebaut worden sei. Mit einer Rutsche, einer Schaukel und einem Klettergerüst. „Das waren maximal 25 Quadratmeter“, berichtet Henke.

Offiziell habe sie mit 18 Jahren das Recht gehabt zu wählen, doch nur theoretisch: „Es gab zwar in der Ecke eine halboffene Wahlkabine, aber wir waren genötigt, sie nicht zu benutzen, denn dann wäre klar gewesen, dass man gegen die bestehende Regierung gestimmt hatte“, so die heutige Wedelerin. Die Wahlzettel sollten einfach gefaltet und in eine Urne geworfen werden. Daher blieb ihre erste auch ihre letzte Wahl. Verwundert sei sie nur, dass die Nichtteilnahme keine Konsequenzen nach sich zog.

„Die Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit in der DDR belastete uns immer mehr“, erläutert die 61-Jährige den damaligen Wunsch, in die Bundesrepublik zu kommen. Vor allem beim Besuch der Verwandten aus Österreich und Deutschland zu Ostern habe sie festgestellt, dass diese viel gesünder und wohler aussahen. „Wir sahen dagegen grau aus und fühlten uns bedrückt und unsicher“, sagt Henke. Im Juni 1984 dann der Entschluss: einen Ausreiseantrag stellen. Doch mit welcher Begründung?

„Wir haben nie das System an sich kritisiert“, stellt Henke klar. Viel zu groß sei die Angst vor Repressalien gegen die Familie und vor allem die Kinder gewesen. Gemeinsam mit ihrem Mann berief sie sich auf die Genfer Konventionen, die auch von der DDR unterzeichnet worden war. „Da uns nicht erlaubt war, ins nichtsozialistische Ausland zu reisen, wollten wir die DDR ganz verlassen“, begründeten die Henkes ihren Antrag, den sie an das Bezirksamt Dresden, das Zentralkomitee der SED, den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker und das Ministerium für Innere Angelegenheiten sendeten. Der zweite Antrag folgte im Juli. Der dritte im August. So ging es weiter. „Nur im November und Dezember waren wir müde “, erinnert sich Henke. Im Januar 1985 der nächste Versuch.

„Vorbeugungsgespräch mit dem Ersuchenden auf Wohnsitzänderung Rainer Henke“, stand im Februar desselben Jahres auf der Vorladung zu einem Gesprächstermin. Dort wurde das Ehepaar aufgefordert, keine weiteren Maßnahmen zu ergreifen. Binnen sechs Monaten sollte ein endgültiger Bescheid über die Ausreise erfolgen.

Abenteuerliche Ausreise

Wieder hieß es warten. Nichts passierte. Bis zum 17. Juni. „Ein Mann stand am Montagmorgen vor der Tür und teilte mir mit, dass wir am Dienstagabend ausreisen müssten“, erinnert sich Henke. Um 22.51 Uhr sollte der Zug fahren. Zu dem Termin überbrachte er einen Laufzettel, der abgearbeitet werden musste. „Der Laufzettel war der Hammer“, entrüstet sich die Wedelerin noch heute. Sie und ihr Mann sollten Banken, von denen sie zum Teil noch nie gehört hatten, das Elektrizitätswerk, den Vermieter, das Centrumwarenhaus und andere Einrichtungen abklappern, um sich bescheinigen zu lassen, dass sie dort keine Schulden hätten. Zudem sollten sie am Folgetag neue Passbilder vorlegen. „Das war eigentlich unmöglich, denn Passbilder dauerten normalerweise eine Woche“, sagt Henke. Automaten wie im Westen gab es nicht. Sie haben einen Fotografen quasi angebettelt, um die Fotos doch am Ausreisetag zu erhalten. „Das hatte Methode. Auf diese Weise waren wir die letzten Stunden voll beschäftigt und hatten keine Zeit, mit anderen zu sprechen oder eine Abschiedsfeier zu geben.“

Am Dienstag holte die Familie die letzten Unterschriften ein. Dann lieferten sie den Laufzettel im Gerichtsgebäude ab. Die Personalausweise wurden eingezogen und die Identitätsbescheinigungen ausgehändigt, die die „Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR“ bestätigten.

Mit sieben Koffern bestieg die Familie am Abend den Zug. Die Stimmung darin sei bedrückend gewesen. „Die Angst, dass etwas schief geht, hatte ich bis zuletzt“, erinnert sich Henke. Sie habe die Furcht körperlich gespürt. Gegen drei Uhr erreichte die Bahn die Grenze. Mit Hunden und Taschenlampen patrouillierten Grenzbeamte durch den Zug. Niemand sagte etwas. Dann kam eine Rotkreuz-Schwester an den Zug und sammelte mit einer Dose das letzte Kleingeld aus der DDR ein. Eine Stunde später setzte sich der Zug wieder in Bewegung. „Plötzlich war Leben im Zug“, beschreibt Henke und ergänzt: „Die immense innere Anspannung ist abgefallen, als der Zug den letzten Kontrollpunkt passierte.“

In den frühen Morgenstunden erreichte die Familie nach einem Umstieg in Fulda Gießen. „Dort hatten wir einen Aha-Effekt“, sagt Henke. Niemand wartete auf die Familie. Niemand sagte, wohin sie gehen müssten. „Da war uns klar: Wir sind in der Freiheit angekommen.“ Gemeinsam schlenderte die Familie zum Auffanglager. „Das war wie ein Sonntagsspaziergang.“

Der Neustart in Wedel

Im Lager sei es damit vorbei gewesen. Sie wurden von einem Beamten zum nächsten geschickt. Die Frage, wo ihr Mann mit seinem Beruf am leichtesten eine Arbeit finden könnte, wurde dabei nicht beantwortet. Allerdings riefen die Beamten vor Ort hinter dem Rücken der Familie eine ehemalige Studienkollegin von Henke in Wedel an. Diese erklärte sich sofort bereit, die Familie aufzunehmen. „So sind wir in Wedel gelandet – und uns gefällt es hier“, sagt Henke.

Ihr Mann fand zwei Monate später eine Anstellung bei TWK Sensorik in Wedel, wo er bis heute als Leiter der Entwicklung tätig ist. Maritta Henke blieb als Hausfrau zu Hause und gab jahrelang Mathematiknachhilfe. Zudem stand und steht Ehrenamt im Vordergrund: Kinderkirche, Erzählwerkstatt, Besuchsdienst und Kreativkreis des Freiwilligenforums, Zeitzeugenbörse und Meditationskreis. Überall ist Henke aktiv. Sie sagt schmunzelnd: „Mittlerweile ist das Vollzeit.“

Weihnachten 1989 reisten die Henkes erstmals wieder in die DDR. An der Grenze habe man bis Mitternacht gewartet. Am 24. Dezember 1989 entfielen Visa und Aufenthaltsgenehmigung für die Einreise. Henke schmunzelt und sagt: „Das war uns ein inneres Bedürfnis, ohne Genehmigung einzureisen.“

Am Sonnabend, 8. November, liegt Ihrer Tageszeitung ein 64-seitiges Sondermagazin zum Mauerfall-Jubiläum bei, das in Zusammenarbeit mit dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (sh:z) und dem medienhaus:nord, unter anderem Herausgeber der Schweriner Volkszeitung, entstanden ist.
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