zur Navigation springen

Thema der Woche: 25 Jahre Mauerfall : West-Produkte und Leicoma-Schweine

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Rolf Heidenberger erinnert sich an die Nachfrage nach West-Produkten, Verkäufe vom Lkw und die Größe der Leicoma-Schweine.

shz.de von
erstellt am 05.Nov.2014 | 10:00 Uhr

Kreis Pinneberg | „Wir konnten gar nicht so schnell liefern, wie uns die Kunden die Sachen weggekauft haben“, erinnert sich der Appener Rolf Heidenberger. Als die Mauer zwischen der BRD und der DDR fiel, war der heute 64-Jährige Prokurist der Fleischwerke Edeka Nord in Neumünster und Pinneberg. Nach der Wiedervereinigung baute er die neue Produktionsstätte in Lüttow-Valluhn bei Zarrentin auf.

Mitte des Jahres 1990 begann Edeka nach der Übernahme von Konsum- und der HO-Märkte mit den Lieferungen nach Mecklenburg-Vorpommern. „Die Menschen wussten irgendwann, wann die Lkw kommen, und haben regelrecht darauf gewartet“, beschreibt Heidenberger die damalige Situation. Oftmals sei direkt vom Wagen verkauft worden. „Heute ist das unvorstellbar“, räumt er ein. Doch sei die Nachfrage nach Westprodukten damals sehr groß gewesen. Zirka 50 Laster seien pro Tag nach Mecklenburg-Vorpommern aufgebrochen.

„Das große Problem für unsere Belieferungen war die Infrastruktur, die kaum oder gar nicht vorhanden war“, sagt der 64-Jährige. Desolate Straßen. Kopfsteinpflaster. Sandwege. Tiefe Schlaglöcher. Oder auch einfach mal gar keine Zufahrtswege. Schmunzelnd berichtet Heidenberger auch von den Problemen bei Übernachtungen und erinnert sich an eine Anekdote, bei der zwei Mitarbeiter sich ein Bett teilten. „Das muss man sich mal vorstellen. Zwei erwachsene Männer benutzten in einem ,Hotel‘ ein gemeinsames Bett, um sich zu wärmen“, sagt Heidenberger. Anders sei die Kälte aber nicht zu ertragen gewesen. Die Heizung war ausgefallen. Die Fenster sogar von innen vereist. „Was unsere Mitarbeiter auf sich genommen und geleistet haben, war bemerkenswert“, lobt Heidenberger noch heute. Dabei sei das Personal nicht aufgestockt worden, berichtet er weiter.

„Wenn wir erfolgreich sein wollten, mussten wir schnell sein“, beschreibt Heidenberger die damalige „Goldgräberstimmung“. Der Unternehmer konnte sich stets auf zwei Dinge verlassen: Die Unterstützung von Ämtern und Behörden und die Zusagen der Menschen vor Ort. „Damals zählte ein Wort und es waren immer faire Verhandlungen“, berichtet Heidenberger. Und auch bei den Behörden rannte er offene Türen ein: „Gab es bei uns Probleme, dann wurde uns schnell und unkompliziert geholfen“, so der Appener. Anders als in seiner Heimat. Mehr als drei Jahre kämpfte er in Pinneberg mit seinen Kollegen um die Zustimmung der Ratsversammlung zum Bau eines neuen Fleischwerks, das eine Bürgerinitiative jedoch mit Erfolg verhinderte. Anders als im mecklenburgischen Valluhn: Dort freute man sich auf Investoren und Gewerbesteuer und es entstand im Jahr 2006 das Nordfrische Center. Es entwickelte sich zu einem der damals größten und modernsten Produktions- und Zerlegebetriebe in Deutschland. Mehr als 400  Arbeits- und 30 Ausbildungsplätze gibt es dort heute. Etwa 50 Prozent mehr als vor acht Jahren. Damals waren 300 Menschen im Betrieb tätig. Den Mitarbeitern an den bisherigen Standorten wurden Jobs im neuen Werk, in Edeka-Märkten und im Edeka-Zentrallager in Neumünster angeboten. „Uns war wichtig, dass keiner seinen Job verliert“, sagt Heidenberger.

Rolf Heidenberger wuchs im elterlichen Edeka-Markt in der Gemeinde Appen auf und begann am 1. April 1968 seine Lehre bei der Großeinkauf Edeka Hamburg im Pinneberger Stadtteil Waldenau. Nach der Ausbildung arbeitete er in der Wurst-Frischdienst-Abteilung und ab 1973 im neu gebauten Fleischwerk in der Kreisstadt. 1983 übernahm Heidenberger die Fachbereichsleitung für Wurst- und Aufschnittwaren und 1984 die Betriebsleitung. Vier Jahre später führte Heidenberger das Gutfleisch-Programm ein. 1996 übernahm er die Geschäftsführung der beiden Fleischwerke in den Städten Neumünster und Pinneberg. Zehn Jahre später eröffnete er mit seinem damaligen Geschäftsführerkollegen Jürgen Sinn im mecklenburgischen Valluhn das Nordfrische Center. 2012 ging er aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand. Parallel zu seinem Arbeitsleben, nämlich im Jahr 1990, rief Heidenberger die Benefizveranstaltung „Appen musiziert“ ins Leben, um schwerstkranken Kindern zu helfen. Für sein Engagement wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und dem Feuerwehr-Ehrenkreuz in Gold des Deutschen Feuerwehrverbandes ausgezeichnet. Darüber hinaus wurde er im Jahr 2005 von den Lesern dieser Zeitung zum „Menschen des Jahres“ in Schleswig-Holstein gewählt.

Etwa zwei Jahre nach dem Mauerfall habe sich das Kaufverhalten allerdings stark verändert. „Die Menschen haben gemerkt, dass sie ihre eigenen Arbeitsplätze gefährden, wenn sie nur Westprodukte kaufen“, so Heidenberger. Daher mussten er und seine Kollegen reagieren, denn plötzlich wurden vor allem Ostprodukte gefordert. Der Umsatz der Wurstwaren aus dem Westen ging zurück. „Abstimmung mit den Füßen“, nennt Heidenberger den Wandel im Kaufverhalten der Verbraucher und sagt: „Wir verstanden uns stets nur als Dienstleister für den Kunden und mussten liefern, was dieser wünschte.“

Fleischprodukte waren der Renner

Daher wurden vermehrt Fleischprodukte – vor allem in Mecklenburg-Vorpommern – eingekauft. Da es dort fast nur Schweinezucht gab, war Rindfleisch weniger gefragt. Dafür traf Heidenberger auf die größten Mastschweine, die er je gesehen hat. Es war die berühmte DDR-Rasse Leicoma. Der Name leitete sich ab von den DDR-Bezirken Leipzig, Cottbus und Magdeburg. „Die Mastschweine waren riesig. So etwas Mächtiges an Schwein hatte ich vorher nie gesehen“, sagt er. Im Westen wogen Schweine etwa 110  Kilogramm. Im Osten bis zu 160. Die Tiere waren schwerer, fetter und länger. „Die halben Schweine konnte man gar nicht in West-Lkw transportieren“, erinnert er sich. Die Lkw-Böden mussten mit sauberen Planen ausgelegt werden, da die Tierkörper sonst darüber schleiften.

Noch heute ist Heidenberger regelmäßig in Mecklenburg-Vorpommern, wo er ein Haus besitzt. Er wird nicht müde, die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen zu betonen. „Ich habe tolle Kontakte zu den Menschen geknüpft“, sagt er. Kontakte sind sein Stichwort. Diese telefonisch zu knüpfen, sei nach dem Mauerfall problematisch gewesen. Ausgestattet mit dem C1-Netz steuerte er bei Dienstreisen regelmäßig die Teterower Heidberge an. „Das war ein Geheimtipp, denn da gab es immer Empfang.“ Die Zeiten seien aber „zum Glück“ lange vorbei.

Am Sonnabend, 8. November, liegt dieser Tageszeitung ein 64-seitiges Sondermagazin zum Mauerfall-Jubiläum bei, das in Zusammenarbeit mit dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (sh:z) und dem medienhaus:nord, unter anderem Herausgeber der Schweriner Volkszeitung, entstanden ist.
zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen