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Findelkind aus Seestermühe : „Wer sind meine Eltern?“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Katharina wurde als Baby in Seestermühe auf einer Mülltonne gefunden – eingewickelt in ein blutiges Handtuch. Ein Paar aus Schenefeld adoptierte das Kind. Jetzt sucht die heute 30-Jährige nach ihren leiblichen Eltern.

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erstellt am 25.Feb.2014 | 18:00 Uhr

Vor mehr als 30 Jahren erregt das 700-Seelen-Dorf Seestermühe großes Aufsehen: In der Gemeinde des Kreises Pinneberg wird ein Neugeborenes auf einer Mülltonne abgelegt – nicht länger als zwölf Stunden nach der Geburt, wie Ärzte später feststellen. Noch nicht einmal die Nabelschnur war entfernt worden. Das Mädchen überlebt und wächst bei Adoptiveltern in Schenefeld auf. Nun sucht die heute 30-jährige Katharina nach Antworten: Wer hat sie damals auf der Mülltonne an der Schulstraße abgelegt? Warum genau dort? Und wer hat sie auf die Welt gebracht?

Die Fragen seien schon immer da gewesen, doch erst jetzt entschloss sich Katharina, öffentlich zu suchen. Sie wandte sich an das Magazin „Stern“ und trat in der ARD-Sendung „Beckmann“ auf. „Von meinen leiblichen Eltern habe ich gar keine Vermutungen. Für mich sind das nur schwarze Silhouetten, ich habe niemanden vor mir“, sagt die 30-Jährige im Gespräch mit dem sh:z.

Der Blick zurück ins Jahr 1983: Die damals 17 Jahre alte Stefanie verlässt am Mittwoch, 3. August, das Haus an der Schulstraße in Seestermühe, wo sie mit ihren Eltern lebt. Sie biegt um die Ecke und stutzt – auf einer Mülltonne liegt ein orangefarbenes Handtuch. Und es bewegt sich. In dem Handtuch findet sie ein Neugeborenes. Blutverschmiert. „Im ersten Moment war es ein Schock. Doch dann wurde ich ganz ruhig. Ich habe intuitiv das Richtige gemacht“, erinnert sich Stefanie heute. Sie wohnt noch immer im Kreis Pinneberg.

Die 17-Jährige bringt das Neugeborene ins Haus, klemmt die blutende Nabelschnur mit einer Wäscheklammer ab, wäscht das Kind, wickelt es in ein frisches Handtuch. Mit ihrer Mutter und einer Schulfreundin bringt sie das Baby ins Krankenhaus nach Uetersen. Später wird es in eine Klinik nach Hamburg-Altona gebracht, wo es unter dem Namen „Mittwoch“ registriert wird. In Seestermühe ist der Fund Dorfgespräch. Streifenwagen der Polizei sind im Ort unterwegs. Mit Lautsprecherdurchsagen bitten Beamte die Dorfbewohner um Hinweise, wie das Tageblatt und die Elmshorner Nachrichten am Folgetag berichteten. Der Medienrummel ist groß.

„Noch am gleichen Tag kamen sie alle. Eine Boulevardzeitung wollte sogar, dass ich mit einer Puppe neben den Mülltonnen posiere. Ich habe mich geweigert“, erinnert sich Stefanie. Dass Katharina nun nach ihren leiblichen Eltern sucht, hat für sie etwas sehr Positives: „Ich habe Katharina bei ihrer Konfirmation vor 15 Jahre das letzte Mal gesehen. Ich habe mich sehr gefreut, als sie jetzt den Konttakt zu mir gesucht hat.“ Sie drückt ihr die Daumen. „Ich wünsche ihr sehr, dass sie ihre leiblichen Eltern findet.“

Auf der Suche kontaktiert Katharina auch Otto Schinkel, einst Bürgermeister in Seestermühe. Der Rentner erinnert sich sofort an ihre Geschichte. „Nach dem Fund ging hier im Ort das Rätseln los – warum gerade Seestermühe? Wir konnten uns alle keinen Reim darauf machen“, erzählt Schinkel im Gespräch mit dem Pinneberger Tageblatt. Angeblich wurde am Morgen des 3. August ein roter Opel Kadett gesehen, der ständig die Straße auf- und abfuhr. Saßen darin Katharinas leibliche Eltern? Otto Schinkel bot sich damals über das Pinneberger Tageblatt als Vermittler an – die Mutter sollte sich an ihn wenden, wenn sie nicht zur Polizei gehen wollte.

Und tatsächlich: „Am 6. August, bekam meine Frau einen Anruf von einer jungen Frau. Sie wollte mich sprechen – aber ich war auf dem Markt“, berichtet Schinkel. Seine Frau riet der Anruferin, sich später noch einmal zu melden. Doch die Frau rief nie wieder an. „Wir wollten Katharina – die damals ja ‘Mittwoch’ hieß – adoptieren. Doch das Pinneberger Jugendamt entschied sich gegen uns.“ Stattdessen kam Katharina zu Angelika und Michael nach Schenefeld. Ihr Adoptivvater findet es „richtig und wichtig“, dass seine Tochter nun an die Öffentlichkeit gegangen ist, wie er sagt.

Katharina lebt heute in Hamburg, studiert und arbeitet an der Universität. Sie betont, dass sie keine Ansprüche an ihre leiblichen Eltern hat: „Ich bin nicht wütend oder habe besondere Erwartungen. Ich suche keine neuen Eltern – ich möchte sie einfach nur kennenlernen.“ Eine Strafe drohe ihnen nicht, wie Rechtsanwalt Burkhard Gerling dem „Stern“ sagte. Für Katharina ist nun alles getan, was ihn ihrer Macht steht. Sie sagt: „Ich kann jetzt nur noch warten und hoffen.“

> Hinweise an: redaktion@a-beig.de

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