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Zweiter Weltkrieg : „Wie Du ersiehst, lebe ich noch“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Am 1. September 1939 hat der Zweite Weltkrieg begonnen. Anlässlich dieses Jahrestags erinnert sich Joachim Heyland aus Heidgraben an die Kriegsjahre. - Die Redaktion fragt: Wer erinnert sich noch an die schwarze Zeit?

Heidgraben | „Meine Mutter, wie du aus der Karte  ersiehst, lebe ich noch.“ Es war die erste Karte – datiert vom 31. Januar 1946 – aus der Kriegsgefangenschaft. Sie brachte nach eineinhalb Jahren die Gewissheit für die Familie, dass Joachim Heyland noch lebte.

Kurz nachdem der NS-Staat am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen hatte, meldete sich der heute 93-Jährige nach dem Abitur zum Militärdienst. Erst 1948 hat der Spuk des Krieges für den  Heidgrabener mit der Entlassung aus der Gefangenschaft ein Ende. „Ich bin als Kranker wiedergekommen“, sagt der ehemalige Leiter der Grundschulen in Moorrege und Heidgraben. Bei 1,81 Metern Körpergröße wog er gerade einmal 50 Kilogramm.

1992 hat Heyland seine Erlebnisse aufgeschrieben. Der dicke Ordner fasst  Dokumente und Erinnerungsstücke wie die zahlreichen Postkarten aus der Kriegsgefangenschaft und 150 eng und beidseitig beschriebene Blatt Papier.  „Ich habe immer gehört, wenn man's aufschreibt, wird man's los – ich werde es nicht los“, sagt Heyland. Vor zwei Jahren hatte er einen Traum: Er, über 90 Jahre alt, erhält erneut den Gestellungsbefehl und muss zurück in Kriegsgefangenschaft. Jedes halbe Jahr hat er das Bedürfnis seine Aufzeichnungen zu lesen.

„Vater, mich ziehen die sowieso ein“, habe der 18-Jährige zu seinem Vater Fritz Heyland gesagt. Wenn er sich gleich bereit erklärt, ist der Einsatz in einer risikoärmeren Truppengattung möglich, so seine damalige Überlegung. Und tatsächlich: In der Einzugsstelle traf er seinen ehemaligen Französisch-Lehrer, der  „Machen wir!“ sagte, als Heyland in eine reine Funkkompanie wollte. Im November 1939 wurde Heyland eingezogen.

Ob er kriegsüberzeugt war? Inbrünstig schüttelt Heyland den Kopf: „Nee!“  „Vater, du hast ja auch mitgemischt“, sagte ihm sein in der Schweiz als Diplomphysiker tätiger Sohn vor wenigen Jahren. In die Hitlerjugend sei er gegangen, weil er studieren wollte, antwortete der Vater. Und Wehrdienstverweigerung? „Ich wäre ins Ausland gegangen“, habe der Sohn gesagt. „Das verstehe ich, aber damals war das anders“, habe der Vater geantwortet. Über die Grenze hätte er es nicht geschafft, ohne erwischt zu werden, sei sich Heyland sicher. Verweigerer habe es damals nicht gegeben.

 In seiner schlesischen Heimat Neudorf habe es, der Grenze ferner, ohnehin wenig anti-polnisches Ressentiment gegeben, so Heyland. Bloß von einem entfernten Juden habe er gewusst. Was aus ihm geworden ist, wisse er nicht. Neudorf, ein Tal im Riesengebirge, sei damals wie jedes schlesische Dorf ein eigenes Königreich gewesen. Handwerker und Bauern versorgten sich gegenseitig. Für NS-Propaganda, so Heyland, seien sie wenig empfänglich gewesen.

Die Familie lebte in der Dorfschule. Sein Vater: Dorflehrer und Kantor, wie bereits Großvater Bruno. Nach dem Krieg ist Heyland der Familientradition gefolgt. In Heist war er Lehrer, in Heidgraben und Moorrege Schulleiter. Wenn Heyland von Neudorf und seiner Jugend erzählt, spricht daraus Liebe. „Zuhause ist zuhause. Ich könnte heute noch jeden Bauernhof benennen“, sagt er. An der Wand seines Wohnzimmers hängt ein Foto von der schlesischen Schule, die sein Elternhaus war.

Eine andere  Fotografie zu sehen, tue ihm weh: Sie zeigt ein großes Loch im Erdreich, das Resultat des Abrisses Jahre später, nachdem die Deutschen bereits vertrieben waren.

„Ich habe immer gehört, wenn man's aufschreibt, wird man's los – ich werde es nicht los.“

Zunächst nahm Heyland am Frankreichfeldzug teil, mit seinem Trupp der Luftwaffe unterstellt, und machte sich gut als Funker. „Ich wollte lernen“, sagt er. Wenn er von den Erlebnissen der Tätigkeit spricht, blitzen seine Augen. Mann kann ahnen, dass Krieg da für den jungen Mann noch ein bisschen forderndes Abenteuer war. Er ging bis 1942 auf die Kriegsschule ins Paris Fontainebleau und von da an als Leutnant und jüngster Offizier immer nach Russland. Dreimal wurde er dort verwundet, im Januar 1943 so schwer, dass er ein halbes Jahr in einem Krankenhaus an der Mosel lag.

Bei einem Treffen in den 1980er-Jahren erzählten ihm ehemalige Schüler, was sie über ihn gesagt hatten, wenn er schlechte Laune hatte: „Sein Splitter wandert wieder.“ Der musste nach der Operation im Körper bleiben. Nur knapp entkam Heyland mit einem Major einem Granateneinschlag. „Wir hatten Sie schon abgeschrieben“, habe man im Lazarett gesagt.

Aber erst mit der Kriegsgefangenschaft begannen die Erlebnisse, die sich bei Heyland besonders belastend eingeprägt zu haben scheinen. Ob er die Gräueltaten des Krieges, den Holocaust, miterlebt habe? Heylands Mine wird ernst. Energisch schüttelt er den Kopf. „Mein älterer Bruder und ich  haben von den Judenverfolgungen nichts mitbekommen“, sagt Heyland. Auch Kriegsverbrechen wie Erschießungen – auf  deutscher oder russischer Seite – habe er nicht miterlebt. Geschossen habe er nur auf einen Soldaten. „Heyland kann hingehen“, hieß es stets, wenn die Älteren die Gefahr scheuten und den jüngsten Offizier losschickten. So bekam er kurzzeitig plötzlich eine Kompanie. Beim Absetzen tauchte unvermittelt ein russischer Soldat vor ihm auf. Heyland schoss. Ob er ihn getroffen hat, wisse er nicht.

An seine Gefangennahme kann sich Heyland genau erinnern: Moldawien, 28. Juli 1944, 12.45 Uhr. Er sah auf die Konfirmationsuhr, als es passierte, weil er wusste: „Die werde ich gleich los.“ Es dauerte eine halbe Stunde. Auch seine Offiziersstiefel war er schnell los – im Gegenzug bekam er aber die des Gegenübers, die er zwei Jahre trug. „Der hatte wohl eine Empfindung für mich“, sagt Heyland, „das sind Einzeldinge, die sich eingeprägt haben, die man nie vergisst – wo sich Menschlichkeit und auch Unmenschlichkeit gezeigt haben.“ In Viehwaggons mit drei Bretterlagen ging es liegend geschätzte drei Wochen tief in den Osten nach Kasan und per Schiff weiter nach Jelabuga, zwischen Moskau und Ural. Während der Fahrt habe Heyland Malaria und vermutlich eine Lungenentzündung gehabt. Er verkroch sich wie eine Katze in eine Ecke. Die im Abteil verscharrten Toten gehörten zu seinen schrecklichsten Erinnerungen. Wie auch die toten Gefangenen, die gefroren in einem Schuppen gestapelt lagen, weil sie wegen tiefen Bodenfrosts nicht vergraben werden konnten.

„Der Hunger war allgegenwärtig. Wir sind ihn die ganzen vier Jahre nicht losgeworden.“

Vorm Ural warteten reine Offizierslager auf Heyland – mit Deutschen aus Stalingrad, aber auch Ungarn, Italienern und im Herbst 1945 Japanern.  Bis Kriegsende musste nicht gearbeitet werden. Für die Eigenversorgung stand in den Bergwäldern aber Holzfällen auf der Tagesordnung. Der Hunger war allgegenwärtig. „Wir sind ihn die ganzen vier Jahre nicht losgeworden. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel“, erinnert sich Heyland. Die 300 Gramm Brot morgens  und abends waren zum Teil völlig durchnässt. Mittags gab es Wassersuppe mit Brennnesseln. „Bei Grießbrei waren wir heilfroh“, sagt Heyland.

Später mussten die Gefangenen jahrzehntelang unbearbeiteten Böden Kartoffeln abtrotzen. Heylands Karten nach Hause sind zahlreich. Was darin steht, will er für sich behalten. „Ich schäme mich für das, was ich geschrieben habe. Man denkt nur ans Essen, wenn man dauernd Hunger hat“, sagt Heyland. In manchen Zeiten seien viele gestorben. Bessere Bedingungen durchzusetzen, sei schwer gewesen, da einige die  heimlich kooperiert hätten. „Es gab nur Misstrauen“, sagt Heyland. Bei den japanischen Offizieren sei das anders gewesen. Nur einmal habe er erlebt, dass man sich gegen einen Lagerleiter  durchsetzen konnte, weil die Temperatur unter minus 35 Grad Celsius gefallen war. Ein deutscher Arzt mit Kontakten habe gedroht, anklagende Briefe wegzuschicken, was ihm durch seine Beziehungen zur Bevölkerung möglich gewesen wäre. Der Leiter gab – einmalig – nach und die Arbeitstrupps mussten bei Eiseskälte nicht ausrücken.  

Nach dem Krieg seien die Russen vorsichtiger gewesen, sagt Heyland. Oft hat er die kleinen Lager gewechselt. Arbeit im Straßenbau oder Steinbruch war Pflicht. Ein Lager ist Heyland besonders unmenschlich in Erinnerung geblieben. Das Leben spielte sich dort auf den schmalen Holzpritschen ab. Von oben herunter springend musste Heyland gut zielen, um genau in die im Schlamm der engen Gänge steckenden Schuhe zu springen. Fluchtversuche habe es dennoch selten gegeben. Sich über tausende Kilometer durchschlagen zu können: aussichtslos.

Die Freilassung kam plötzlich. Keiner wusste Bescheid, als man schon die deutsche Grenze passierte. Frei habe sich der ausgemergelte Heyland erst gefühlt, als er in Berlin an einem Sowjet-Major an der Schranke vorbeiging. Dann bekam er an einer Bude von einem Engländer ein Sandwich. 

Die Familie verschlug Heyland schließlich nach Schleswig-Holstein. Seine 2007 verstorbene Frau Hanna hat er in Oldenburg im Krankenhaus kennengelernt – die Malaria hatte ihn ausgebremst. Wenn er nach dem Krieg gekonnt hätte, wäre Heyland ins schlesische Neudorf zurückgegangen. Auch später  noch, wenn die Umstände andere gewesen wären. Stattdessen ist Heyland seinem älteren Bruder Albrecht in den Kreis Pinneberg gefolgt. Heute noch spielen der Heidgrabener und der Klein Nordender wöchentlich zusammen Schach.

Albrecht Heyland hatte relatives Glück: Schon im Herbst 1945, als Bruder Joachims Überleben noch ungewiss war, konnte er in Flensburg studieren. In Groß Nordende war auch er später jahrelang Schulleiter. Bruder Siegfried Heyland war sogar bis November 1949 in polnischer Kriegsgefangenschaft. Der jüngste, Klaus-Dieter Heyland, hat den Krieg nicht überlebt. 19-jährig wurde der Pilot abgeschossen. Auch der Vater starb während des Kriegs. Im Februar 1944 versteckte er in Neudorf junge Mädchen in der Kirche – wegen der „schlechten Behandlung“ durch die Besatzer, wie sie kryptisch sagten. Heyland vermute, dass Vergewaltigungen gemeint seien. Der Vater wurde erschossen,  nachdem er den Mädchen Essen brachte. Mutter Elfriede floh 1946 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Der neue polnische Dorflehrer war deutsch-freundlich und ermöglichte ihr durch  Warnung die Flucht.

 

Gesucht: Ihre Geschichten, Erinnerungen, Fotos und Dokumente

Der Zweite Weltkrieg: Vielen Lesern dieser Zeitung sind die Jahre zwischen 1939 und 1945 – und auch die Jahre danach –  noch gut in Erinnerung. Junge Männer, die an der Front im Einsatz waren. Daheimgebliebene, die sehnsüchtig auf die Heimkehr von Söhnen und Ehemännern warteten. Kinder, für die der Krieg lange Zeit weit weg war.

Der Zweite Weltkrieg: Das ist für viele Männer und Frauen im Kreis Pinneberg auch Flucht und Vertreibung aus ihrer Heimat. Für andere – wie für Joachim Heyland, dessen Erinnerungen diese Zeitung auf dieser Seite wiedergibt – auch das Leid in der Kriegsgefangenschaft.

Anlässlich des Jahrestags des Beginns des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 möchte diese Zeitung den zweiten Weltkrieg im Kreis Pinneberg mit den Erfahrungen der Leser dokumentieren. Subjektiv aus der Sicht der Menschen und ihrer Erfahrungen. Dazu sind die Leser aufgerufen ihre Erinnerungen aufzuschreiben und der Redaktion zuzusenden. Gesucht werden auch alte Fotos aus der Zeit, Feldpost, Postkarten und Briefe aus der Gefangenschaft sowie andere Dokumente, die das Leben der Menschen, die heute im Kreis Pinneberg leben, während des Zweiten Weltkriegs widerspiegeln.

Diese senden Sie bitte per E-Mail mit dem Betreff „Zweiter Weltkrieg“ an redaktion@a-beig.de oder per Post an Pinneberger Tageblatt, Regionalredaktion, Damm 9-19, 25421 Pinneberg.

Die Dokumente senden Sie am Besten in digitaler Form an die Redaktion. Sollte dies nicht möglich sein, schicken Sie bitte keine Originaldokumente, sondern Kopien. Gegebenenfalls wird sich die Redaktion mit den Einsendern in Verbindung setzen, um druckfähige Daten herzustellen.

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erstellt am 05.Aug.2014 | 16:00 Uhr

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