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Millionenprojekt im Kreis Pinneberg : Wenn Stromkabel in der Erde verschwinden

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Freileitung zwischen Uetersen und Wedel verschwindet. Bis 2020 soll gesamtes Regionalnetz unsichtbar sein.

shz.de von
erstellt am 11.Mai.2016 | 10:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Sie ist nicht gerade eine Zier für den Geestrand im Kreis Pinneberg: Die Mittelspannungsleitung zwischen Uetersen und Wedel. Nun soll die Stromtrasse unter der Erde verschwinden. Gestern präsentierte die Schleswig-Holstein Netz AG (SH Netz), Betreiberin des regionalen Netzes, ihre Pläne für das Drei-Millionen-Euro-Projekt in Heist den Bürgermeistern der betroffenen Gemeinden.

„Projekte dieser Größenordnung sind für uns eher selten“, sagt Marcus Bumann, Leiter des Netzcenters Uetersen. Von dort wird das Netz in der Region Pinneberg überwacht. Die alte Freileitung ist 12,4 Kilometer lang. Weil die SH Netz die neue 30-Kilovolt-Leitung nicht wie mit dem Lineal gezogen durch die Landschaft, sondern im Zickzackkurs entlang von Straßen und Flurgrenzen verlegt, wird sie etwa sechs Kilometer länger als bisher. Die Trasse quert 111 Flurstücke, zwölf Gräben und im Süden Uetersens die Pinnau. Nachdem die Leitung verlegt worden ist, bauen Arbeiter 49 Stahlmasten ab. In Holm und Wedel bleibt jeweils ein Mast stehen. Mobilfunkanbieter nutzen sie dann für ihre Sender.

Störungsanfällig: Ein Baum beschädigte im Januar bei Holm einen Mast.
Störungsanfällig: Ein Baum beschädigte im Januar bei Holm einen Mast. Foto: SH Netz

„Die Erdverkabelung ist im Lokal- und Regionalnetz inzwischen Standard“, sagt Ingenieur Bumann. Die Baukosten seien, anders als bei Höchstspannungsleitungen wie Südlink, vergleichbar mit denen von Freileitungen. „Insgesamt sind die Erdkabel wirtschaftlicher. Die Versorgungssicherheit wird erhöht, weil sie keinen atmosphärischen Störungen wie Blitzen, Stürmen und Eis ausgesetzt sind. Es gibt keine von Vögeln verursachte Kurzschlüsse. Und wir ersparen uns aufwendige Rodungsarbeiten entlang der Trasse“, sagte Bumann. Optischer Pluspunkt: Für viele Menschen verschandeln Masten und Kabel die Natur. Sie sind froh, wenn beides im Boden verschwindet.

Die alte Leitung stammt laut Bumann aus den Sechzigerjahren. Der Stahl rostet, die Betonfundamente sind schwach. „Die Kosten für eine Sanierung hätten bei 900.000 Euro gelegen“, sagte er. Die neue Leitung wird die gleiche Kapazität haben wie die alte. Die SH Netz rechnet nicht damit, dass in der Region Pinneberg die Stromeinspeisung deutlich zunimmt.

Die Schleswig-Holstein Netz AG (SH Netz) ist Betreiberin von Strom- und Gasleitungen in etwa 1000 Kommunen in Schleswig-Holstein und Nordniedersachsen. Mehr als 220 schleswig-holsteinische Kommunen sind als Aktionäre direkt an ihr beteiligt. Die elf schleswig-holsteinischen Kreise sind an der Muttergesellschaft Hanse-Werk AG beteiligt. Die SH Netz betreibt etwa 50.000 Kilometer Mittel- und Niederspannungs-, 15.000 Kilometer Gas- und 7500 Kilometer Kommunikationsnetze. Seit 2014 betreibt sie zudem 2600 Kilometer 110-Kilovolt-Hochspannungsnetze.
Je nach Übertragungszweck gibt es Stromnetze mit unterschiedlicher Spannung. Übertragungsnetze ermöglichen grenzüberschreitenden Stromtransport über große Entfernungen. Die Stromkreislänge der Übertragungsnetze beträgt etwa 35.000 Kilometer. Übertragen wird bei Drehstrom mit Höchstspannung von 220 Kilovolt oder 380 Kilovolt, bei den geplanten neuen Höchstspannungs-Gleichstrom-Leitungen wie Suedlink, die auch durch den  Kreis Pinneberg führen soll, mit bis zu 525 Kilovolt. In Deutschland gehören die Höchstspannungsnetze meist Tennet, 50-Hertz-Transmission, Amprion und Transnet-BW. In Verteilernetzen wird der Strom in Hoch-, Mittel- und Niederspannung übertragen.
Das Hochspannungsnetz (60 bis 220 Kilovolt, 77.000 Kilometer) dient der Grobverteilung von Strom. Der Strom wird aus dem Höchstspannungsnetz zu Umspannwerken von Ballungszentren oder großen Industriebetrieben geleitet. Das Mittelspannungsnetz (sechs bis 60 Kilovolt, 479.000 Kilometer) verteilt den Strom an regionale Transformatoren oder direkt an größere Einrichtungen wie Krankenhäuser oder Fabriken. Das Niederspannungsnetz (230 oder 400 Volt, 1.123.000 Kilometer) dient der Verteilung an private Haushalte und Gewerbe. Diese Netze gehören meist regionalen Betreibern.

Die Leitung besteht aus zwei Bündeln mit jeweils drei Kabeln. Etwa zwölf Kilo wiegt ein Meter dieses Strangs. Er wird in einer Tiefe von 80 Zentimetern bis drei Metern verlegt. Dies geschieht entweder in einem Graben, der später zugeschüttet wird, oder mit einem Bohrer im Untergrund. Die Leitung verläuft in Orten oft parallel zu Straßen und außerhalb über landwirtschaftliche Flächen. „Wir mussten uns mit etwa 30 privaten Grundstückseignern einigen“, sagte Bumann. Eine Bebauung der Trasse sei nicht möglich, die landwirtschaftliche Nutzung meist schon.

Die Bauarbeiten beginnen am 17. Mai. Los geht es mit dem ersten Bauabschnitt in Moorrege und Heist. Er soll Ende August fertig sein. Weiter geht es mit dem zweiten Bauabschnitt nördlich von Holm. Dort arbeitet das mit der Verlegung beauftragte Unternehmen Sitte bis Ende Oktober.

Ausgedient: Diese Freileitung, hier ein Abschnitt zwischen Uetersen und Moorrege, soll spätestens 2017 verschwinden.
Ausgedient: Diese Freileitung, hier ein Abschnitt zwischen Uetersen und Moorrege, soll spätestens 2017 verschwinden. Foto: SH Netz
 

Im September und Oktober steht der Bauabschnitt von Uetersen bis Moorrege an. Von November bis März folgt der Abschnitt von Holm bis Wedel. Die Versorgungssicherheit sei während der Arbeiten stets gewährleistet, sagte Bumann. Denn erst wenn die neue Leitung betriebsbereit sei, folgt ab März 2017 der Rückbau der alten Kabel und Masten.

Ziel der SH Netz ist, bis zum Jahr 2020 ihr Mittelspannungsnetz unter die Erde zu bringen. 93 Prozent sind es bereits im Kreis Pinneberg und 88 Prozent in Norddeutschland. Derzeit gibt es noch 50 Kilometer Freileitungen mit 274 Masten im Kreis Pinneberg. Insgesamt sind es 2143 Kilometer und 17.650 Masten. Bis zu 200 Kilometer Erdkabel verlegt die SH Netz pro Jahr.

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