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Schwer in Ordnung - nicht schwerbehindert : Wie das Gedicht einer jungen Pinnebergerin zum Viral-Hit wurde

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Tausende User machen das Gedicht der 14-jährigen Hannah zum Internet-Hit.

shz.de von
erstellt am 27.Okt.2017 | 13:00 Uhr

Pinneberg | Das Gedicht einer Schülerin der Schülerschule in Pinneberg-Waldenau bewegt die Herzen der Internetgemeinde. Hannah ist 14 Jahre alt. Das Mädchen mit Down- Syndrom fand den Namen „Schwerbehindertenausweis“ unpassend und benannte ihren deshalb einfach in „Schwerinordungausweis“ um. Dazu hat sie ein Gedicht geschrieben, das zunächst in dem Magazin „Kids Aktuell“ veröffentlicht wurde. Dahinter steckt der Verein „Kids Hamburg“, der die Interessen von Menschen mit Trisomie 21 (Down-Syndrom) vertritt und sich für gelebte Inklusion einsetzt.

Nachdem ein Twitter-Nutzer die Geschichte ins Netz gebracht hatte, verbreitete sich die Idee bundesweit. Hannahs Denkanstoß wird zum viralen Hit. Viele User loben die Aktion und schreiben unterstützende Kommentare. Mehr als 3000 Usern gefiel der Beitrag. Mehr als 1000 Nutzer teilten den Tweet.

Das Gedicht

Schwer-in-Ordnung-Ausweis

von Hannah

„Ich möchte das mein Ausweis umbenannt wird.
Ich möchte, dass er Schwer in Ordnung Ausweis heißt.
Ich finde Schwerbehindertenausweis ist nicht der richtige Name für meinen Ausweis.
Ich möchte lieber das der Schwer in Ordnung Ausweis genannt wird.
Ich stelle mir vor:
Ich hab mir einen Schwer in Ordnung Ausweis gekauft und jetzt stehe ich in Pinneberg an der Bushaltestelle und freue mich. Der Bus kommt, ich steige ein und zeige stolz meinen neuen Ausweis vor.
Ich fahre von Pinneberg nach Hause zurück. Es ist Winter und mir ist kalt.
Zu Hause angekommen staunen Mama (Inge) und Papa (Kai) nicht schlecht, als ich plötzlich mit meinem Schwer in Ordnung Ausweis vor ihnen stehe. Sie fragen verblüfft: „Was ist das denn?“
Ich sage stolz: „Mein neuer Schwer in Ordnung Ausweis! Guckt euch den mal an!“

Beide im Chor: „Wow, cooles Teil!“ Ich sag: „Ja, nicht?“
Dann gibt es Abendbrot, dann geht es ins Bett. Ich höre noch Lied 16 von der Band RADAU. Dann schlafe ich ein.
Am nächsten Tag ist zuerst Schule. Am Nachmittag gehe ich mit Nele, Milena, Valentina, Marianne, Sarah, Rajah und Amelie Eis essen zu Eisart. Am Abend kommen alle zu mir und übernachten. Wir essen Abendbrot, gehen ins Bett und hören wieder Lied 16 von RADAU und schlafen ein.”

 

Quelle: KIDS Aktuell / Nr. 36 – Herbst 2017, S. 16-17

 

Hannahs Mutter Inge Kiesbye wurde von dem großen Echo überrascht. „Das hat vorher keiner gedacht. Wir waren völlig überrumpelt“, berichtet sie im Gespräch mit dem Pinneberger Tageblatt. Die Familie sei zum Zeitpunkt der Veröffentlichung im Urlaub gewesen. „Für die Sache ist es aber etwas Gutes“, sagt sie. Das Thema Teilnahme und Inklusion sei wichtig. Hinter dem Beitrag ihrer Tochter stecke der Wunsch, „dass alle Menschen mit ihren Fähigkeiten am Leben teilhaben können“. Aus ihrer Sicht ist Inklusion ein Prozess. Es brauche Zeit, bis die gesellschaftlichen Bedingungen so sind, „dass alle verschieden sein können“. Der Schwerbehindertenausweis habe Hanna signalisiert: „Du bist Minus, du bist ein Defizit.“ Ein Internetnutzer habe vorgeschlagen, das Dokument in „Teilhabeausweis“ umzubenennen. Das habe ihr gut gefallen, berichtet die Mutter. Sie glaubt, dass die Internet-Nutzer vor allem die emotionale Ansprache des Gedichts berührt hat. So erklärt sie sich den Erfolg. Und mit der Tatsache, dass ein Mädchen mit Down-Syndrom aus ihrer eigenen Perspektive heraus berichtet.

Hannah besucht die neunte Klasse der inklusiven Schülerschule. In der Schreibwerkstatt sei das Gedicht entstanden. „Da hat sie den Mut gefunden, selbst Texte zu schreiben. Das hat sie echt beflügelt“, sagt Kiesbye. Die große Resonanz habe auch das Mädchen zunächst überrollt. „Sie war erst mal total verunsichert. Hannah hat ja auch ein Smartphone und reagierte geschockt, weil der Beitrag ursprünglich nur für die Schülerzeitung gedacht war. Mittlerweile freut sie sich aber darüber“, berichtet Kiesbye.

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