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„Die Qualität muss stimmen“ : Wie der Nachwuchs heute tickt

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

KJR-Geschäftsfüher Ingo Waschkau spricht im Interview über Jugendliche, die heutzutage anders aufwachsen als ihre Eltern. Welche Rolle spielt für sie Familie und was können sie besser als Ältere?

Was beschäftigt Jugendliche? Wie wachsen Kinder heutzutage auf? Was unterscheidet junge Menschen von ihren Eltern? Und wer folgt eigentlich auf die Generation Z? Anlässlich des Familientags am 10. September hat shz.de mit KJR-Geschäftsfüher Ingo Waschkau über den den Nachwuchs gesprochen.

Die Generation Y misst Beruf und Karriere noch einen besonderen Stellenwert bei. Arbeit und Privates werden nicht strikt getrennt und der Chef kann auch nach Feierabend anrufen. Der Generation Z wird nun das Gegenteil nachgesagt: Arbeit ist nur ein Mittel zum Zweck, um Punkt 17 Uhr fällt der Stift. Woher kommt diese Entwicklung?
Ingo Waschkau: Es wird den Generationen nachgesagt, aber ist das wirklich so? Generation Y war die Generation, die Lust hatte sich herausfordern zu lassen. Es gibt aber nicht die eine Jugendkultur, die Sinusstudie spricht zum Beispiel von sieben oder acht verschiedenen Lebenswelten. Ich selbst nehme wahr, dass der Wandel von der Generation Y zu Z bis hin zu meiner Generation sehr fließend ist.
Auffällig finde ich, dass die Umgangsformen in allem viel schnelllebiger geworden sind. Bei meiner Arbeit für den Kreisjugendring habe ich weniger den Blick auf das Arbeitsleben, sondern mehr auf die Freizeit.

Und wie sieht es aus mit der Freizeit der Generation Z?
Da ist es auch sehr viel schneller und kurzfristiger geworden. Langfristige, verbindliche Zusagen werden immer schwieriger. Die Leute warten viel länger, bis sie sich entscheiden, weil ja immer noch etwas Besseres kommen könnte.

Als Generation Z wird die  Generation der ab 1995 Geborenen bezeichnet. Sie wollen verschiedenen Studien zufolge Sicherheit und Stabilität, wachsen mit Smartphones, Clouds und Crowdsourcing auf und wollen ihre Arbeit nicht mit dem Privatleben vermischen. Ihre Vorgänger sind die Generation Y, geboren von 1981 bis 1995, und die Generation X, die zwischen 1961 und 1980 Geborene bezeichnet.

Ist das kennzeichnend für diese Generation?
Naja, diese Generation hat ja auch Eltern. Und die spielen das Spiel genauso mit. Es ist eher ein gesamtgesellschaftlicher Trend. Gemeinsame Freizeitbeschäftigungen haben für Menschen nach wie vor einen hohen Stellenwert, vor allem wenn sie das wie bei uns im KJR erleben können. Das war auch schon vor 20 Jahren so. Die Herausforderung im Jahr 2017 ist sie überhaupt zu den Veranstaltungen zu bekommen. Denn viele Menschen haben alles online, die Informationen und die Freunde. Nur die Zeit haben sie meistens nicht. Wir passen uns als KJR auch an: Alles muss kompakt und kurzfristig umsetzbar sein, weil die Zeitressourcen sich verändert haben. Und ganz wichtig: Die Qualität muss stimmen. Das hängt aber nicht an Generation X, Y oder Z, sondern am gesellschaftlichen Wandel.

Wie wichtig ist den Jugendlichen denn heutzutage die Familie?
Meiner Einschätzung nach hat Familie einen sehr hohen Stellenwert. Wenn ich mich an meine Jugend erinnere, war Familie, als ich 15, 16 Jahre alt war, eigentlich doof. Da wollte ich was Eigenes machen. Vielleicht sogar das Gegenteil von dem was meine Eltern gemacht haben. Und diese Ablösung erlebe ich bei Jugendlichen heute nicht mehr so. Eltern sind stattdessen Partner und Freunde, sie sind auf Augenhöhe. Das halte ich für positiv.

Die Generation Z ist mit Smartphones und sozialen Netzwerken aufgewachsen, in der digitalen Gesellschaft kennen sie sich vermutlich besser aus als viele ihrer älteren Mitmenschen. Was können wir von dieser Generation lernen?
Sie tauschen Massen von Informationen schnell und gut miteinander aus. Ich glaube sie können sich einfach wahnsinnig gut mit Hilfe der neuen Technik organisieren und die Strukturen für dieses vernetzte Verhalten nutzen sie ganz selbstverständlich. Das ist schneller, anders und vielleicht auch besser. Alle Informationen zu bedenken und zu vernetzen, das können wir lernen.

Im Kreisjugendring gibt es etwa 60.000 Einzelmitgliedschaften, wenn man alle Mitglieder der zugehörigen Vereine zusammenzählt. Tut der Kreis Pinneberg genug für diesen Nachwuchs?
Es geht hier um Ehrenamtliche, die sich in ihrer Freizeit ohne Bezahlung für Kinder und Jugendliche einsetzen. Ein riesiges Potenzial, das viel intensiver genutzt werden könnte. Leider ist da in den letzten Jahren seit 2005 nichts Neues mehr geschehen. Die Fördersätze für Ferienfahrten wurden nicht angepasst und auch das Budget des KJR wurde in den letzten zwölf Jahren nur um drei Prozent erhöht, während die tariflichen Steigerungen für das Personal etwa 30 Prozent ausgemacht haben. Trotz unseres Antrags gab es keine Anpassung.

Ingo Waschkau hat an der Evangelischen Hochschule Hamburg Sozialpädagogik auf Diplom studiert. Später hat er bei der Jugendhilfe der Awo und im Haus der Begegnung in Elmshorn gearbeitet. Seit Mai 1989 ist er Geschäftsführer des KJR Pinneberg.
Der 59-Jährige wohnt mit seiner Ehefrau in Elmshorn, gemeinsam haben sie zwei Kinder. Er selbst gehört zur Generation der Babyboomer, den geburtenstarken Jahrgängen nach dem Zweiten Weltkrieg. In seiner Freizeit fährt er gern Rad, reist, spielt Fußball und kann nach eigener Aussage auch „gut mal nichts tun“.

Die Rechnung funktioniert also nicht.
Richtig. Denn die Möglichkeit freie und kreative Angebote zu schaffen ist für uns immer kleiner geworden, weil immer mehr Geld für die fest gelegten Personalkosten aufgewandt werden muss. Wir können immer nur besondere, für junge Leute herausfordernde Dinge anbieten, wenn wir dafür Sponsoren finden. Der Kreis Pinneberg ist sehr zurückhaltend und sagt: Ihr müsst mit eurer Ressource Geld auskommen. Macht das, was finanzierbar ist, macht nicht mehr. Jugendarbeit aber ist immer offensiv aufgestellt und muss Herausforderungen bieten. Das passt überhaupt nicht zusammen und auch nicht zur Generation Z, die will nämlich so schnell wie möglich Dinge umsetzen. Wir als KJR fühlen uns vom Kreis nicht richtig gesehen und das mögliche Potenzial wird nicht ausgeschöpft.

Wenn die Gelder vom Kreis auch um 30 Prozent angepasst worden wären, könnten sie damit gut arbeiten?
Ja, das wäre ein fairer Kontrakt. So ist es im öffentlichen Dienst auch. Ich will auch nicht nur gegen den Kreis Pinneberg wettern, insgesamt gibt es auch schöne Dinge, zum Beispiel die energetisch sanierte Jugendbildungsstätte in Barmstedt. Aber um expansiv und kreativ aktiv zu sein, braucht es eben ein bisschen mehr.

Nach nur wenigen Jahren ändern sich die Einstellungen einer Generation. Es ist nicht immer ganz einfach da mitzukommen. Der KJR feiert dieses Jahr seinen 70. Geburtstag, wie bleibt er zeitgemäß?
Das geht nur über Kommunikation. Junge Leute müssen in allem, was sie betrifft, beteiligt werden. Nach der Aktion Ferienpass gibt es bei uns zum Beispiel immer ein ganzes Wochenende, an dem die Ehrenamtlichen eingeladen werden und wir alle Erfahrungen auswerten. Dann geht’s darum, was kommt nicht mehr gut an und was ist langweilig? Und was gibt es an neuen Ideen? Und Ideen, die da von den Jugendlichen kommen, nehmen wir natürlich auf. Insofern ist der KJR immer frisch.

Zumindest die Buchstaben sind für die nächste Generation aufgebraucht. Was kommt denn nach der Generation Z?
Das habe ich auch schon überlegt. Die Null? Die Alphas? Das weiß ich nicht. Es kann ja sein, dass eine Retro-Bewegung kommt. Die gibt es im Einzelnen auch schon. Ihre Vertreter sagen: Ein Handy und das Ganze will ich nicht. Ob Themen wie Entschleunigung aber durchschlagend sind und einen Mainstream ausmachen können, das glaube ich nicht. Denn Technik hat einen großen Reiz. Trotzdem könnte die nächste Generation Relax oder Generation R heißen. Uns als KJR ist es wichtig, für Jugendliche auch Freiräume zu schaffen. Wir haben ein Ferienangebot in Planung, da ist der Arbeitstitel „Programm ohne Programm“. Hier können die Teilnehmer machen was sie wollen. Man kann einfach mal Rumstromern. Das gibt es ja kaum noch.

Sind die Jugendlichen vielleicht irgendwann überfordert mit Nichtstun?
Vielleicht, Nichtstun kann nicht jeder; denn freie Zeit muss heutzutage immer irgendwie gefüllt werden. Freiräume ohne Programm werden deswegen wichtiger. Nur aus so etwas heraus kann Kreativität entstehen. Richtig gute neue Ideen kommen, glaube ich, nur aus der Langeweile. Wer aus der Anspannung heraus produzieren muss, reproduziert aus seinem vertrauten Kontext. Wer aber richtig Langeweile hat, der denkt Dinge auch mal ganz neu.

Am Sonntag, 10. September, wird gleich doppelt Geburtstag gefeiert: Der Kreisfeuerwehrverband Pinneberg feiert sein 125-jähriges Bestehen und der Kreisjugendring Pinneberg seinen 70. Geburtstag. Als dritter Veranstalter ist der Pinneberger A. Beig-Verlag dabei. Auf dem Gelände der Feuerwehrtechnischen Zentrale, Alte Bundesstraße 10, wird es in der Zeit von 11 bis 17 Uhr Konzerte auf mehreren Bühnen, viele Imbissstände und jede Menge Spiel- und Spaßaktionen geben. Alle Infos finden Sie hier.
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erstellt am 25.Apr.2017 | 17:15 Uhr

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