Flüchtlinge im Kreis Pinneberg : „Wer in Syrien bleibt, muss töten“

Jiwan (25) ist vor dem Krieg in Syrien geflüchtet und lebt derzeit in der Flüchtlingsunterkunft in Borstel-Hohenraden.
Jiwan (25) ist vor dem Krieg in Syrien geflüchtet und lebt derzeit in der Flüchtlingsunterkunft in Borstel-Hohenraden.

Enthauptungen, Feuergefechte, Gefängnis, Schikanen: Jiwan berichtet von seiner Odyssee durch Europa nach Borstel-Hohenraden.

shz.de von
15. Juli 2015, 17:00 Uhr

Borstel-Hohenraden | „Ich wollte niemanden erschießen und wollte nicht erschossen werden.“ Mit knappen Worten beschreibt Jiwan den Grund für seine Flucht aus Syrien. Er wirkt ganz entspannt, als er in der Flüchtlingsunterkunft in Borstel-Hohenraden seine Geschichte erzählt und berichtet, wie es ihn nach einer Odyssee über mehrere Länder schließlich in den Kreis Pinneberg verschlug. In seinem Gesicht und seiner Haltung ist nichts von dem Horror zu sehen, den der 25-Jährige hinter sich hat.

Dafür an seinen Händen. „Die Narben habe ich mir geholt, als ich über den Stacheldrahtzaun an der Grenze zur Türkei gestiegen bin“, erklärt der kurdische Syrer und zeigt seine Handflächen. Gemeinsam mit seiner Schwester Fatma (22) startete er im März seine Reise in eine ungewisse Zukunft. Zurück blieben in Qamischli nahe der türkischen Grenze Mutter, Vater und eine weitere Schwester. Jiwan selbst lebte die meiste Zeit über in Damaskus, studierte dort englische Literatur. „Ich war fest entschlossen, mein Studium zu beenden“, berichtet er. Dabei war das Leben in der syrischen Hauptstadt lebensgefährlich. Während er in der Uni lernte, hörte er draußen ständig Schüsse. „Einmal geriet ich mitten in ein Feuergefecht.“

Die Situation endete glimpflich, sollte aber nicht das letzte schreckliche Erlebnis bleiben. Als er nach einem Besuch bei seiner Familie in Qamischli mit dem Bus Richtung Damaskus fuhr, lagen am Straßenrand Köpfe von Menschen, die von IS-Terroristen enthauptet worden waren. Nach einer weiteren Reise holten Soldaten des Assad-Regimes Jiwan aus dem Bus und kontrollierten seine Papiere. Die waren zwar in Ordnung. Dennoch musste der 25-Jährige mehrere Stunden auf dem Boden sitzen bleiben. „Da war mir endgültig klar, dass ich weg muss.“ Als Kurde, der keine der Kriegsparteien unterstütze, habe er keine Zukunft gehabt. Wer in Syrien bleibe, sei gezwungen, sich für eine Seite zu entscheiden und Menschen zu töten. Oder bleibe über kurz oder lang selbst auf der Strecke.

Für Jiwan kam es jedoch nicht in Frage, Position zu beziehen. Die Assad-Anhänger sind für ihn Terroristen, die meisten Rebellen religiöse Fanatiker. Und der IS-Terror sei für die Europäer unvorstellbar.

Flucht über die Türkei, Bulgarien, Serbien, Ungarn und Österreich

Nach der Flucht blieb Jiwan erst einmal in der Türkei und kam über Bulgarien, Serbien, Ungarn und Österreich schließlich nach Deutschland. Erwünscht waren er und seine Schwester nirgendwo. „Besonders schlimm war es in Bulgarien.“ Dort wurde er nach einem Unfall ins Gefängnis anstatt ins Krankenhaus gebracht. Die Bedingungen dort seien unmenschlich gewesen. Handys durften die Gefangenen zwar behalten. „Aber die Kameras in den Geräten wurden zerstört, damit niemand filmt, was dort passiert.“ Sogar Familien mit kleinen Kindern waren im Gefängnis. „Ich kann nicht verstehen, dass ein solches Land sogar Mitglied der Europäischen Union sein darf.“

Anfang Mai kam Jiwan schließlich nach Deutschland und kurz darauf nach Borstel-Hohenraden. Ein Ort, an dem er sich wohl fühlt. „Hier sind die Menschen nett zu mir“, sagt er. 23 Flüchtlinge leben derzeit in der Unterkunft an der Quickborner Straße. Etliche ehrenamtliche Helfer aus der Gemeinde wollen ihnen die Integration erleichtern. Hilfe, die den Migranten gut tut. Auch wenn sie wie Jiwan und seine Schwester Fatma nicht wissen, ob sie in Deutschland bleiben dürfen. Zukunftspläne lassen sich deshalb nur schwer schmieden. Vielleicht gebe es die Möglichkeit, sein Studium zu beenden, hofft der Kurde. In Borstel-Hohenraden fühlt er sich schon nach kurzer Zeit heimisch. „Am liebsten würde ich hier bleiben.“

Bürgermeister Jürgen Rahn (CDU) ist von dem jungen Mann jedenfalls begeistert und lobt ihn als freundlich, zuvorkommend und dazu hochintelligent. „Er will sich einbringen und fragt immer, ob er irgendwie helfen kann“, lobt Rahn. „Ich habe keine Lust, den ganzen Tag nur herumzusitzen“, sagt Jiwan dazu. Kontakte zu seiner Familie hat er über das Internet.

So erfährt er, dass die IS-Terroristen inzwischen nur noch 50 Kilometer von Qamischli entfernt sind. Die Angst vor der Terrormiliz hat ihn auf seiner Flucht begleitet. „Vor denen muss man sich auch in Deutschland in Acht nehmen“, sagt er. Es sei deshalb richtig, wenn genau kontrolliert werde, wer in das Land komme. Manche Flüchtlinge hätten böse Absichten und wollten einen Anschlag verüben. Mehrmals erklärt Jiwan, wie wichtig es ihm sei, die zu warnen, die ihm nun helfen.

Er selbst hofft, dass er sich eine neue Existenz aufbauen kann. Doch trotz aller Mühe, sich anzupassen: Sein altes Leben wird ihn nicht so schnell loslassen. „Nachts schlafe ich nur schlecht ein und habe häufig Albträume“, sagt er.

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