Wenn Isolation zum Vorteil wird

Um sich vor möglichen Infektionen zu schützen, werden auch im Kreis Makete in Tansania Mund-Nasen-Schutzmasken genäht.  Fotos: michael koehn
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Um sich vor möglichen Infektionen zu schützen, werden auch im Kreis Makete in Tansania Mund-Nasen-Schutzmasken genäht. Fotos: michael koehn

Im Kreis Makete in Tansania hat sich Covid-19 noch nicht ausgebreitet / Die Partnerdörfer der Kirchengemeinde Holm hoffen, von der Pandemie verschont zu bleiben

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29. Mai 2020, 10:33 Uhr

Seit 24 Jahren pflegt die Kirchengemeinde Holm eine Partnerschaft mit den Dörfern Ipepo und Matundu in Tansania. Sie liegen im Kirchenkreis Lupila im Kreis Makete, einer der ärmsten ländlichen Regionen im Süd-Westen Tansanias. In den 17 Dörfern leben über 1700 Aidswaisen. Für 200 von ihnen haben Menschen über das Tansania-Team der Gemeinde Patenschaften übernommen. Auch sonst gibt es einen engen Kontakt zwischen den Dörfern in Tansania und der Kirchengemeinde in Holm. Weshalb die Pinneberger auch regen Anteil nehmen an dem Umgang mit der Corona-Pandemie in Tansania. Ein Blick über den Tellerrand.

Mit Aids und seinen Folgen kämpfen die Menschen in Tansania bereits seit Jahrzehnten. Nun kommt mit Corona die nächste Seuche auf die Menschen zu – auch, wenn es bislang kaum bestätigte Infektionen im Kirchenkreis Lupila gibt. Wie geht man dort mit der Pandemie um und ist ein Lockdown vorstellbar?
Egnatio Mtawa, Kreispräsident des Kreises Makete: Vom Gesundheitsministerium Tansanias sind landesweit Maßnahmen für alle Personen zur Vorbeugung angeordnet worden. Da allerdings die begrenzten Ressourcen auf städtische Gebiete konzentriert wurden, fehlt in ländlichen Gemeinden Wissen über Covid-19. Menschen haben Angst, einige werden nachlässig, wenn sie keine eindeutigen Symptome erkennen. Wegen befürchteter Selbst- und Außenstigmatisierung steigt die Gefahr der Übertragung. Bis heute sind wir hier fast sicher. In der Ukinga gibt es keinen bestätigten Fall, der an Covid-19 gestorben ist, doch sicher gibt es verdeckte, unbemerkte Fälle. Wir versuchen, soziale Distanz zu wahren.

Susanne Schmidtpott, Holmer Pastorin: Für viele gibt es nur die wenigen öffentlichen Wasserhähne – wie soll das da mit dem ständigen Händewaschen gehen? Und die Gesundheitsversorgung ist zwar in der letzten Zeit, nicht zuletzt durch die neue Krankenstation in Ipepo, besser geworden – aber Covid-19 wäre man dort keinesfalls gewachsen. Ein Lockdown ist in Ländern, in denen viele mehr oder weniger von der Hand in den Mund leben, quasi unmöglich. Was die Freunde uns dort voraushaben, ist immerhin, dass ein deutlich größerer Teil des Lebens an der frischen Luft stattfindet. Wir können nur hoffen und beten, dass die Pandemie unsere Partnergemeinden verschont – ausnahmsweise ist die abgelegene Lage in den Livingstone Mountains mal ein Vorteil.


In Deutschland werden Virologen entweder „vergöttert“ – oder als „Teufel“ hingestellt. Wie sieht man Wissenschaft in Tansania?

Gabriele Mayer, Pastorin aus Hamburg, lehrt am Mwika Lutheran Bible and Theological College in Marangu, Tansania: Es gibt auch in Tansania für Fakten oft keinen Raum. Es gibt im Kiswahili kein Wort für „Faktum“. Wenn überhaupt, wird das Englische „fact“ benutzt. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden oft als sündig abgetan, so wie die Evolutionstheorie. Als „Fact“ dagegen wird angesehen, dass Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hat, und der Mensch persönlich von Gott aus Erde geschaffen ist. Es gibt nur wenig Gefühl für die Unterschiede zwischen „Fakt“ und „Glaubenswahrheit“. Aber wenn die Wazungu, die Weißen, die doch eigentlich alles immer besser wissen und können, sich so abschotten (Amerika und Europa hatten alle Grenzen geschlossen, Anm. d. Red.), dann muss da was ganz Schreckliches kommen. Die Gerüchteküche brodelt vor sich hin: Es hieß, alle Infizierten werden vergast (in China) oder erschossen (in Ruanda), weil es keine Heilung gibt.

In Deutschland sieht man, dass in der Krise Männer Home-Office machen, Frauen sich zusätzlich auch um Kinder, Home-Schooling und Haushalt kümmern. Wie sieht es jetzt mit der Gleichberechtigung in Tansania aus?
Pastorin Gabriele Mayer: Landläufige Sichtweise ist, die Frau ist kein echtes Geschöpf Gottes, sie wurde nur aus dem Mann geschaffen. Und sie ist es, die Sünde und Unheil in die Welt gebracht hat. Darum sei es kein Wunder, dass die erste Corona-Infizierte in Tansania eine Frau war. So leider die immer noch verbreitete Meinung, auch unter Theologen. Aber es gibt da auch Gegenwind.

Michael Koehn, koordiniert für die Stadt Wedel den Kontakt mit dem Kreis Makete und Mitglied im Tansania-Team: Auch wir haben bei unseren Besuchen oft festgestellt, dass es zwar in manchen Dörfern weibliche Würdenträger gibt, wie eine Bürgermeisterin. Wenn es aber um das Servieren geht, sitzen auch „rangniedere“ Männer am Tisch und Frau Bürgermeisterin reicht das Wasser zum Händewaschen und bedient die Gäste.

Zu den wirtschaftlichen Folgen: Was tun die Menschen jetzt, was kann in Zukunft getan werden?
Zakaria Jombo, Sekretär der Diakonie in Lupila: Wir haben in der Vergangenheit Schneiderinnen ausgebildet, die sich nun auf die Produktion von Gesichtsmasken konzentrieren. Das bringt ihnen ein kleines Einkommen und erhöht die Sicherheit. Es besteht die Hoffnung, dass bei uns im sehr ländlichen Raum die Ansteckungen gering bleiben werden, da viele Familien Selbstversorger sind und von dem leben, was sie auf dem eigenen Grundstück anbauen. Sie kommen nur mit Familienangehörigen zusammen.

Dionis Msinga, Schulleiter der Secondary School in Ipepo: Alle Schulen sind geschlossen und die Schüler zu Hause. Die Regierung möchte Unterricht durch Fernsehen und Radio anbieten, diejenigen, die Zugang zum Internet haben, sollten das auch nutzen. Hier in der Ukinga kann sich aber niemand diese Medien leisten, tatsächlich gibt es sogar hier in den Schulen keinen Internetzugang. Die Menschen hier leben durchschnittlich von weniger als einem Viertel Euro pro Tag. Weil, besonders in den Zeiten von Covid-19, der Konsum höher ist als die Produktion, können sie sich keine Sonnenkollektoren für Beleuchtung leisten, erst recht nicht Fernsehen oder Radio kaufen.

Michael Koehn: Ein Problem sehe ich auch darin, dass viele Kinder durch Aids ihre Eltern verloren haben und nun oft von Großeltern betreut werden. Diese Großeltern sind aber besonders von Covid-19 bedroht. Was passiert mit den vielen Waisenkindern, wenn jetzt auch noch die Oma an einem Virus stirbt? Wir haben es schon in normalen Zeiten nicht leicht, genug Gelder zusammen zu bekommen, um eine vernünftige Grundlage für gute Bildung der Kinder zu gewährleisten. Wenn nun auch noch weitere Waisenhäuser gebaut und Betreuung organisiert werden muss, dürfte der ohnehin sehr arme Staat finanziell heillos überfordert sein.

Wie kann vor Ort geholfen werden?
Michael Koehn: Bisher haben wir, als Verein und in den Gemeinden, neben den Zuwendungen für einzelne Patenkinder auch Sachspenden gesammelt. Beispielsweise Kinderkleidung, Computer, Smartphones oder Schulbedarf haben wir einmal im Jahr nach Tansania geschickt. Das fällt in diesem Jahr aus. Umso wichtiger empfinde ich es, den Menschen finanziell Hilfe leisten zu können. Wir sollten in Wohnraum investieren und es müssen vielleicht neue Waisenhäuser gebaut werden. Die Kinder brauchen zum Lernen Tische und Stühle sowie einfache Solarlampen, da es um 18.30 Uhr stockdunkel ist in Tansania. Um das zu ermöglichen, wäre es hilfreich, wenn Menschen sich, möglichst langfristig, finanziell engagieren. Ziel ist nicht Alimentierung durch Spenden, sondern Hilfe zur Selbsthilfe. Schon mit 10 Euro monatlich kann für ein Waisenkind Ernährung und Bildung sichergestellt werden.

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