Wenn Kirche alle Sinne berührt

Gesangsstarkes Trio: Lino Ackermann( von links), Svjatoslav Martynchuk und Keno Brandt.
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Gesangsstarkes Trio: Lino Ackermann( von links), Svjatoslav Martynchuk und Keno Brandt.

Standing Ovations in der Rellinger Kirche nach Aufführung der Johannes-Passion

shz.de von
25. März 2018, 16:00 Uhr

Kein anderes Werk gehört so sehr zu Ostern wie die Johannes-Passion. Mit etwas mehr als zwei Stunden ist diese nicht eben kurz, doch wenn man, wie am Sonnabend in der gut besuchten Rellinger Kirche geschehen, vollständig ergriffen ist, wird Zeit zur Nebensache.

Mit einer sehr eindrucksvollen Darbietung überzeugten – nachhaltig wirkend – die Vokalisten der Rellinger Kantorei. Verstärkt wurden die Sängerinnen und Sänger durch die Sinfonietta Lübeck. Als Solisten waren einmal mehr international renommierte und bekannte Künstler zu hören. Im Vorwege sei gesagt, dass viele beeindruckende Soli zu hören waren, hochkonzentriert gesungen sowie hervorragend von den Musikern begleitet. Chapeau für diese Aufführung, die unter der Gesamtleitung von Kantor Oliver Schmidt zu einem ganz außergewöhnlichen Konzertereignis geriet.

„Herr, unser Herrscher“: Mit diesem Ruf legte der Chor gleich zu Beginn unter dem schwungvollen Dirigat von Oliver Schmidt ein kraftvolles Tempo zu. Seine bestens vorbereiteten Rellinger Sänger folgten ihm mit viel Enthusiasmus und in gewohnter Präzision.

Zu hören war die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach aus dem Jahre 1749. Bachs vierte Fassung, und hörbar intensivste, vollzieht, wie alle musikalischen Passionen, das Leiden und Sterben Jesu Christi nach, der Text kommt aus dem Johannes-Evangelium.

Erneut dabei war Bassist Keno Brandt, der das Publikum zuletzt im Dezember anlässlich der Aufführung des Weihnachts-Oratoriums mit seiner charismatischen Ausstrahlung begeistert hatte. Als weitere Solisten ergriffen Carmen Bangert (Alt), Ulrike Meyer (Sopran), Svjatoslav Martynchuk (Tenor), und Lino Ackermann (Bariton) das Publikum.

Es gelang ihnen und den Instrumentalisten, die im Text der Arien manifestierte Geschichte der Verurteilung und Kreuzigung Christi intensiv und für die Zuhörenden nachempfindbar zu machen, aber auch kontemplative Momente zu schaffen, in denen es möglich war, dem eigenen Empfinden nachzusinnen und so eine intensive Form der Annäherung an die Leidensgeschichte Christi zu ermöglichen.

Wunderbar, wie harmonisch Choristen, Solisten und Instrumentalisten aufeinander eingestimmt waren. Svjatoslav Martynchuk erstaunte mit stimmlicher Präsenz und Ausdruckskraft, schien förmlich mit dem Evangelistenpart zu verschmelzen. Keno Brandt, der mittlerweile weltweit konzertiert, gestaltete seine Christus-Partie souverän und mit natürlicher Würde.

Auch ihn kennt und schätzt das Publikum in Rellingen: Bariton Lino Ackermann, der seinem seinem Pilatus eine Vehemenz verlieh, die insbesondere in der Interaktion mit Keno Brandt beeindruckte.

Mit warmherziger Leichtigkeit ließ Ulrike Meyer ihren klaren Sopran erklingen. „Ich folge dir gleichfalls mit freudigen Schritten…“. Ebenfalls authentisch war die Leistung der Altistin Carmen Bangert.

Die Musiker der Sinfonietta Lübeck fügten sich engagiert in das Gesamtwerk ein. Und immer wieder der großartige Chor, als stimmliche Einheit klang- und ausdrucksstark die Beteiligten und die tobende Menge darstellend. Bemerkenswert: Der stürmische und langanhaltende Schlussapplaus setzte erst nach einem Schweigen und Innehalten ein, gefolgt von Standing Ovations.

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