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Zollamt Pinneberg : Wenn Internetshopping richtig teuer wird

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Das Schnäppchen aus Fernost kann sich bitter rächen, wenn man auf eine Fälschung hereingefallen ist. Deren postalische Einfuhr ist grundsätzlich verboten.

shz.de von
erstellt am 08.Dez.2013 | 06:00 Uhr

Ein Paar „Nike Air Force 1“-Schuhe in Military Green für 30 US-Dollar? Da schlägt man doch zu, oder? Im Internet ist eben so manches Schnäppchen zu machen. Das weiß man doch. Und was soll’s, dass die neuen Edel-Treter aus China kommen? Doch in dem zweistöckigen Backsteingebäude in der Drosteistraße 1 in Pinneberg ist die lange Reise hierher, die trotz der höheren Versandkosten 100 Euro sparen sollte, vorerst beendet.

Jetzt – zur Weihnachtszeit – trudeln im Erdgeschoss des unscheinbaren Gebäudes gegenüber der Drostei, wo 16 Zollbeamte unter der Leitung von Amtsrat Walter Scherz darüber wachen, dass alles mit rechten Dingen zugeht, täglich bis zu 80 Pakete oder Päckchen ein. Dabei verstehen Scherz und seine Kollegen gar keinen Spaß. Die zumeist bereits von den Mitarbeitern des Internationalen Postzentrums (IPZ) am Flughafen in Frankfurt am Main geöffnet und wieder versiegelten Sendungen, untersuchen die Zöllner, ordnen die Waren in Gruppen ein, bewerten sie und errechnen die entsprechenden Zölle – meist anhand von Rechnungen, die jedoch sehr oft fehlen.

Bei den Nike-Plagiaten kann es jedoch nicht nur wegen des „Strafzolls“ ungeahnt teuer werden, sondern weil Fälschungen – egal welcher Art – generell einem Einfuhrverbot unterliegen. Zollobersekretär Marius Hübner (31) aus Rellingen, der gerade in einer Liste blättert, die alle Vorgänge akribisch nach Nummern geordnet über zehn Jahre festhält, weiß, dass besonders der amerikanische Textil- und Schuhriese Nike, was Plagiate anbelangt, knallhart über deutsche Anwälte durchgreift.

Intetnetshopping ganz schnell auf 700 Euro

Wer sich also diebisch auf seinen „Air Force 1-Schnapper“ freut, findet stattdessen eine Benachrichtigung der Post vor, er möchte sich doch zeitnah in der Drosteistraße beim Zoll einfinden, wo man ihm klarmacht, dass man erstens die Schuhe in den Schredder bringe und er zweitens eine anwaltliche Unterlassungserklärung zu unterschreiben habe, künftig von Fälschungen die Finger zu lassen. Nebst Kostennote könne sich solches Intetnetshopping ganz schnell auf 700 Euro belaufen.

Denn erlaubt ist beim weltweiten Einkaufen wenig: Sobald eine Ware aus einem sogenannten „Drittland“ kommt, das nicht zur EU gehört, sind Waren im Wert von 22 Euro zollfrei, die Geschenksendung der Tante aus Amerika bis 45 Euro, danach muss man bis zu einem Wert von 150 Euro in jedem Fall 19 Prozent „Einfuhrumsatzsteuer“ berappen – danach wird es dann richtig teuer. Je nach Warenart können Abgaben zwischen zwei und 17 Prozent fällig werden.

Immer häufiger, stellt Hübner fest, werden außerhalb der EU via Internet auch „Nachbauten“ von Arzneimitteln und Muskelaufbau-Präparaten bestellt. Selten sind sich dann die Pinneberger Zöllner bei der Bestimmung der Inhaltsstoffe sicher, nachdem man das Päckchen geöffnet hat: „Wir fotografieren dann die Liste der Zutaten und schicken das Bild per Mail nach Kiel zur zuständigen Arzneimittelüberwachungsbehörde. Diese Stelle entscheidet, ob die Präparate abgefertig werden dürfen oder, ob wir sie wegen ihrer Gefährlichkeit vernichten müssen.“

„Wir betreuen auch grenzüberschreitende Umzüge"

Für die Umwelt schädlich können aber auch geistige Güter sein, wie sich Zollamtsrat Walter Scherz an einen besonders dreisten Fall erinnert: „Wir betreuen auch grenzüberschreitende Umzüge, bei denen vom Grundsatz her nichts zu verzollen ist, weil es sich ja um persönliche Sachen handelt. Es war ein Sportlehrer aus Namibia, der auch drei Waffen, für die er eine Erlaubnis hatte, anmeldete.“

Abgewickelt wurde der Umzug von Namibias Hauptstadt Windhoek nach Würzburg von einer Spedition aus dem Kreis Pinneberg, weil die Container mit dem Schiff nach Hamburg transportiert worden waren. Stutzig hätte Scherz ein Zusammenhang gemacht – zwischen den Pistolen und der Tatsache, dass der afrikanische Staat, in dem noch heute 32 Prozent der Bevölkerung deutsch sprechen, bis Ende des Ersten Weltkrieges deutsche Kolonie war und bekannt dafür sei, dass dort rechtsradikales Gedankengut auf fruchtbaren Boden falle.

Scherz: „Um zehn Uhr standen wir bei ihm in Würzburg vor der Tür, mit einem Durchsuchungsbeschluss und der Zollfahndung. Aus den geöffneten Containern fielen uns Säbel, Dolche, weitere Schusswaffen und massenweise rechtsradikale Schriften entgegen.“

Das Zollamt in Pinneberg

Das Zuständigkeitsgebiet des Zollamts  erstreckt sich vom Norden Hamburgs (Altona, Eidelstedt, Schnelsen) über Norderstedt und Henstedt-Ulzburg südlich bis etwa Hohenwestedt. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt bei der gewerblichen Ein- und Ausfuhr. 90 Prozent der Firmen, für die das Zollamt in der Kreisstadt zuständig ist, nehmen am Computer an „Atlas“ (automatisiertes Tarif- und lokales Zoll-Abwicklungs-System) teil. Die übrigen wickeln noch in Papierform ab. Pro Monat werden auf beiden Wegen  durchschnittlich 450 Importe und 600 Exporte abgewickelt. Bei den Einfuhren dominieren  Schuhe und Textilien aus Fernost sowie Weine und Spirituosen beispielsweise aus Südafrika, Kalifornien, und Australien. Die Ausfuhrschwerpunkte: Maschinen, Rüstungstechnologie, Autos, chemische Produkte, Pflanzen und andere landwirtschaftliche Produkte.

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