Aus dem Stadtgespräch : „Wer nachdenkt, weiß die Pinneberger City zu schätzen“

Hermann Kunstmann führt das Modehaus Kunstmann an der Dingstätte in fünfter Generation. Außerdem ist er seit drei Jahren Vorsitzender der Wirtschaftsgemeinschaft Pinneberg, einem Zusammenschluss der Pinneberger Wirtschaft.

Hermann Kunstmann führt das Modehaus Kunstmann an der Dingstätte in fünfter Generation. Außerdem ist er seit drei Jahren Vorsitzender der Wirtschaftsgemeinschaft Pinneberg, einem Zusammenschluss der Pinneberger Wirtschaft.

Hermann Kunstmann, Vorsitzender der Wirtschaftsgemeinschaft Pinneberg im Interview über Handel, Rathauspassage und kostenlose Parkplätze.

shz.de von
23. März 2018, 11:15 Uhr

Pinneberg | Ist der Handel in der City gut aufgestellt? Was ist los in der Rathauspassage? Warum gibt es so wenig kostenlose Parkplätze? Und wieso keinen Frieden mit Prisdorf? Hermann Kunstmann, Vorsitzender der Wirtschaftsgemeinschaft Pinneberg erklärt im Stadtgespräch-Interview, wie die Kaufleute die Lage einschätzen.

Die Leerstandsquote in der Pinneberger Innenstadt ist auf 7,7 Prozent gesunken. Wie ist das aus Sicht der Kaufmannschaft gelungen?
Es liegt daran, dass die Stadt Pinneberg im Gegensatz zu früher ihre Hausaufgaben gemacht hat. Und zwar gut. Seit zirka acht Jahren gibt es ein Innenstadtentwicklungskonzept, das peu à peu  fortgeschrieben wird, was man zum Beispiel an der Entwicklung der Ebert-Passage oder dem geplanten Umzug des Sonnabend-Wochenmarktes vor die Drostei sehen kann. All diese Dinge haben dazu beigetragen, die Leerstandsquote im Laufe der Zeit zu verbessern.

Hermann Kunstmann (*1968 in Pinneberg) führt das Modehaus Kunstmann an der Dingstätte in fünfter Generation. Außerdem ist er seit drei Jahren Vorsitzender der Wirtschaftsgemeinschaft Pinneberg, einem Zusammenschluss der Pinneberger Wirtschaft. Diese hat vor 18 Monaten im Mai 2016 auf Wunsch des Handels den Pinneberg-Gutschein ins Leben gerufen. Eine Erfolgsgeschichte: 150.000 Euro wurden insgesamt seitdem an inzwischen 80 Akzeptanzstellen umgesetzt. „Wir wünschen uns aber noch mehr, vor allem Gastronomen, die mitmachen“, sagt Hermann Kunstmann. Es gibt den Gutschein für 10, 15 oder 20 Euro. Weitere Infos zur Wirtschaftsgemeinschaft gibt es hier.


Kann man sagen: Die Handelskrise der City ist vorbei?

Gegenfrage: Was heißt denn Krise? Der Handel wandelt sich. Und das tut die Innenstadt auch. Neue Formen von Handel und Gastronomie entstehen, überholte Formate verschwinden. Wissen Sie, ich bin in der Innenstadt aufgewachsen. Als ich klein war, habe ich in dem kleinen gelben Haus gegenüber von unserem Modehaus lose Milch gekauft. Da war früher ein Lebensmittelgeschäft drin. Heute nicht mehr. Man kann nicht erwarten, dass alles so bleibt wie es ist. Entweder man passt sich als Kaufmann an oder man hat es schwer. Als die Stadt das Entwicklungskonzept auf die Beine gestellt hat, war das meines Erachtens wie eine Initialzündung für private Investoren. Und jetzt kann man es sehen: Das neue Volksbankgebäude, das citynahe Wohnen beim Gericht, die Neugestaltung der Fußgängerzone oder viele kleine neue Konzepte wie „Schmuck & Schönes“ zum Beispiel. In Pinneberg wird immer viel geredet und gern zerredet. Warum? Wer ein bisschen nachdenkt, weiß die Innenstadt zu schätzen.

Was müsste sich tun, damit es noch besser wird?
Man muss dranbleiben. Mein dringender Appell an alle: Bitte nicht nachlassen nach dem Motto „Wir haben doch was angepackt“. Die Entwicklung der City ist ein kontinuierlicher Prozess, den wir weiter beschreiten müssen und in den wir alle – sei es Stadt, Kaufleute oder Grundeigentümer – immer wieder investieren müssen, auch wenn es anstrengend ist. Und ich wünschte, dass sich noch mehr Kaufleute engagieren würden. Vor allem die Filialisten.

Engagieren die sich nicht?
Wenig. Beispiel „Verkaufsoffener Sonntag“: Die Wirtschaftsgemeinschaft und das Stadtmarketing organisieren ihn. Diese Aktionen kosten Geld. Viele Filialisten machen einfach auf, zahlen aber keine Umlage, die wohlgemerkt freiwillig ist. Selbst, wenn Sie den Filialleiter im Boot haben, ist die Zentrale noch lange nicht dabei. Ihr Argument: Wenn ich in einer Stadt für den verkaufsoffenen Sonntag zahle, muss ich das ja überall tun. Das ist zu teuer. So gesehen sind viele Filialisten hier bloße Trittbrettfahrer.

Viele beklagen eine mangelnde Vielfalt. Was für Geschäfte fehlen?
Den Pinnebergern muss klar sein: Bestimmte große Formate werden wir nicht für Pinneberg gewinnen können. Viele moderne Formate brauchen mindestens 1000 Quadratmeter, am liebsten in einem hochfunktionalen Neubau. Solche Flächen haben wir in der City nicht, abgesehen von dem Volksbankgebäude. Dass H&M überhaupt hierher gekommen ist, war nur möglich, weil der Vermieter massiv in die Fläche investiert hat. Neue Konzeptionen wie Zara, Adidas oder Nike sind auf Welt- und Großstädte ausgerichtet. Bei aller Liebe – das ist Pinneberg nicht.

Ein bisschen mehr Gastronomie könnte auch nicht schaden. 
Bestimmt. Die Kaufmannschaft würde sich sehr freuen, wenn sich mehr Gastronomen in der Innenstadt ansiedeln würden. Dass das funktioniert, sehen wir an Meusels Landdrostei, Cero Coffee oder Junge.

Aktuell findet gerade ein Mieterwechsel in der Rathauspassage statt. Ist das besorgniserregend?
Ach was. Diese Fluktuation ist völlig normal. Üblicherweise laufen die Mietverträge dort zehn Jahre mit der Option auf weitere fünf. Diese 15 Jahre sind jetzt für viele um. C&A gibt außerdem sein Kids Store Konzept auf. Und bei Elanza glaube ich persönlich, dass sie mit der Anmietung in der Passage ihr Konzept getestet und festgestellt haben, dass es nicht funktioniert. Die Rathauspassage ist ein interessanter Standort, der mit Sicherheit schnell wieder voll vermietet sein wird.

Die Parkplatzsituation hat sich sehr verbessert. Allerdings hat die Rathauspassage ihre Park-Gebühren erhöht und auch das Volksbankparkhaus ist nicht ganz billig. Das stört viele.
Ja, das verstehe ich. Aber Parkhäuser refinanzieren sich nun mal über ihre  Gebühren. Sie werden nicht staatlich gefördert, sondern privat gebaut. Hinter der Rathauspassage steht die Betreibergesellschaft. Die Stadt ist nicht Eigentümerin, auch wenn das viele immer denken. Was glauben Sie, was passiert, wenn auf einmal alle Parkplätze in der City kostenlos wären? Sie wären vollgeparkt mit Anwohner-Pkws und Dauerparkern. Und wer dann einkaufen will in der City, findet erst recht keinen Parkplatz mehr. Und wenn man unsere Parkplatzsituation mit der in Hamburg vergleicht, muss man zugeben, dass es hier bei uns günstig und komfortabel ist.

Die Gemeinde Prisdorf regt sich darüber auf, dass Pinneberg gegen das Gewerbegebiet am Peiner Hag vorgeht. Haben Sie Verständnis für die Prisdorfer?
Ich habe sogar Prisdorfer Freunde (lacht). Nein, im Ernst. Diese Diskussion wird gerade sehr emotional geführt. Wenn man das mal sachlich betrachtet, ergibt sich Folgendes: Gewerbegebiete werden in Bebauungsplänen festgelegt. Diese unterliegen aber der Raumordnung des Landes Schleswig-Holsteins. Diese legt zum Beispiel fest, welche Städte Ober-, Mittel- oder Unterzentren sind. Pinneberg ist ein Mittelzentrum, Prisdorf ist nicht mal Unterzentrum. Prisdorf hat in einem Gewerbegebiet einen Einzelhändler angesiedelt. Das ist vom Land geduldet worden, weil Pinneberg kein Innenstadtentwicklungskonzept hatte. Andere Ansiedelungen sind nicht genehmigt worden, weil Pinneberg dagegen geklagt hat. Und jetzt muss man sich mal fragen, warum dm und bald Takko in die Pinneberger City umgezogen sind? Weil sie in Prisdorf nicht die nötige Kundenfrequenz hatten. Wodurch würde sich die Frequenz in Prisdorf verbessern? Durch die Westumgehung. Wer beteiligt sich überhaupt nicht an der Westumgehung? Prisdorf. Fakt ist: Pinneberg ist laut Raumordnung Mittelzentrum und hat bestimmte Versorger-Aufgaben zu erfüllen. Prisdorf hat diese Aufgaben nicht und beteiligt sich auch nicht. Ich persönlich denke, es sollten sich alle an einen Tisch setzen. Wir brauchen lösungsorientierte Gespräche, keine emotionalen.

Wenn würden Sie sich von den Pinnebergern wünschen?
Kommt in die Stadt und gebt den Kaufleuten die Chance, euch für sie zu begeistern. Wir bieten hier so viel Beratungsleistung an, Arbeits- und Ausbildungsplätze – das findet man selten in dieser Bandbreite vor Ort. Viele argumentieren, was die Innenstadt betrifft, nur mit Halbwissen, dass durch Social Media angeheizt und verbreitet wird. Ich behaupte nicht, dass alles perfekt ist. Auch bei uns im Geschäft nicht. Es ist leichter, anonym vier, fünf Sätze im Netz zu hetzen, als einfach mal anzurufen und zu sagen: „Herr Kunstmann, das war aber nicht so toll.“ Ich freue mich, wenn jemand mit einer Beschwerde anruft. Weil ich dann die Chance habe, die Dinge zu ändern und zu verbessern.

Noch mehr Geschichten zum Thema „Einkaufen macht Spaß“ lesen Sie im Stadtgespräch, dem Monatsmagazin des Pinneberger Tageblattes. Sie finden das Stadtgespräch am Freitag in Ihrem Pinneberger Tageblatt oder an allen bekannten Auslagestellen.
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