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Binge-Eating : Wenn Essanfälle den Alltag bestimmen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Katharina aus Pinneberg ist 29 Jahre alt und wiegt 125 Kilogramm. Sie leidet unter Binge-Eating, das sie immer wieder zu Essanfällen treibt – ein Grund ist ihr Übergewicht. Jetzt will sie den Teufelskreis durchbrechen.

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erstellt am 11.Sep.2014 | 16:15 Uhr

Pinneberg | Berge von Süßigkeiten, tafelweise Schokolade, ganze Familienpackungen Eis: Zwei- bis dreimal pro Woche schlang Katharina L. (29) aus Pinneberg Unmengen von fettigem Essen in sich hinein. Seit sie zwölf Jahre alt war. Nicht etwa aus Hunger, sondern auf der Suche nach Trost. Der Begriff dafür: Binge-Eating. Ihr letzter Besuch auf der Waage: 125 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,72 Metern.

Seit kurzem ist Katharina L. stabil, dank Ernährungs- und Psychotherapie sowie Besuchen in einer Hamburger Selbsthilfegruppe. Sie möchte es bleiben und anderen Betroffenen Unterstützung anbieten. Deshalb startet sie eine neue Binge-Eating- und Bulimie-Selbsthilfegruppe in den Räumen der Evangelischen Familienbildung Pinneberg. Der nächste Termin: 16. September. Ein solches Angebot gibt es in Pinneberg bisher nicht. Menschen, die unter Binge-Eating oder Bulimie leiden, jedoch schon.

In der Suchtberatung des Diakonischen Werks Hamburg-West/Südholstein in der Bahnhofstraße sind Essstörungen durchaus Thema, wie Diplom-Pädagogin Marei Theunert bestätigt: „Bulimie ist eine der häufigsten Essstörungen. Das zeichnet sich auch in unseren Beratungen ab. Die Problematik Binge- Eating kommt ebenso immer mehr ans Tageslicht, auch bei uns.“

Häufig sei die Erkrankung mit Schuld- und Schamgefühlen verbunden, die den Weg in eine Beratungsstelle nicht einfach machen. Generell sei es eher ein Frauenthema. „Aber ich habe hier auch Männer mit einer Binge-Eating-Erkrankung in der Beratung“, so Theunert.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) nennt Zahlen. So seien im Rahmen von Untersuchungen in Deutschland Häufigkeiten von 0,7 bis 1,3 Prozent der Bevölkerung – also bis zu mehr als einer Million Betroffene – mit einer Bulimie-Erkrankung ermittelt worden. Schätzungen zum Binge-Eating gehen von von ein bis drei Prozent Betroffener aus.

Mit dem Angebot einer Selbsthilfegruppe möchte Katharina L. Männer und Frauen jeden Alters ansprechen. „Es soll darum gehen, Erfahrungen auszutauschen, zu schauen, welche Gründe dazu führen, sich gegenseitig zu stützen und Rat zu geben“, so Katharina L. „Außenstehende verstehen die Erkrankung oft nicht.“

Bei Katharina L. waren es die Hänseleien der Mitschüler, die sie mit Essanfällen zu kompensieren versuchte. Sie habe eine Brille getragen, dann eine Zahnspange, keine Markenklamotten gehabt, blieb im Sommer bleich, später sei das Übergewicht dazugekommen. „Ich war ein beliebtes Opfer“, so Katharina L., die in Rostock aufgewachsen ist und seit zwei Jahren in Pinneberg lebt.

„Es hat niemand eingegriffen. Auch die Unterstützung zuhause fehlte. Meine Familie ernährt sich genauso falsch, sie sind alle übergewichtig“, so die 29-Jährige. „Fettiges süßes Essen war immer vorhanden.“ Das habe alle Probleme kurzfristig weggespült. „Es lässt einen für den Moment vergessen“, beschreibt sie die Hintergründe. Im Nachhinein habe sie sich „grauenhaft“ gefühlt, gefangen in einem Teufelskreis.

Ernsthafte Freundschaften habe sie während der Schulzeit nicht gehabt. Ihr habe das Selbstbewusstsein gefehlt, sich schön zu finden, ihren Körper anzunehmen. Dafür aß sie, bis ihr schlecht wurde. „Bulimiker machen dasselbe, aber erbrechen es. Das Verhalten, die Geschichten, Gefühle und Gründe ähneln sich“, weiß Katharina L. aus Besuchen einer Hamburger Selbsthilfegruppe.

Immer wieder gab es nach ihrem Abitur auch stabile Phasen im Leben der 29-Jährigen, doch Schicksalsschläge oder Stress im Job ließen sie immer wieder einbrechen. „Dass Offensichtliche, dass man einen Mann hat, ein schönes Zuhause, das sieht man nicht. Andere Probleme treten in den Vordergrund.“ Dazu kämen Schwierigkeiten, vor anderen zu essen. „Man denkt, man hat kein Recht, mit der Figur zu essen.“ Auch ihre Familie sei noch immer im „Verdrängungsmodus“. „Sie wollen nicht sehen, dass die Ursprünge bereits in der Jugend lagen.“

Katharina L. möchte ihr Leben ändern. „Mein Ziel ist weiterhin: stabil bleiben, andere Auswege und Alternativen sehen. In ferner Zukunft möchte ich auch mein Gewicht reduzieren.“ Ihre Geschichte erzählt sie, um anderen Betroffenen Mut zu machen. Ihr Rat: „Wenn man sich in dieser Geschichte wiedererkennt: Hilfe holen.“

Das nächste Treffen der Binge Eating- und Bulimie-Selbsthilfegruppe startet am Dienstag, 16. September. Die Treffen sind alle zwei Wochen dienstags von 18 bis 20 Uhr in den Räumen der Evangelischen Familienbildung Pinneberg, Bahnhofstraße 18-22, Raum E 22, geplant. Der Einstieg ist jederzeit möglich. Informationen  bei Katharina L. unter 04101-8358887. Hilfe bietet auch die Suchtberatungsstelle der Diakonie, Bahnhofstraße 29-31, in Pinneberg. Eine offene Sprechstunde gibt es montags 15 bis 17 Uhr, dienstags 10 bis 12 Uhr, mittwochs 15 bis 16 Uhr und donnerstags 16 bis 19 Uhr, Telefon 04101-408870.
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