Tiedemanns Elbansichten : Wenn man es mal eilig hat

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Auf dem Weg zur Bahn noch schnell eine Blume kaufen, dachte sich Kolumnist Arne Tiedemann. Keine gute Idee.

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15. November 2019, 10:00 Uhr

Was ist eigentlich Eile? Die kleine Schwester der Hektik? Die gezwungen erhöhte Geschwindigkeit bei zu wenig Zeit für zu viele Aufgaben? Oder doch nur die eigene Unfähigkeit, seine Dinge verdammt noch mal rechtzeitig zu regeln? Irgendwie alles. Diesbezüglich zur Abwechslung mal etwas in eigener Sache. Ich persönlich versuche, so etwas wie Eile weitgehend aus meinem Alltag herauszuhalten, es sei denn, es ist ein Köter hinter mir her.

 

Ganz ungewohnt hatte ich es letzte Woche dann aber doch mal eilig und das ganz ohne Kläfftöle an den Hacken. Ich verließ meinen Arbeitsplatz später als gedacht und wollte vorm Einsteigen in den Zug nach Hause noch schnell im Bahnhof ein Blümchen kaufen; neben Bargeld das einfallsloseste, aber jedoch hübschere Geschenk. Da ich mich damit nicht lange aufhalten wollte, stratzte ich entschlossen in den Blumenladen und scannte beim Betreten des Geschäfts zeitgleich den Blumen- und Grünpflanzenbestand. Männer sind nämlich doch multitaskingfähig.

Schönheitsfragen

Dazu bin ich überdies auch noch ziemlich entschlussfreudig und hatte mich nach nicht einmal sieben Sekunden für eine einzelne Sonnenblume entschieden. Sieht gut aus, riecht gut, reicht also. Ich nahm das lange Ding aus dem Eimer und trat forsch damit zum Bezahlen an die Kasse. Der Verkäufer floskelte „Die soll’s sein?“ und ich floskelte zurück – „Ääh, ja“. Ich holte mein Geld aus der Tasche und der Verkäufer sagte: „Och, die ist aber nicht mehr so schön, ich suche Ihnen mal eine frischere raus.“ Er taperte seelenruhig durch das Geschäft und nahm meinen energischen Einwand, dass dieses Exemplar schon okay wäre, gar nicht wahr.

Gefühlt unendlich studierte er die fünf oder sieben Sonnenblumen im Eimer durch und entschied sich dann für eine, die nach meiner laienhaften Meinung nicht anders aussah als die, die ich schon angeschleppt hatte. Er kam zurück, betrachtete die Blume mit der Genauigkeit eines Uhrmachers und fragte über den Brillenrand: „Soll ich sie noch etwas kürzen?“ „Nein“, sagte ich drängelnd. Ich nehm‘ die so. Mein Zug fährt gleich!“

Die entscheidenden Sekunden

Als würde ich eine Sprache sprechen, die er nicht versteht, schnitt er einige Zentimeter vom Stiel ab und wickelte die Blume in ein Papier, zweimal. Beim ersten Mal hat er sich nämlich verwickelt. Dann knöpfte er mir 2,50 Euro ab, ich hatte es passend, und er sagte: „Warten Sie, ich hab da noch was...“ Er griff unter die Theke und drückte mir ein Päckchen „Blumenfrisch“ in die Hand. Als ich aus dem Laden rannte, hörte ich noch den Satz: „Einen schönen Tag denn noch.“ Und oben am Gleis angekommen, sah ich meinen Zug noch aus dem Bahnhof rollen. Jetzt hatte ich Zeit.

Unser Kolumnist Arne Tiedemann ist eigentlich Bibliothekar und schreibt hier jede Woche über Heimatliebe, Spleens und Alltagsphilosophien. Sie wollen noch mehr Elbansichten lesen? Hier finden Sie die bisher erschienenen Kolumnen.
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