Kreis Pinneberg : Wichtiger Halt im Leben

Die behinderten Mitglieder haben viel Freude während der Ferien, die sie unter anderem schon in Dänemark und Schweden verbracht haben.
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Die behinderten Mitglieder haben viel Freude während der Ferien, die sie unter anderem schon in Dänemark und Schweden verbracht haben.

Der Verein für Körper- und Mehrfachbehinderte bietet Hilfe für betroffene Familien - und geht mit ihnen auf Reisen.

shz.de von
08. November 2013, 16:00 Uhr

Christian und Brunhilde Möschter kennen das Gefühl der Verzweiflung. Als ihre Tochter Ramona 1969 zur Welt kam, stellten die Ärzte körperliche und geistige Behinderungen bei dem Säugling fest. Durch einen Sauerstoffmangel während der Geburt waren bei Ramona Gehirnzellen zerstört worden. „Ihr Kind wird nie laufen und sprechen lernen“, prophezeiten die Mediziner.

Doch die Möschters gaben nicht auf. In den folgenden Jahren kämpften sie für das Wohl ihrer Tochter. Auf ihrem mühsamen Weg bekamen sie Hilfe – von Ärzten und Therapeuten, aber auch von Gleichgesinnten. Vor allem im Verein für Körper- und Mehrfachbehinderte (VKMB) im Kreis Pinneberg, dem sie sich in den 1980er Jahren anschlossen, lernte die Familie andere Menschen mit ähnlichem Schicksal kennen. Der Verein wurde ein wichtiger Halt im Leben der Möschters. Heute ist Christian Möschter der Vorsitzende.

Ziel der Gemeinschaft ist die Hilfe für betroffene Familien und der Austausch unter den Mitgliedern. Eine Sprechstunde oder regelmäßige Gruppentreffen gibt es zwar nicht. Aber mehrfach im Jahr finden in Kooperation mit dem Landesverband der Körper- und Mehrfachbehinderten unterschiedliche Infoabende statt. Themen wie „Sexualität und Behinderung“ oder „Behindertentestament“ stehen dann auf dem Programm.

Jeden Sommer bietet der Verein eine Urlaubsreise an

„Unser Schwerpunkt liegt in der Organisation eines 14-tägigen Urlaubs für die Behinderten“, erklärt Maren Voß. Die 42-Jährige ist gemeinsam mit ihrem Mann Andreas für die Planung der Touren verantwortlich, die seit 1985 jedes Jahr im Sommer stattfinden und die Teilnehmer an unterschiedliche Ziele führen. Bis in die Türkei, nach Schweden und Dänemark seien sie schon gekommen, sagt Christian Möschter. Im vergangenen Sommer besuchte die Reisegruppe, die aus 25 Betroffenen und acht ehrenamtlichen Betreuern bestand, unter anderem eine Kaffeerösterei in Sachsen-Anhalt.

„Wir wollen, dass Menschen mit Handicap aus ihrem Umfeld herauskommen und dass Eltern in dieser Zeit Kraft tanken können“, erklärt der 62-jährige Vorsitzende, der die Reisen ebenfalls begleitet. Für ihn und die anderen Betreuer ist die Reise kein Urlaub, sondern Schwerstarbeit. Füttern, waschen und tragen müssen die Helfer ihre Schützlinge. „Wir sind 24 Stunden im Einsatz“, sagt Voß.

Die Gründung des VKMB geht auf das Jahr 1970 und die Initiative von sieben Elternpaaren zurück. „Damals gab es nur wenig Informationen und Institutionen für betroffene Familien. Viele Eltern fühlten sich mit ihren Fragen allein gelassen“, erinnert sich Christian Möschter. Die Existenz der Selbsthilfeorganisation sprach sich deshalb schnell herum. „Heute gehören dem Verein etwa 70 Familien an“, sagt er.

Allerdings hat sich die Struktur des VKMB im Laufe der Jahre gewandelt. Weil es mittlerweile viele Organisationen gibt, die sich mit deutlich mehr Kapital, mit Fachkräften, Einrichtungen und mit Projekten um die Betroffenen kümmern, leidet der Verein unter Nachwuchsmangel. Insbesondere junge Familien entscheiden sich nur noch selten für den Beitritt im VKMB, der sich vor allem aus Spenden, Mitgliedsbeiträgen und Zuschüssen der „Aktion Mensch“ finanziert. Der Vorstand um Christian Möschter hat deshalb aus der Not eine Tugend gemacht und den Tätigkeitsschwerpunkt neu definiert: „Wir setzen da an, wo andere Fördervereine weniger aktiv sind. Unser Fokus liegt nicht in der Betreuung von Kindern, sondern von Behinderten im jungen Erwachsenenalter bis zur Rente“, sagt der Vorsitzende.

Ramona passt in die Altersstruktur des Vereins gut hinein. Sie ist heute 44 Jahre alt und hat sich trotz der niederschmetternden Anfangsdiagnose positiv entwickelt. Im Förderzentrum Raboisenschule in Elmshorn lernte sie lesen, schreiben und rechnen und arbeitet mittlerweile in der Pinneberger Behindertenwerkstatt Eichenkamp. Ihre Mutter ist stolz auf sie: „Auf den ersten Blick kann man nicht sehen, dass Ramona eine Behinderung hat“.

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